In den kommenden Jahren werden immer mehr Menschen an Demenz erkranken - auch in Lünen. © picture alliance/dpa
Demenz

Demenz in Lünen nimmt zu: „Angehörige sind der größte Pflegedienst“

Einer Studie zufolge nehmen Demenzerkrankungen weltweit rapide zu. Auch in Lünen ist der Trend zu beobachten. Derzeit sind die Strukturen vor Ort gut - doch es gibt viele Herausforderungen.

Es sind bedenkliche Zahlen, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im September veröffentlicht hat. Laut einer aktuellen Studie werden im Jahr 2030 – also in gerade einmal neun Jahren – 40 Prozent mehr Menschen weltweit mit Demenz leben als heute. Und auch in Lünen ist die Krankheit auf dem Vormarsch.

„Als ich meine Stelle im Jahr 2009 angetreten habe, hatten rund 60 Prozent unserer Bewohner eine Demenz-Erkrankung. Heute sind es 90 Prozent“, sagt Dirk Kreimeyer. Er ist Leiter des Evangelischen Altenzentrums Lünen. Hier gibt es 80 vollstationäre Pflegeplätze, dazu zehn Plätze in der Kurzzeit- und 18 Plätze in der Tagespflege. Zudem ist Kreimeyer der gemeinsame Sprecher aller vollstationären Pflegeeinrichtungen in Lünen.

Wie viele der Menschen in Lünen an Demenz erkrankt sind, kann er nicht sagen. „Viele Menschen werden auch zuhause betreut und es liegt noch gar keine Diagnose vor. Oder die Diagnose wird durch andere Erkrankungen verschleiert“, weiß Kreimeyer.

Demenzerkrankungen können vielfältige Formen annehmen. „Bei einer Demenz verliert man zunehmend geistige Fähigkeiten, die man früher hatte. Aber wie genau sich das bemerkbar macht, ist bei jedem anders“, erklärt Kreimeyer. Auch deshalb sei der Beruf des Pflegers so anspruchsvoll: Diese individuellen Veränderungen müssen zunächst wahrgenommen und richtig gedeutet werden, um dann auch richtig darauf reagieren zu können.

Dirk Kreimeyer (2.v.r.) ist Leiter des Evangelischen Altenzentrums Lünen und Sprecher aller vollstationären Pflegeeinrichtungen in Lünen.
Dirk Kreimeyer (2.v.r.) ist Leiter des Evangelischen Altenzentrums Lünen und Sprecher aller vollstationären Pflegeeinrichtungen in Lünen. © Beate Rottgardt © Beate Rottgardt

Demenzerkrankungen reichen von leichten bis mittleren Verläufen, bei denen die Betroffenen mit Unterstützung von Fachpersonal und Familienangehörigen noch relativ eigenständig im Alltag klarkommen können, bis hin zu schweren Verläufen. „Da sind dann zum Teil nur noch die Reflexe vorhanden, so wie der Schluck- oder Atem-Reflex“, erklärt Kreimeyer.

Nur sieben Bewohner des Evangelischen Altenzentrums weisen aktuell keine Demenz-Erkrankung auf. Sie sind auf einer separaten Station untergebracht. Warum? Allein das Thema Essen sei ansonsten eine enorme Herausforderung für die Pflegebedürftigen, die nur körperlich erkrankt, aber nicht kognitiv beeinträchtigt seien.

„Wenn diese Menschen dann mit Demenzkranken am Tisch sitzen, die zum Beispiel mit der Hand in der Suppe rumpatschen, sich Milch auf das Frühstücksbrot kippen oder nach ihrer Mama rufen, dann vergeht ihnen die Lust, Essen zu sich zu nehmen“, veranschaulicht Kreimeyer.

