Die Gemeinen sind immer die Mobber

Schulpsychologin im Interview

Ein unbedacht gepostetes Bild bei Facebook oder ein flapsiger, vielleicht gar nicht böse gemeinter Kommentar können manchmal schon genügen, um den Anstoß zum Cyber-Mobbing zu geben – je nach Ausmaß mit mehr oder weniger schlimmen Folgen für die Beteiligten. Wir haben mit Schulpsychologin Stefanie Lippelt vom Kreis Unna über die Problematik gesprochen.

LÜNEN

, 14.02.2017, 13:37 Uhr / Lesedauer: 3 min
Stefanie Lippelt ist Schulpsychologin für den Kreis Unna.

Stefanie Lippelt ist Schulpsychologin für den Kreis Unna.

Ist jeder fiese Kommentar im Netz Cyber-Mobbing?

Nein, bestimmt nicht. Mobbing bedeutet, dass sich das Opfer bzw. der Gemobbte durch das Verhalten anderer emotional belastet fühlt oder so fühlen würde, wenn er davon wüsste – sei es durch Ausgrenzung aus Gruppenchats oder eben durch fiese Kommentare. Allerdings wird nicht jeder blöde Spruch als belastend empfunden. 

Welche Faktoren sind dabei entscheidend?

Es kann unter anderem einen Unterschied machen, ob ein guter Freund oder ein Unbekannter etwas Gemeines schreibt. Auch die individuellen Bewältigungsstrategien spielen eine Rolle. Ich kann stark sein und mir sagen: „Da stehe ich drüber.“ Das schafft aber nicht jeder. 

Das ist beim „klassischen“ Mobbing ja nicht anders.

Ja, aber es gibt durchaus große Unterschiede. Beim Cyber-Mobbing gibt es beispielsweise keinen Schonraum. Beim klassischen Mobbing - also von Angesicht zu Angesicht - haben die Gemobbten meist die Möglichkeit, Abstand zu gewinnen und zur Ruhe zu kommen, etwa nach Schulschluss. Das geht beim Cyber-Mobbing nicht. Wer schaltet heutzutage schon noch sein Smartphone aus?

Welche Unterschiede gibt es noch?

Die Öffentlichkeit ist im Netz viel breiter. Und weil die Reaktion des Gegenüber nicht direkt sichtbar ist, sinkt zum einen die Empathie und zum anderen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eingreift und das Opfer in Schutz nimmt.

Inwiefern spielt Anonymität eine Rolle?

Es kann sein, dass sich Leute dadurch mehr trauen und weniger Rücksicht nehmen. Andererseits kennen sich Mobber und Gemobbter häufig auch persönlich. So anonym ist das also gar nicht. Zudem gehen Cyber-Mobbing und klassisches Mobbing oft miteinander einher. Wer online gemobbt wird, wird nicht selten auch klassisch gemobbt.

Was motiviert Mobber überhaupt?

Das sind ganz verschiedene, individuelle Gründe. Leute, die andere gezielt fertig machen, haben aber meist ein sehr niedriges Selbstwertgefühl, das sie auf diese Weise zu kompensieren versuchen. Sie haben oft eine höhere Affinität zu Gewalt – aber auch selbst Gewalt erlebt, waren früher selbst die Unterdrückten und wollen nun endlich mal die Starken sein. Gezielte „Attacken“ machen aber nicht den Großteil der Cyber-Mobbing-Fälle aus. 

Sondern?

Man wird beim Cyber-Mobbing schnell ungewollt zum Täter oder Mittäter. Ich lade ein Bild von einer Party hoch, auf dem ich besonders gut aussehe, beachte aber nicht, dass die Person neben mir eher unvorteilhaft abgebildet ist. Oder ich will durch einen flapsigen Kommentar lustig sein, ohne dem Betroffenen wirklich schaden zu wollen. Es ist ja ein tolles Gefühl, wenn andere meinen Kommentar dann auch noch liken - das verleiht mir Anerkennung. Sogenannte „abwärtsgerichtete Vergleiche“, bei denen ich andere bewusst schlechter dastehen lasse, damit ich besser dastehe, sind ebenfalls etwas völlig Normales, können aber schlimme Folgen haben. 

