Wer in Lünen Knöllchen schreibt, muss damit rechnen, immer häufiger angegangen zu werden - verbal und körperlich. Welche Ausmaße und Konsequenzen das hat, erzählen zwei Ordnungskräfte.

Lünen

, 17.05.2019, 15:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

An den Vorfall im vergangenen Herbst erinnert sich Stefan Oswald (Name von der Redaktion geändert) noch ganz genau. Auf dem AOK-Parkplatz war das, am helllichten Tage. Dort sah der Mitarbeiter des Lüner Ordnungsamts ein Auto, dessen Fahrer offenbar keinen Parkschein gezogen hatte. 10 Euro kostet das. Alltag für den Politeur, wie man männliche Politessen nennt.

Als der 38-Jährige das Knöllchen gerade aufnahm, kam der Fahrer zu seinem Wagen zurück. „Er wurde sehr aggressiv, wir standen Gesicht an Gesicht, und beschimpfte mich als ,Hurensohn‘, er sagte ‚Ich klatsch dich weg!‘“. Der Mann holte schon aus, schlug dann nicht zu, ließ sich aber weiter nicht beruhigen. Beruhigt hat sich die Situation auch nicht, als Streifenwagen und Ordnungspartner endlich vor Ort waren. Oswald schrieb eine Anzeige. Alltag sind solche Situationen zum Glück noch nicht. Aber sie nehmen zu, sagt er: „Es wird ruppiger.“

Ein großes „Z“ in die Motorhaube geritzt

Sieben Ordnungskräfte sind im gesamten Stadtgebiet unterwegs, sie sind hauptsächlich für Parkvergehen im ruhenden Verkehr zuständig, besetzen aber auch den Radarwagen der Stadt. Eine weitere von ihnen ist Melanie Berkel (49/Name geändert). Wie Oswald möchte auch sie nicht mit richtigem Namen genannt werden. Die Gefahr besteht, dass die Übergriffe im Dienst sich ins Private übertragen.

Auch im Einsatz geben die beiden ihren Namen deshalb nicht heraus, nur ihre Dienstnummer. Trotzdem klingelte vor einigen Wochen das Telefon. Nicht ihres, sondern das ihrer Schwiegermutter. Sie ist die einzige, die mit diesem Nachnamen im Telefonbuch steht. Und auch wenn die Ordnungskräfte ihre Namen nicht herausgeben - im Knöllchen-Brief wird er doch aufgeführt. So ist es Vorschrift. Einer anderen Kollegin hatten sie ein großes „Z“ in die Motorhaube geritzt.

Ein Eis in der Pause landet schnell bei Facebook

Berkel ist seit zwölf Jahren im Ordnungsdienst und macht ihren Job gerne, genau so wie Stefan Oswald. Trotz allem. Schließlich sind viele Menschen nett, Taxifahrer, Geschäftsinhaber. Man kennt sich in den Bezirken, viele wissen zu schätzen, dass die beiden für Ordnung sorgen. Andere aber nicht: „Die Ignoranz ist sehr hoch“, sagt Berkel, „Beschimpfungen sind alltäglich: Ihr Abzocker, ihr Wegelagerer.“ Einer hatte sie mal geschlagen und am Hals gepackt, da schrieb sie später eine Anzeige. 200 Euro Bußgeld waren das. Das Schlimme ist: „Wenn so etwas einmal passiert, wird man schnell unruhig.“

Berkel und Oswald können wahrscheinlich stundenlang Geschichten erzählen. Von zwölf Tagen Dienst am Stück, rund um den Horstmarer See. Im Sommer, bei 30 Grad. Von kurzen Pausen im Schatten und den blöde Sprüchen dafür. Von einem Eis in der Mittagspause und den Bildern, die kurz danach bei Facebook kursierten: Guck Mal, die essen Eis in ihrer Arbeitszeit. So würd ich auch gerne mal arbeiten!

Seitdem ziehen sie sich in ihren Pausen dorthin zurück, wo sie keiner sehen kann.

Künftig aus Sicherheitsgründen zu zweit unterwegs?

Die Aggressionen kommen nicht nur von jungen Leuten. Erst Anfang der Woche, erzählt Oswald, habe er einen älteren Herrn angesprochen, der unberechtigt auf einem Schwerbehindertenparkplatz am Krankenhaus stand. Ein No-Go für Oswald, schließlich sind diese Plätze den Menschen vorbehalten, die sie wirklich benötigen. Oswald sprach den Mann an, bat ihn, wegzufahren, ganz ohne Bußgeld, mit freundlichen Worten. Der Mann jedoch war gleich unfreundlich, auch wenn er den Wagen erstmal umparkte. Allerdings mitten auf einen Rettungsweg. Oswald sprach ihn wieder an. Da stieg der Mann aus, schrie ihn an und war kaum noch zu beruhigen.

Weil sich solche Vorfälle häufen, überlege man im Rathaus, dass die Ordnungskräfte künftig nur noch zu zweit unterwegs sein sollen, sagt Bernd Wiesner, Leiter der Lüner Ordnungsamts. Momentan sind seine Mitarbeiter nur in den dunklen Zeiten zu zweit. Sonst alleine.

„Wir bieten jetzt vermehrt Schulungen an, Antiaggressions-Trainings, kombiniert mit einem leichten Grad der Selbstverteidigung“, sagt Wiesner, „wir wollen keine Angriffstruppen ausbilden, es geht um einen geordneten Rückzug.“ Wichtig sei aber auch, dass die Kolleginnen und Kollegen sich untereinander austauschen können. „Wenn das nicht reicht, steht meine Tür immer offen.“ Er könne zudem psychologische Betreuung vermitteln.

Der Appell des Bürgermeisters an die Lüner

Finanziell lohnt sich die Arbeit der sieben Ordnungskräfte für die Stadt nicht. „Im ruhenden Verkehr sind wir nicht in der Gewinnzone“, sagt Wiesner, „der Aufwand übersteigt den Ertrag.“ Das sei aber nicht das Entscheidende: „Die Hauptintention ist nicht das Geld. Es geht darum, die Ordnung zu wahren.“

Deshalb appelliert Bürgermeister und Ordnungsdezernent Jürgen Kleine-Frauns: „Ich wünsche mir, dass die Bürgerinnen und Bürger beachten, dass die Ordnungskräfte da sind, um uns allen zu helfen. Dass die Kollegen dazu beitragen, dass wir ein geordnetes Zusammenleben haben.“

Wenn alles gut geht, gibt es bald immerhin neun statt sieben Politessen und Politeure. Im aktuellen Stellenplan sind sie schon vorgesehen.

Jetzt muss die Stadt es nur noch schaffen, die beiden neuen Stellen auch zu besetzen.

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