Dass die Zahl der Demenzerkrankten auch in Lünen in den kommenden Jahren weiter steigen wird, davon ist Kreimeyer überzeugt. „Wir werden auf jeden Fall einen deutlichen Anstieg bekommen. Die Bevölkerung wird immer älter. Und Demenz ist eben eine Erkrankung des Alters.“

Das sieht auch Annette Goebel so. Sie ist die Koordinatorin für Altenarbeit der Stadt Lünen – und richtet ihren Blick schon über das Jahr 2040 hinaus. Der Anstieg an Demenzerkrankten werde danach noch rapider zunehmen. „Das liegt daran, dass dann die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, hochaltrig werden. Das ist so um das Jahr 2050 der Fall.“

Annette Goebel ist Koordinatorin für Altenarbeit der Stadt Lünen.
Annette Goebel ist Koordinatorin für Altenarbeit der Stadt Lünen. © Goebel © Goebel

Um gut auf die zunehmenden Herausforderungen vorbereitet zu sein, das Thema Demenz in den öffentlichen Fokus zu rücken und die Hilfs- und Betreuungsangebote innerhalb der Stadt stetig auszubauen, hat Annette Goebel im Jahr 2013 zusammen mit zahlreichen Lüner Vereinen und Institutionen das „Netzwerk Demenz Lünen“ gegründet.

Momentan sieht sie die Stadt gut aufgestellt. Doch man müsse sich immer weiter entwickeln. So wie etwa an der Bebelstraße, wo in den kommenden Jahren eine neue Pflegeeinrichtung speziell für Demenzkranke von der Diakonischen Altenhilfe errichtet werden soll. 64 Pflegeplätze sind hier geplant – das sind laut Bedarfsanalyse allerdings immer noch 51 zu wenig. Eigentlich werden in Lünen 115 neue Plätze benötigt.

Doch nicht nur beim Thema Pflegeplätze müsse in Zukunft weiter nachgerüstet werden. „Wir müssen den Menschen und ihren Angehörigen möglichst viele Hilfs- und Entlastungsangebote machen, damit sie möglichst lange zuhause bleiben können“, sagt Annette Goebel. Bis zur totalen Selbstaufgabe der Angehörigen dürfe das aber nicht gehen.

Das weiß auch Dirk Kreimeyer, der sagt: „Die Angehörigen sind der größte Pflegedienst der Nation. Wir müssen als Gesellschaft alles unternehmen, um diese Bereitschaft der Angehörigen zu unterstützen.“ Durch die Hilfsangebote des Netzwerks Demenz habe man in Lünen im Vergleich zu anderen Kommunen „eine super Basis“. Doch gäbe es darüber hinaus viele weitere Herausforderungen, die die Kommune gar nicht alleine meistern könne.

„Wir müssen in die Fachkraft-Ausbildung investieren und den Job so attraktiv machen, dass Menschen sich auch in Konkurrenz zu anderen Ausbildungs-Angeboten dafür entscheiden – und zwar nicht nur dann, wenn sie ein ausgeprägtes Helfer-Syndrom haben“, sagt Kreimeyer. Schließlich sei der Beruf hochkomplex und verlange eine große Professionalität.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld. „Die ambulante Pflege zuhause muss für die Menschen die erste Wahl sein. Die Frage ist: Was können und wollen wir uns als Gesellschaft erlauben? Wie können wir das solidarisch finanzieren?“ Diese Probleme zu lösen sei auch Aufgabe auf Kreis-, Landes- und Bundesebene.

„Das müssen wir hinbekommen“, resümiert Kreimeyer. Wenn man sich die Prognosen der kommenden Jahre anguckt, muss man ihm beipflichten. Eine andere Wahl bleibt der Gesellschaft nicht.

DER UNTERSCHIED ZWISCHEN ALZHEIMER UND DEMENZ

  • Demenz und Alzheimer sind nicht dasselbe.
  • Unter Demenz versteht man ein Muster von Symptomen, das viele verschiedene Ursachen haben kann. Eine Demenz führt dazu, dass sich verschiedene geistige Fähigkeiten im Vergleich zum früheren Zustand verschlechtern.
  • Die Alzheimer-Krankheit ist eine unheilbare Störung des Gehirns. Durch das Absterben von Nervenzellen im Gehirn werden Menschen mit Alzheimer zunehmend vergesslich, verwirrt und orientierungslos. Sie ist die häufigste Ursache für eine Demenz.
  • Damit ist Alzheimer immer Demenz, aber Demenz nicht immer Alzheimer.
Über den Autor
2014 als Praktikant in der Sportredaktion erstmals für Lensing Media aufgelaufen – und als Redaktionsassistent Spielpraxis gesammelt. Im Oktober 2017 ablösefrei ins Volontariat gewechselt und im Anschluss als Stammspieler in die Mantel-Redaktion transferiert. 2021 dann das Comeback im Sport, bespielt hauptsächlich den Kreis Unna.
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Marc-André Landsiedel