Den Tätowierern geht die Farbe aus – auch in Lünen. © dpa
Neue Verordnung

EU-Verbot: Tätowierern in Lünen geht schon bald die Farbe aus

Die Tätowierer in Lünen bekommen Probleme: Weil bestimmte Stoffe von der EU verboten werden, müssen viele Farben im kommenden Jahr entsorgt werden. Es fehlt allerdings passender Ersatz.

Tattoos sind eine beliebte Art der körperlichen Gestaltung. Auch viele Lünerinnen und Lüner lassen sich Motive auf die Haut stechen. Das könnte allerdings bald schwieriger werden. Den Tätowierern geht die Farbe aus.

Während der Corona-Pandemie sei es für die Branche durch die lange Zwangsschließung bereits schwer gewesen. „Jetzt kommt der nächste Schlag“, warnt Tätowiererin Jessie vom Tattoostudio Heavenly Pain in Gahmen. Die 29-Jährige kritisiert: „Es werden uns 90 Prozent der Farben von der EU verboten.“

„Unsere Farben sind sicher“

Sie verweist auf einen Beschluss der Europäischen Union. Die EU-Chemikalienverordnung „Reach“ soll die Bürger vor Risiken schützen, die durch Chemikalien entstehen könnten. Unter anderem verbietet diese Verordnung ab dem 4. Januar 2022 bestimmte Konservierungs- und Bindemittel, die in Tattoo-Farben enthalten sind – und im Verdacht stehen, gesundheitsschädlich zu sein.

„Wir stehen vor einem großen Fragezeichen“, sagt Tätowiererin Jessie. Denn: Aktuell ist in ihrem Studio keine Farbe vorrätig, die im kommenden Jahr noch erlaubt sein wird. An Nachschub zu kommen, sei gerade schwer: „Es gibt jetzt eine riesige Nachfrage nach den Farben, die erlaubt sind.“

Jessie ist überzeugt: „Unsere Farben sind unfassbar sicher.“ Die Fälle, in denen Kunden körperliche Reaktionen auf eine Tätowierung gezeigt hätten, könne sie nach zehn Jahren in der Branche an einer Hand abzählen. Meistens habe das aber andere Gründe, wie Unverträglichkeiten von Pflegecremes, die nach der Tätowierung verwendet werden.

Tätowiererin Jessie (29) arbeitet auch gern mit Farbe bei ihren Tattoos. © jessievandalism © jessievandalism

Tätowiererin Jessie kann die Bedenken der EU grundsätzlich nachvollziehen, weil es zur Sicherheit der Farben bisher keine ausreichende Datenlage gibt. „Wir Tätowierer sind in der Bringschuld. Wir sind ja interessiert daran, dass es sicher ist.“ Aktuell werde in Berlin eine Studie zur Sicherheit der Tätowierfarben durchgeführt.

Allerdings kritisiert sie die EU-Verordnung auch. „Regularien müssen Sinn ergeben“, mahnt Jessie an. „Es wird mit einem anderen Maß gemessen als bei anderen Dingen.“ Als Beispiel nennt sie Zigaretten, die trotz bekannter Schädlichkeit erlaubt sind.

600 Euro für den Müll

Bereits jetzt wirkt sich das kommende Verbot auf die Arbeit im Studio aus. Jessie weist jede Kundin und jeden Kunden auf die Problematik mit den Farben hin.

„Würde jetzt jemand ein großes Projekt anfangen wollen, würde ich fragen, ob es auch in schwarz sein kann“, so die 29-Jährige. Der Grund: Große Motive werden meist in mehreren Sitzungen angefertigt. Bis zur Fertigstellung des Tattoos kann es mehrere Monate dauern – und im neuen Jahr könnten die Farben ausgehen. „Ich kann den Kunden nicht sagen, ob es im Januar weiter geht.“

Aber sie sagt auch: „Ich gehe davon aus, dass es Farben geben wird, die Reach-konform sind.“ Allerdings müssten diese auch erst einmal bestimmte Qualitätsansprüche erfüllen. Das Ergebnis bleibe schließlich für immer auf der Haut. „Wir können da nicht jeden Quatsch benutzen.“

Jessie jedenfalls möchte auch künftig weiter mit farbigen Motiven arbeiten. „Ich tätowiere sehr gern Farbe. Viele Motive leben auch davon“, sagt sie. Hinzu kommt: „Das Interesse an Farb-Tattoos ist größer geworden.“

Ihre bisherigen Farben wird Jessie für diese Wünsche aber bald nicht mehr nutzen können. Die Tätowiererin hat ausgerechnet, welche finanziellen Auswirkungen das hat: Farben im Wert von insgesamt etwa 600 Euro wird sie entsorgen müssen.

Bis Ende des Jahres möchte Jessie noch möglichst viele Tattoos fertigstellen. „Ich werde mich aber nicht tot planen“, sagt sie. Urlaub sei aber dennoch nicht mehr drin.

Mehr schwarze Schafe?

Die neuen Farben, glaubt Jessie, werden ungleich teurer. Sie ist davon überzeugt, dass sich die Hersteller die zugelassenen Farben aufgrund der hohen Nachfrage gut bezahlen lassen: „Das wird nicht günstig werden“, ist Jessie überzeugt. Ähnliche Erfahrung musste sie schon bei Einweghandschuhen machen, die seit der Corona-Pandemie das doppelte kosten würden.

Ein weiteres Problem: „Wenn die Farben verboten werden, wird es viel mehr schwarze Schafe geben“, glaubt Jessie. Tätowierer, die ohnehin von den Behörden unerkannt arbeiten, würden sich auch nicht für Verbote interessieren – und könnten möglicherweise das anbieten, was den Tattoostudios untersagt ist.

Nächstes Verbot folgt 2023

Dieses Problem könnte sich 2023 noch verschärfen. Dann sollen zusätzlich zwei für die Tattoo-Branche wichtige Farbpigmente verboten werden: Blau 15:3 und Grün 7. Die stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. „Diese Pigmente sind Bestandteil von 66 Prozent der Farben“, weiß Jessie.

Deswegen bittet sie jeden ihrer Kunden um die Unterzeichnung einer Petition, die im Europäischen Parlament eingereicht wurde und das Verbot der Pigmente verhindern soll. Über 120.000 Menschen unterstützen dieses Anliegen bereits.

Sollte das Verbot kommen, gäbe es aktuell lediglich rote und schwarze Farbtöne, die ohne diese Pigmente auskämen. Eine Alternative gibt es bisher nicht, aber: „Die Firmen sind mit Hochdruck dran“, weiß Jessie. Dennoch müssen sie und die anderen Tätowierenden in Lünen vermutlich nach 2022 im Jahr darauf erneut Farben entsorgen.

Die im Europäischen Parlament eingereichte Petition Nr. 1072/2020 soll das geplante Verbot der Pigmente Blau 15:3 und Grün 7 verhindern. Die Petition kann unter www.europarl.europa.eu/petitions unterzeichnet werden.

Über den Autor
Volontär
1989 im Ruhrgebiet geboren, dort aufgewachsen und immer wieder dahin zurückgekehrt. Studierte TV- und Radiojournalismus und ist seit 2019 in den Redaktionen von Lensing Media unterwegs.
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Dennis Görlich