Drängler, Hetzer und Egomanen: Ist unverschämtes Benehmen salonfähig geworden?

rnMeinung am Mittwoch

Vordrängeln an der Kasse, schnell die Parklücke wegschnappen und andere anonym im Netz beschimpfen: Gastautorin Maren Feldmann glaubt trotzdem an die Mehrheit angenehmer Menschen.

von Maren Feldmann

Lünen

, 19.02.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht!“ Kennen Sie auch Menschen, deren Lebensmotto das zu sein scheint? Der Vordrängler an der Supermarktkasse, der an einem vorbeigrätscht, nur um irgendwie vor mir dran zu sein; ist das womöglich derselbe Typ, der mir eben auf dem Parkplatz die Parklücke durch ein besonders dreistes Fahrmanöver weggenommen hat?

Zumindest geistig scheint dieser Mensch eng mit denen verwandt zu sein, die im Park mit dem Mountainbike nur wenige Zentimeter an einem vorbei rauschen, ohne vorher zu klingeln. Den Schrecken noch in den Knochen, kommt mir dann auf weiter Flur ein einzelner Spaziergänger entgegen. Ich sage „Hallo“ oder „Guten Tag“. Aber der angesprochenen schweigt und geht vorüber.

Gastautorin Maren Feldmann.

Gastautorin Maren Feldmann. © Quiring-Lategahn

Gastautorin Maren Feldmann ist Geschäftsführerin von Küchen Schmidt.

Ein paar Meter weiter dann entdecke ich ein paar in die Büsche geworfene Autoreifen und einige prall gefüllte Mülltüten, die jemand dort entsorgt hat. Ich könnte eine ziemlich lange Aufzählung von wirklich schwer nachvollziehbarem und oftmals noch durch Egoismus geprägtem Handeln unserer Mitmenschen aufzählen. Oftmals bleibt mir nur noch ein Kopfschütteln.

Ellbogen ausfahren, um nicht zu kurz zu kommen?

In der Folge müssen wir uns da sicherlich auch nicht mehr großartig wundern, wenn unverschämtes Handeln, Beschimpfungen etc. auch noch weitgehend anonym ausgeübt werden kann und schnell ausufert. Ideales Forum dafür bieten uns diverse Online-Foren und die vielfältigen Möglichkeiten im Internet weitgehend unentdeckt jede noch so absurde Meinung zu vertreten und andere zu beschimpfen. Zahnlos da der Versuch einer „Netiquette“ (aus dem englischen „net“ für das Netz und dem französischen etiquette für Verhaltensregeln), mit deren Hilfe man das gute oder angemessene und respektvolle Benehmen in Internet Chats und Foren zu regeln versucht.

Aber vielleicht irre ich auch? Ist es eventuell sogar notwendig in dieser Welt der harten Bandagen stets die Ellbogen auszufahren, damit man nicht zu kurz kommt? Ist das vielleicht sogar ein Erfolgsrezept? Zeigen uns nicht die ganz großen Egomanen aus Politik, Wirtschaft und Bankenwesen, dass Dreistigkeit und Ignoranz seinen Mitmenschen gegenüber zum Erfolg führt? Twitternachrichten des amerikanischen Präsidenten als Vorbild für die Kommunikation im Netz?

Wir sind mehr!

Ich möchte das nicht glauben. Die Mehrheit der Menschen kann sich sehr wohl benehmen. Ich möchte unseren Fokus wieder auf die vielen lenken, die echt angenehme Mitmenschen sind. Durch Konzentration auf wertschätzendes (Be-)Handeln sollten wir versuchen, denjenigen nicht das Feld zu überlassen, die sich nicht benehmen können. Ich halte es da mit der politisch geprägten Aussage „Wir sind mehr!“

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch im Wechsel unsere Gastautoren. Es sind:
  • Kira Engel, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Horstmar-Preußen
  • Maren Feldmann, Geschäftsführerin Küchen Schmidt
  • Marie Hirschberg, Studentin, ausgezeichnet mit dem Förderpreis Kultur der Stadt Lünen
  • Heinz Werner Kleine, Chemielaborant und Kunstsammler
  • Björn Schreiter, Architekt
  • Kevin Tigges, Studienreferendar und Akteur bei der „Abgedreht! Filmcrew“
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