Ein Tag auf dem Bauernhof

LÜNEN Gibt es einen typischen Alltag auf dem Bauernhof? RN-Redakteur Dieter Hirsch will es wissen. Auf dem Hof von Dietrich Goertz legt er Block und Stift zur Seite und packt selbst mit an. Einen ganzen Tag lang. Und erlebt vom Füttern bis zum Besamen einen ganz besonderen Tag.

von Von Dieter Hirsch

, 27.07.2007, 18:17 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein typischer Alltag auf dem Bauernhof? Dietrich Goertz überlegt. „So einen typischen Tag gibt es eigentlich nicht. Kaum ein Tag ist wie der andere. Dafür fallen zu viele unterschiedliche Aufgaben an.“ Nicht alle an einem Tag. Bei vielen Dingen bestimmt die Natur den Rhythmus.

Wir sitzen am Frühstückstisch. Dietrich Goertz erzählt. „Letzte Woche zum Beispiel haben wir die bis zu vier Wochen alten Ferkel verkauft. Sie gingen alle zu einem Mastbetrieb in Fröndenberg. Dann mussten die Ställe gesäubert werden.“ Bis in die letzte Woche hinein lief auch noch die Ernte. „Jetzt beginnt die Stoppelarbeit auf dem Feld. Dabei werden die Stoppel durchgehackt und mit dem Boden vermischt. Restliche Körner können keimen und werden dann beim Pflügen vernichtet“, erklärt der staatlich geprüfte Landwirt. Dieser Abschluss entspricht übrigens dem Meistertitel im Handwerk und in der Industrie. Ende August wird dann der Raps, im September die Gerste und im Oktober der Weizen gesät.

Bauer steht nicht mit den Hühnern auf - Wecker klingelt  "erst"  um 6 Uhr

Bei aller Vielfalt der Aufgaben gibt es sie doch, die täglichen Konstanten im Alltag. „Nein, mit den Hühnern müssen wir nicht aufstehen.“ Der Wecker klingelt um sechs. Nach dem Frühstück geht es als erstes in den Stall. „Nachschauen ob alles in Ordnung ist, ob es den Tieren gut geht, ob die Ferkel gesund und munter sind“, erzählt Dietrich Goertz. Ab geht's in den Stall. Gut, es riecht ein wenig streng, aber dies ist schließlich ein Schweinestall und keine Wellness-Oase. Morgens wird gefüttert. Das geschieht teilweise automatisch. Ein Chip im Ohr des Schweins liefert dem Computer Informationen für die Futtermenge, die in den Trog abgegeben wird.

An anderer Stelle, z.B. im Stall mit den Muttertieren und ihren Ferkeln, wird per Hand gefüttert. Die Kleinen veranstalten ein Mordsspektakel, als Dietrich Goertz den Muttertieren das Kraftfutter gekonnt und mit kräftigem Schwung in die Tröge wirft. Auch bei den Jungbullen einen Stall weiter ist alles in Ordnung. Sie bekommen schon morgens ein „Drei-Gänge-Menue“: Kraftfutter mit Weizen und Gerste aus eigenem Anbau und Bohnen als Eiweißträger. „Wir achten sehr darauf, dass keine Chemie im Futter ist, also z.B. keine Wachstumsfördermittel oder Hormone“, betont Goertz. Hier wird das Futter noch per Hand verteilt. Mein Einsatz.

Auf die Grünsilage sind die Jungbullen besonders scharf

Anschließend wird saftige Maissilage in die Futterrinne geschaufelt. Als „Dessert“ und darauf sind Jungbullen besonders scharf, gibt es Grünsilage. „Täglich verfüttern wir rund anderthalb Tonnen Futter. Das meiste zwar automatisch, aber es bleiben immer noch ein paar hundert Kilo, die man per Hand bewegen muss.“ Das ist schweißtreibend, vor allem im Sommer und besonders für „Schreibtischtäter“. Nach der Fütterung, die gute zwei Stunden in Anspruch genommen hat, widmet sich Dietrich Goertz der Spezialaufgabe für diese Woche: ein Teil der Sauen muss künstlich besamt werden. Die Mehrzahl der rund 20 Tiere steht in Einzelboxen. In einer Ecke des Stalls steht in einer „Einzelloge“  ein Eber. Der soll die Weibchen „in Stimmung“ bringen. Dietrich Goertz treibt ihn aus seiner Box, ich halte mich gut abgesichert im Hintergrund.

Manche Sau ist sauer, wenn der Eber unerreichbar bleibt

Der Eber läuft vor den Boxen hin und her. Mehr muss – und darf – er nicht tun. Es wird lauter im Stall. Einige Sauen machen ihrem Unmut über den „unerreichbaren“ Eber Luft und lassen ihrem Frust durchaus auch schon mal am Gitter ab. Ob die Schweinedamen in Stimmung sind, erkennt der Fachmann an deren Körperhaltung. Der Eber hat seine Sache gut gemacht. Über einen langen Schlauch wird dann der von einer Spezialfirma gelieferte Samen eingeführt. Jeweils morgens und abends und das an drei Tagen. Dann heißt es abwarten. Der Tierarzt kann nach 21 Tagen feststellen, ob die künstliche Besamung erfolgreich war oder nicht. Mittlerweile ist es später Vormittag geworden. Vor dem Essen bringt Dietrich Goertz eine Ladung Weizen zu Scheipers Mühle. Und nach dem Essen? „Ach, zu tun gibt es immer was. Ich muss zum Beispiel die Tenne für das Hoffest im September vorbereiten.“

Im Hofladen bietet Sabine Goertz sogar eingekochte Mittagessen an

Wegräumen, Aufräumen, Umräumen, Langeweile kommt auf einem Hof nicht auf. Reparaturen fallen auch an. „Das mache ich soweit es geht selber, denn das spart auch Geld.“ Ein Landwirt muss auch handwerklich vielseitig beschlagen sein. Sabine Goertz führt den Hofladen, in dem viele eigene Produkte angeboten werden. Mittlerweile bietet sie auch schmackhafte Mittagessen an, die nach der Zubereitung eingekocht werden. Eintöpfe, Gulasch, Braten – da ist für jeden was dabei. Würde Dietrich Goertz wieder Landwirt werden? „Es ist ein schöner Beruf, auch wenn der wirtschaftliche Ertrag höher sein könnte. Man ist sein eigener Herr, wohnt und arbeitet an einem Ort und kann sich seine Zeit gut selber einteilen. Da bleibt auch schon mal Zeit für Kaffee. Abends gegen 19 Uhr nach der Fütterung ist Feierabend. Dann gibt schon mal Arbeit am Schreibtisch.“ Die Nachteile? „Urlaub planen ist schwer. Zehn Tage am Stück sind schon viel.“ Die Goertzens haben drei Kinder, allesamt Jungs. Ob einer mal den Hof übernimmt? „Das müssen die Kinder selber entscheiden. Es wäre schon schön, wenn es weitergehen würde“, hofft Dietrich Goertz.

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