Derivate, Corona, Haushalt: Lünens Kämmerer Quitter im Abschiedsinterview

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Acht Jahre lang war Uwe Quitter (60) Kämmerer und zuletzt auch Erster Beigeordneter in Lünen. Das machte ihn zum zweitwichtigsten Mann im Rathaus. Wir trafen ihn zum großen Abschiedsinterview.

Lünen

, 03.07.2020, 09:05 Uhr / Lesedauer: 6 min

Es waren bewegte Jahre und anstrengende Jahre aus der Sicht eines Kämmerers. Seit 2012 ist Uwe Quitter (60) Kämmerer in Lünen, Ende August scheidet er aus. Seine Nachfolgerin Bettina Brennenstuhl (39) hat der Rat Ende Juni gewählt.

Der Bürgermeister hat in der Ratssitzung, Ihrer letzten, sehr herzliche Worte zum Abschied gefunden. Sie seien „ein echter Glücksgriff“ gewesen, ein „verdienter Mann mit großen Managerqualitäten“, der mit „Weitsicht, Umsicht und Fleiß“ die Stadtkasse verwaltet habe. Können Sie mit so viel Lob in großer Runde gut umgehen?

Wer mich gut kennt, hat gemerkt, dass mich das berührt hat und mir das nahe gegangen ist. Ich bin eher der ruhigere Typ im Hintergrund. Mit einer Nacht drüber schlafen: Ich habe mich darüber sehr gefreut, aber ich bleibe doch lieber im Hintergrund.

Provokant gefragt: Haben Sie das Lob denn verdient?

Das müssen andere beurteilen. Ich glaube, dass in Lünen mit Blick auf die Haushaltssituation gemeinsam mit der Politik die richtigen Schritte ergriffen worden sind. Die Früchte der Arbeit beginnen wir nach einer sehr schwierigen Phase jetzt langsam zu ernten. 2015 haben wir die Grundsteuer erhöht, da brach die Gewerbesteuer ein. Jetzt hatten wir vier Jahre einen ausgeglichenen Haushalt und sind auf Kurs. Selbst Corona wird, wenn die Hilfen so kommen, wie Bund und Land es versprechen, den Haushalt nicht aus der Bahn werfen. Deswegen gehe ich mit einem beruhigten Gefühl.

Aber ist es nicht schade, wenn man jetzt die Früchte ernten kann – und Sie müssen gehen?

Ach, dafür bin ich Profi genug. Ein Wahlbeamter wird auf Zeit gewählt. Das entspricht auch meinem Demokratieverständnis. Und auch an mir nagt der Zahn der Zeit. Ich glaube, dass gerade in dieser Phase der Wunsch der Politik nach einer längerfristigen Lösung nachvollziehbar ist. Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Trotzdem: Hätten Sie gern noch eine halbe Amtszeit gemacht?

Mein Vater hat gesagt: Denk dran, ein solcher Job bleibt nicht in der Kleidung stecken. Und das ist so. Die Arbeit des Kämmerers hat mir zwar Spaß gemacht, aber sie war auch nicht immer Vergnügungssteuer-pflichtig.
Manchmal mag man es mir angemerkt haben, manchmal vielleicht auch nicht. Von daher bin ich dankbar, dass ich für den Rat und die Lüner Bürgerinnen und Bürger acht Jahre arbeiten durfte. Man soll aber gehen, wenn es am schönsten ist. Ich habe das Gefühl, dass ich da einen ganz guten Zeitpunkt erwischt habe.

Was waren denn die Meilensteine Ihrer Amtszeit?

Als die Kommunalaufsichten Unna und Arnsberg 2016/2017 gesagt haben: Ja, es klappt, der Haushalt hat sich gut entwickelt. Wir mussten ja viele Baustellen aus der Vergangenheit bearbeiten, was kein Vorwurf an meine Vorgänger ist. Das waren zum Beispiel Themen wie Kassenkredite und Derivate. Deswegen war der ausgeglichene Haushalt so ein Meilenstein. Und das hat nur funktioniert mit der Politik und weil ich hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe, auf die ich mich verlassen kann. Diese menschlichen Erfahrungen sind mir sehr wichtig, dazu gehört ein respektvoller Umgang, eine hohe Wertschätzung. Man kann sich immer mal streiten, aber auf einer sachlichen Ebene. Das habe ich alles in Lünen als sehr positiv empfunden.