Welche denn?

Ich kann damit einen regelrechten „Shitstorm“ auslösen, bei dem immer mehr Leute den Betroffenen schikanieren. Dann kann das geschehen, was oft auch beim klassischen Mobbing passiert: Der Gemobbte zieht sich zurück, verliert sein Selbstvertrauen, entwickelt depressive Tendenzen und Ängste, manchmal auch Frust und Wut, die er dann an anderen auslässt. In der Schule kommt es zum Leistungsabfall durch Konzentrationsschwächen, weil der Gemobbte immer davon ausgeht, dass gleich wieder etwas passiert. Das sind Warnzeichen für Eltern und Lehrer. 

Wie sollte man sich einer solchen Situation verhalten?

Zunächst einmal ruhig mit dem Kind sprechen und Interesse zeigen. Gerade beim Cyber-Mobbing haben Kinder und Jugendliche oft Angst, sich an ihre Eltern zu wenden – weil sie sich schämen oder fürchten, dass ihnen das Smartphone weggenommen wird. Wenn man dann feststellt, dass das Kind tatsächlich gemobbt wird, sollte man zwei Dinge auf keinen Fall tun: auf gemeine Kommentare antworten oder direkt auf die Eltern des Mobbers zugehen. Dadurch wird alles nur noch schlimmer. 

Inwiefern?

Wenn man auf einen fiesen Kommentar antwortet, gerät man schnell in einen Schlagabtausch und wird selbst zum Mobber. Je nachdem, wie man antwortet, kann man dadurch auch Schwäche signalisieren und macht sich weiter angreifbar. Und die Eltern des Mobbers stellen sich in der Regel schützend vor ihr Kind. Dadurch kommt man nicht weiter. 

Und was ist der richtige Weg?

Screenshots machen und die Daten sichern. Wenn das Mobbing nicht nachlässt, kann man die Verstöße dem Provider melden und sich gegebenenfalls Rechtsberatung holen oder – in besonders krassen Fällen – die Polizei einschalten. Beleidigung, Verleumdung oder gar Bedrohung sind schließlich Straftaten. 

Es muss aber nicht immer so weit kommen, oder?

Nein, wenn es sich beispielsweise um einen Mitschüler handelt, genügt es häufig schon, den Lehrer zu kontaktieren. Viele Pädagogen nutzen den sogenannten „No-Blame-Approach“, einen Ansatz, der auf eine Lösung des Mobbings zielt, ohne dabei Schuldzuweisungen an den Mobber zu machen.

Wie funktioniert das genau?

Eine Schülergruppe der Klasse bildet eine Unterstützungsgruppe, um die Lehrkraft bei der Lösung des Problems zu unterstützen. Dabei werden auch der Mobber und seine Mitläufer beteiligt, ohne diese vorzuführen. So bekommen sie die Möglichkeit, sich durch positive Aktivität zu profilieren und kommen auch nicht auf Rachegedanken, weil sie als Mobber angepriesen wurden. Meist entspannt sich die Situation dann. 

Inwiefern kann man präventiv agieren?

Die Medienerziehung an der Schule ist ein sehr wichtiger Baustein. Aber auch die Eltern sind gefordert, ihren Kindern Verantwortung zu vermitteln und sie über Gefahren aufzuklären. Ihnen klarzumachen, dass man nicht unbedingt alles von sich im Netz preisgeben sollte. Manchmal bringen sich die Gemobbten durch ihre Posts selbst in die Bredouille. 

Ist strenge Kontrolle durch Eltern hilfreich?

Man sollte nicht jeden Inhalt kontrollieren. Das geht auf Kosten des Vertrauens und ist genauso wenig hilfreich wie das Wegnehmen des Smartphones oder gar Schuldzuweisungen nach dem Motto „Warum postest du auch so einen Mist!“ Letztlich ist nie der Gemobbte selbst schuld an der Situation. Die Mobber sind schließlich die Gemeinen.

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