Fast blinder Autor (95) aus Lünen schreibt schon an seinem 22. Buch

rnGünter Sehrbrock

Günter Sehrbrock ist ein Phänomen. Obwohl er fast blind ist, schreibt der Lüner schon an seinem 22. Buch. Zu seinem 95. Geburtstag erscheint sein Buch „Die Nacht“ nun in einem Verlag.

Lünen

, 29.08.2020, 13:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seine Augen machen seit zehn Jahren nicht mehr mit. Aber geistig ist Günter Sehrbrock voll auf der Höhe. Seine geliebten Reisen macht der gebürtige Lüner, der am 1. September 95 Jahre alt wird, nun in der Fantasie. Pünktlich zu seinem Geburtstag bekommt der alte Herr nun ein besonderes Geschenk. Eines seiner zahlreichen Bücher erscheint im Verlag Dortmunder Buch. „Und jetzt hab ich keine Ruhe mehr. Wenn das Buch gut ankommt, dann könnten auch noch mehr Bücher verlegt werden“, so Günter Sehrbrock.

Gerade hat er sein 21. Buch fertig „geschrieben“. Es heißt „Stempelgeld“, spielt in der Weimarer Republik und komplett in seiner Geburtsstadt Lünen. Bücher schreiben im eigentlichen Sinne kann Sehrbrock nicht. Denn sein Augenlicht schwindet seit mehr als zehn Jahren immer weiter. Doch der kreative Senior weiß sich zu helfen. „Ich nehme die Texte auf, spreche die Bücher auf Kassetten.“ Dann wird das gesprochene Wort zum geschriebenen - mit Hilfe von Studentinnen aus Münster, die die Manuskripte in den Laptop tippen. „Das dauert halt nur immer, denn die Studentinnen haben ja nicht immer Zeit.“

Das Titelbild des Buches „Die Nacht“ von Günter Sehrbrock.

Das Titelbild des Buches „Die Nacht“ von Günter Sehrbrock. © Verlag Dortmunder Buch

So entstand auch der Roman „Die Nacht“, der im Bergbau spielt. „Es ist eine fiktive Geschichte.“ Die Inspiration bekam Sehrbrock während seiner Kriegsgefangenschaft in Russland nach dem Zweiten Weltkrieg. Vier Jahre und vier Monate war er Kriegsgefangener und hat dort als Bergmann gearbeitet. Jahrzehnte später verfasste er dann den Roman. „Dann lernte ich den Illustrator Andreas Raub kennen, der auch Bilder zum Bergbau gezeichnet hatte. Von ihm hab ich mich überreden lassen, das Buch zu veröffentlichen.“ Nun ist er gespannt, wie es ankommt.

In Lünen-Süd geboren

Geboren wurde Sehrbrock in Lünen-Süd. „Mein Vater hatte neun Geschwister, alle waren Handwerker, er selbst Stukkateur. Einige seiner Brüder sind noch im Elternhaus geblieben. Meine Eltern sind umgezogen in die Lessingstraße.“ Dort, in Lünen-Nord, ging Sehrbrock in den Kindergarten („an den Weg dorthin kann ich mich noch erinnern“), später dann in die Volksschule unweit der Lippebrücke. 1936, als er elf Jahre alt war, zog die Familie nach Münster um.

„Ich hab auch einen Stammbaum meiner Familie und Ahnenforschung betrieben.“ Im Zuge dieser Recherchen erfuhr Sehrbrock auch, dass es in Lünen noch zahlreiche Menschen mit diesem Nachnamen gibt. Kontakt zu möglichen Verwandten hat er leider nicht.

Die zweite Hälfte seiner Volksschulzeit verbrachte er in Münster. „Ich wollte studieren, aber dazu musste ich erst eine Lehre absolvieren.“ Sehrbrock wurde Maurer, schaffte dann auch eine achttägige Prüfung und durfte Architektur studieren. Aber nach zwei Semestern wurde der junge Mann in die Wehrmacht eingezogen, war 20 Monate lang in der damaligen Sowjetunion als Soldat und nach Kriegsende dann mehr als vier Jahre in Kriegsgefangenschaft.

Als er 1949 nach Hause zurückkam, beendete er sein Studium, arbeitete bei einem Architekten und bei der Stadt.

Begegnung änderte Leben

Sein Leben änderte sich durch eine Begegnung in Ahaus, als er die Faszination alter Gebäude kennenlernte. Als Restaurator „alter Gemäuer“ war er vom Norden bis zum Süden Deutschlands unterwegs. „17 Jahre war ich in Bamberg tätig, dann ging es auch in die Oberpfalz und den Bayerischen Wald.“ Dort kümmerte er sich um die Überreste mittelalterlicher Burgen. Das erste Buch schrieb er über seine Arbeit. Denn nach der Restaurierung einer Burg arbeitete er auch mit, um dort ein Museum einzurichten.

Dann starb seine Frau und er beschloss, durch Deutschland zu reisen, bei Wanderungen die Landschaften zu erkunden und so wieder zur Ruhe zu kommen. Dabei entstanden über 150 Zeichnungen und Aquarelle, die Sehrbrock in einem Buch zusammenstellte. Mit dem Rucksack auf dem Rücken erwanderte sich Sehrbrock die Fränkische Schweiz, den Bayerischen Wald und die Oberpfalz.

In dieser Zeit traf er in Münster eine Jugendfreundin wieder und beschloss, in seiner zweiten Heimatstadt zu bleiben. Hier wohnt er noch heute, nachdem er die Jugendfreundin sieben Jahre bis zu ihrem Tod gepflegt hatte. „2008 konnte ich dann immer schlechter sehen. Das bedeutete, nicht mehr schreiben, lesen und zeichnen zu können.“ Manch anderer wäre vielleicht an diesem Schicksal verzweifelt.

Nicht so Günter Sehrbrock. „Ich brauchte etwas zu tun.“ Und so reiste er in seiner Fantasie und verfasste zahlreiche Romane. „Eigentlich alles nur als Hobby“, so Sehrbrock. Er ist mittlerweile Mitglied im „Kreativen Freundeskreis blinder und sehbehinderter Autoren“. „Da bin ich mit Abstand das älteste Mitglied. Ein Besuch in Enschede bei der Vorsitzenden steht noch aus.“

Autobiographie

In diesem Sommer war der Senior wieder einmal im Bayerischen Wald zu Gast, „da bin ich bekannt wie ein bunter Hund“. Sein Neffe war für ihn der Chauffeur.

Unter den Büchern, die Sehrbrock verfasst hat, sind auch eine Autobiographie in zwei Bänden („ich bin ja in eine Zeit hinein geboren, in der viel passiert ist“) und eine Trilogie über eine fiktive Familie. „Der erste Band beginnt 1332 mit einer Pilgerreise und endet im 30-jährigen Krieg, der zweite Teil spielt vom Krieg zwischen Preußen und Österreich bis zum 1. Weltkrieg und der dritte Teil vom Zweiten Weltkrieg bis heute.“

Inspirationen findet Sehrbrock überall. So kam ihm beim Einkaufen an der Kasse die Idee zum neuesten Buch „Porzellanprinzessin“, einem historischen Roman über eine kleine, sehr zierliche Frau, die Porzellanfiguren formt.

Günter Sehrbrock: Die Nacht, 250 S., Verlag Dortmunder Buch, 14,95 Euro, ISBN 978-3-945238-46-2. Zu beziehen beim Verlag Dortmunder Buch, Dieckmannweg 3 A, 44339 Dortmund oder bei den örtlichen Buchhandlungen.
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