Gab es denn auch Rückschläge?

Klar, natürlich. Was mich maßlos geärgert hat, ist, dass wir trotz klarer Gesetze nicht in den Stärkungspakt der dritten Stufe gekommen sind. Ich akzeptiere natürlich im Rahmen der Gewaltenteilung den Beschluss des Gerichts. Aber das hat mich maßlos geärgert, da hat Lünen Geld zugestanden, das der Stadt gut geholfen hätte. Außerdem braucht es eine Regelung für die Altschulden für Kommunen wie Lünen. Dass es dazu im Zuge der Corona-Hilfen nicht gekommen ist, ist enttäuschend. Das betrifft das halbe Ruhrgebiet.

Sie haben die Derivate angesprochen. War der Vergleich mit der EAA Rückschlag oder Erfolg? Am Ende kostete der Vergleich Lünen ja 34 Millionen Euro.

Das Ergebnis war für Lünen angesichts des Bedrohungspotenzials ein Erfolg. Das muss man deutlich sagen. Die Frage ist, ob man da hätte hinkommen müssen. Das kann ich heute nicht beurteilen, als ich in Lünen angefangen habe, waren wir schon im Klageverfahren. Da musste ich die bestmögliche Lösung finden. Ob es machbar gewesen wäre, noch einen besseren Vergleich abzuschließen, weiß ich nicht. Aber ich glaube, für Lünen war das in dieser Situation noch ein gutes Ergebnis.

SPD-Fraktionschef Haustein hat bei der Nominierung der Ratskandidaten gesagt, ohne Derivate wären viele Investitionen in Lünen nicht möglich gewesen. Kritik äußerte er keine. Sehen Sie diese Geschäfte auch so positiv?

Man muss immer auf die Situation in der Zeit gucken. Das ist schwierig von heute aus. Damals gab es klare Empfehlungen aus Landesbehörden heraus. Sonst hätten die Kommunen das ja gar nicht gemacht. Dass sich das dann anders entwickelt hat – das würde ich jetzt nicht bewerten wollen. Ich weiß auch nicht, wie ich mich damals verhalten hätte.

In der Corona-Krise waren Sie auch Chef des Stabs für Außergewöhnliche Ereignisse (SAE) in Lünen. Da haben sich Ihre Prioritäten wahrscheinlich erstmal etwas verschoben.

Ja, wir haben am Anfang täglich getagt, da war weniger die Erfahrung eines Kämmerers gefordert, sondern die Erfahrung aus Projektarbeit und Personalführung. Man sitzt mit vielen Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen am Tisch und muss auf der Basis von verschiedenen Expertenmeinungen Entscheidungen treffen auf einem Gebiet, auf dem es noch keine Entscheidungsgrundlage gibt. Normalerweise hat man Erfahrungen und vergleicht das, das gab es hier nicht. Das war natürlich ein sehr spannender Abschluss für mich. Man kann es auch so sehen: Ich habe mein ganzes Leben daran gearbeitet, Verwaltungen zu modernisieren und aufzubauen. Dann musste ich in den letzten drei Monaten das Rathaus schließen, Bürger durften nicht mehr hinein. Das war für mich auch ein Lernprozess. Alle Fachleute haben hier einen sehr guten Job gemacht.

Viel hing in der Krise ja auch von der Kommunikation mit dem Land ab. Da war hier und da zu hören, dass man sich manchmal klarere und frühere Informationen gewünscht hätte …

Der Punkt ist: Auch das Land ist in einer Ausnahmesituation. Dass man im Nachhinein sagt, dass die neuen Erlasse für den nächsten Tag nicht erst in der Nacht davor kommen sollten, ist klar. Aber auch die im Ministerium haben das nicht gemacht, um die Kommunen zu ärgern. Da mussten wir dann auch vor Ort mit umgehen können.

Sie haben schon über die Zusammenarbeit mit der Politik gesprochen, sehr lobend. Haben manche politische Diskussionen nicht auch Frustpotenzial?

