Rekordverdächtig

Der Lüner Tunahan Cetinkilic ist mit 21 Jahren schon Fahrlehrer

Es war ein Satz seines heutigen Chefs, der Tunahan Cetinkilic nicht mehr aus dem Kopf ging. „Dich mache ich auch noch zum Fahrlehrer“, hatte der nämlich gesagt. Und sollte Recht behalten.
Tunahan Cetinkilic und seine Chefin Vildan Aytekin. Sie ist gleichzeitig seine Ausbildungsfahrlehrerin. © Stephanie Tatenhorst

Zum 1. Juli hat der 21-jährige Tunahan Cetinkilic seine Stelle als Fahrlehrer in der Fahrschule Europa angetreten – und dürfte damit Lünens jüngster Fahrlehrer sein. Selbst frisch ausgebildet wird er allerdings noch nicht allein auf Fahrstunde geschickt. Derzeit sitzt noch seine Chefin Vildan Aytekin oder ein anderer Ausbildungsfahrlehrer hinter ihm und beobachtet ihn bei seinem Vorgehen.

Fahrschüler müssen zurzeit länger auf ihre Prüfung warten © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

„Er hat die notwendige Balance“, lobt Vildan Aytekin. „Es macht Spaß, dabei zuzusehen, wie er mit den jungen Leuten umgeht.“ Denn auch wenn der 21-Jährige selbst noch jung ist, seine Schüler sind in der Regel noch vier oder gar fünf Jahre jünger. Die akzeptieren ihn völlig als Fahrlehrer. „Ich habe aber eine gute Beziehung zu den Leuten. Die nehmen mich ernst und hören zu, wenn ich etwas sage.“

Vertrauensverhältnis und Verantwortung

Und doch ist es anders als bei den älteren, beobachtet die Chefin. „Die sprechen die gleiche Sprache“, sagt sie lachend. Tunahan weiß halt selbst, welche Musik grad gefragt ist, was gerade angesagt ist oder worüber man als junger Mensch so redet, welche Wortwahl die richtige ist. „Ich kann auch noch verstehen, mit welchem Druck man in eine Prüfung geht – und dann versuche ich, den Leuten meine Erfahrungen mitzugeben.“ Doch das ist nicht alles, was ein Fahrlehrer macht. „Man ist auch so eine Art Vertrauenslehrer“, sagt Tunahan. „Man baut ja über Wochen eine Beziehung zu dem Fahrschüler auf. Nicht nur, weil man die Verantwortung für ihn hat, sondern weil man auch einfach während der Fahrt spricht.“

Das hat auch durchaus echten Ausbildungscharakter. „Später fahren die Leute mit ihren Freunden auf dem Beifahrersitz. Mit denen reden sie dann auch – aber sie dürfen sich dann nicht durch die Gespräche vom Fahren ablenken lassen. Deshalb üben wir das während der Fahrstunde ganz nebenbei.“

Fahrschüler brauchen seit diesem Monat nicht nur eine Maske für den Unterricht.
Fahrschüler brauchen seit diesem Monat nicht nur eine Maske für den Unterricht. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Bei allem, was Tunahan Cetinkilic sagt, wirkt er gefestigt, reif und ausgeglichen. Das, was die Chefin „Balance“ nennt. Trotz seiner Jugend wirkt er unglaublich erwachsen. Das gab ihm sein Elternhaus mit. „Ich machte im Geschäft meiner Mutter eine Ausbildung zum Lebensmittel-Verkäufer. Im Familienbetrieb musste ich auch die Verantwortung übernehmen. Das hat sich zwar mit der Zeit entwickelt, aber da war ich als Sohn des Hauses immer einen Schritt weiter als die anderen Auszubildenden“, sagt er.

Weil das Geschäft direkt neben der Fahrschule lag, kam er regelmäßig in Kontakt zu Inhaber Önder Aytekin, aber auch anderen aus dem Team und auch Fahrprüfern. „Önder hat dann immer gesagt: Aus Dir mache ich auch noch einen Fahrlehrer“, verrät der Neu-Ausbilder. Und tatsächlich entschied er nach dem Ausbildungsende, nochmals etwas anderes zu machen und ganz neues zu lernen. „Ich hatte selbst Spaß daran gehabt, die Fahrerlaubnis zu erwerben und so bin ich dann einfach in den Lehrgang eingestiegen.“

Statuten geändert

Das war vor gut einem Jahr – und ging, weil sich die Statuten verändert haben. „Früher konnte man erst mit 24 Jahren Fahrlehrer werden“, weiß Friedel Thiele, Geschäftsführer des Fahrlehrerverbandes NRW. Doch der absolute Fahrlehrermangel machte Veränderungen notwendig. „Mit 24 Jahren wurde doch längst eine andere Berufsrichtung gewählt“, weiß Thiele. Was dann blieb, waren Umschüler. „Aber hier geht es ja nicht nur darum, selbst Autofahren zu können, man muss ja auch die Pädagogik beherrschen.“

Deshalb werden angehende Fahrlehrer auch breit geschult und mehrfach geprüft, schriftlich wie mündlich, in Theorie und Praxis, von Pädagogen wie Fahrlehrern. Die Ausbildung dauert mindestens zwölf Monate, bevor die Fahrlehreranwärter in die Praxis gehen können. Und auch dann kommt erst die Hospitationsphase, wo Fahrerlehrerausbilder noch auf der Rückbank sitzen. „Nach jeder Fahrstunde gibt es ein Feedback-Gespräch“, sagt Vildan Aytekin.

Theoretischer Unterricht findet in Zeiten von Corona in der Fahrschule Europa digital statt. Inhaber Önder Aythekin hat sich dafür in der Filiale in Brambauer ein richtiges Studio aufgebaut.
Theoretischer Unterricht findet in Zeiten von Corona in der Fahrschule Europa digital statt. Inhaber Önder Aythekin hat sich dafür in der Filiale in Brambauer ein richtiges Studio aufgebaut. © Matthias Stachelhaus © Matthias Stachelhaus

Doch trotz der herabgesetzten Zugangsvoraussetzungen war Tunahan Cetinkilic auch in der Fahrschullehrerklasse der jüngste, wie er schmunzelnd zugibt. Ehrgeiz hat er aber wohl mehr als alle anderen. „Ich will mir jetzt einen guten Ruf als Fahrlehrer erarbeiten“, sagt er. „Ich will, dass die Leute von mir reden, wenn sie von ihrer Fahrschulzeit berichten.“

Ehrgeiz ist Tunahan Cetinkilic nicht fremd

Viel habe er in der Ausbildung gelernt. „Das will ich jetzt auch umsetzen, auch wenn ich noch austesten muss, wie ich es am besten rüberbringe.“ Denn im Laufe der Fahrschulzeit muss sich der Fahrlehrer immer mehr zurückhalten, bis es der Schüler alleine kann. „Das Ergebnis ist am Ende immer das gleiche. Aber der Weg ist anders. Wir holen unsere Schüler dort ab, wo sie stehen“, sagt Tunahan Cetinkilic.

Das ist auch im wörtlichen Sinn das, was Tunahan Cetinkilic schon jetzt am Fahrlehrerberuf begeistert: „Man ist mobil, man fühlt sich frei. Bewegt sich nicht nur auf wenigen Quadratmetern im Geschäft, man führt lange Gespräche und nicht nur Smalltalk über die Ladentheke.“ Aber wer weiß, was die Zeit bringt. Das will Tunahan Cetinkilic dann nach einem Jahr als Fahrlehrer berichten.