Ich habe den Lüner Ratsvertretern versprochen, Beigeordneter aller Fraktionen sein zu wollen, auch als SPD-Mitglied. Ich habe eine hohe Meinung von ehrenamtlichen Politikern, die bis tief in die Nacht versuchen, für eine Stadt etwas zu bewirken. Wenn diese eine andere Meinung haben, ist das okay. Wir haben eine Menge erreicht und das geht nur im Schulterschluss. Wenn man sich mal übereinander ärgert, gehört auch das dazu. Für mich ist wichtig, zu kommunizieren, zuzuhören und in der Sache zu diskutieren. Wenn die Menschen merken, dass man sie ernst nimmt, verstehen sie auch die Entscheidungen.

Ich hatte den Eindruck, dass Ihnen auch ihr Sinn für Humor bei manchem geholfen hat. Stimmt das?

Ja, das spielt eine Rolle. Ich bin ein positiv denkender Mensch und habe Humor. Die Kollegen sagen, das habe man in den letzten drei Monaten zunehmend gemerkt (lacht), das mag so sein.

In den acht Jahren ihrer Amtszeit gab es auch einen Wechsel im Bürgermeisterbüro. Wie hat sich das für Sie bemerkbar gemacht?

Herr Stodollick und Herr Kleine-Frauns sind zwei völlig unterschiedliche Menschen. Bei Herrn Stodollick war er der Ältere, ich der Jüngere. Jetzt ist es anders herum. Das ist ein sehr kollegiales Verhältnis jetzt.

Im September übernimmt Bettina Brennenstuhl ihre Position. Wissen Sie Ihr Dezernat da in guten Händen?

Eindeutig, ja. Man muss auch sagen: Ich bin jetzt fast 45 Jahre im Dienst, da kann man nicht ausschließen, dass man etwas betriebsblind wird. Jüngere Menschen gehen andere Wege. Frau Brennenstuhl ist fast 20 Jahre jünger als ich und ich weiß mein Aufgabengebiet in guten Händen. Jeder hat natürlich seine eigene Art, seinen eigenen Stil.

Hat Sie der Wahlausgang überrascht?

(lacht) Mich haben die Wahlausgänge in Lünen immer überrascht. Ich sag mal so: Es wohnt der Politik inne, dass sich Mehrheitsverhältnisse immer mal anders darstellen können als erwartet. Von daher war ich froh, dass wir am Ende zwei gute Kandidaten hatten. Ich kenne sie beide, von daher weiß ich bei beiden um ihre Fähigkeiten. Ich war bei der Wahl ganz entspannt, weil ich nicht persönlich betroffen war.

Bleiben Sie Lünen denn auch nach ihrer Amtszeit verbunden?

Ja, ich wohne ja in Unna, das ist ein Katzensprung. Und man lässt ja auch Herzblut in der Stadt. Ein sehr guter Freund, Frank Knoll (pers. Referent des Bürgermeisters, Anm.d.Red.), geht gleichzeitig mit mir in den Ruhestand. Wir haben gemeinsame Aktivitäten geplant. Ich bin aber auch ein Anhänger von Wissenstransfer, man muss einen vernünftigen Übergang schaffen, deswegen wird es für manche Fragen noch Kontakte geben. Das muss sichergestellt sein. Aber ich weiß sehr wohl zu trennen zwischen Freizeit und Dienst und werde sicher nicht derjenige sein, der bald die Leserbriefe über die Verwaltung in der Zeitung schreibt.

Werden Sie etwas vermissen?

Die Frage stelle ich mir auch. Was ich nicht vermissen werde, ist der enge Zeitplan. Da werde ich deutlich entspannter in die nächsten Monate gehen. Ich werde weiter laufen, viel E-Bike fahren, auch Motorrad. Zahlreiche Reisen mit meiner Ehefrau, die ja häufig auf mich verzichten musste, stehen an. Ich werde aber die Menschen vermissen, man hat ja auch berufliche Freundschaften entwickelt. Vielleicht werde ich auch vermissen, nicht mehr als Kämmerer gefragt zu sein. Das kann ich jetzt nicht einschätzen, da wüsste ich aber mit umzugehen. Ich habe sonst vier Enkeltöchter, die wild darauf sind, mehr Zeit mit ihrem Opa zu verbringen. Von daher sehe ich das ganz entspannt.

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