Kreative Wegfahrsperre: Ein dicker Felsbrocken liegt hinter diesem alten Mercedes, der über zwei Monate lang auf dem Parkplatz des Getränkemarktes Gefromm an der Lüner Bebelstraße geparkt war. © Landsiedel
Dauerparker

Felsbrocken blockiert Oldtimer – das steckt dahinter

Es ist ein kurioses Bild, das seit Dienstag für viel Erheiterung in einer Lüner Facebook-Gruppe sorgte: Ein alter Mercedes wird von einem Felsbrocken „zugeparkt“. Was hat es damit auf sich?

Jacqueline Ebbers musste am Dienstag bei Facebook nicht zweimal hingucken. Sofort war ihr klar: Das ist das Auto meiner Großeltern. „Das ist ein alter Mercedes C 220. Ich bin mit diesem Auto aufgewachsen“, sagt die 25-jährige Frau aus Lünen-Süd über das Foto. Es zeigt einen schwarzen Mercedes auf dem Parkplatz des Getränkemarktes Gefromm an der Bebelstraße, offensichtlich nicht im allerbesten Zustand – und vor allem: festgesetzt. Denn direkt hinter dem Auto mit spanischem Kennzeichen prangt ein Felsbrocken auf einer Europalette. Wie kam es zu diesem kuriosen Foto?

Ein richtiger Brocken: Der Felsen bedeckt mehr als die Hälfte der Europalette.
Ein richtiger Brocken: Der Felsen bedeckt mehr als die Hälfte der Europalette. © Beate Rottgard © Beate Rottgard

„Das Auto ist seit über einem Jahr in der Obhut einer Kfz-Werkstatt an der Bahnstraße“, erklärt Jacqueline Ebbers am Donnerstag. Diese soll das Auto, das diverse Mängel aufweist und nicht fahrtüchtig ist, reparieren. Unter anderem sei der Kabelbaum hinüber, so Ebbers. Doch seitdem hat sich nicht viel getan. „Es hieß immer wieder, dass es schwer sei, an Ersatzteile zu kommen. Langsam beschleicht uns die Vermutung, wir werden bewusst hingehalten“, so Ebbers.

Möglich, dass es tatsächlich schwer ist, an Ersatzteile zu kommen. Schließlich handelt es sich bei dem Wagen um einen Oldtimer. „Das genaue Alter kenne ich nicht, aber der Wagen ist mindestens 30 Jahre alt“, sagt Ebbers. Aber dass es seit über einem Jahr nicht gelänge, die Teile zu beschaffen und den Wagen zu reparieren, lässt bei der jungen Auszubildenden noch einen anderen Verdacht aufkommen.

„Der Kfz-Händler hat damals angeboten, uns das Auto abzukaufen. Vielleicht ist er scharf auf den Wagen“, so Ebbers, die aber klarstellt: „Das Auto ist das Schätzchen von meinem Opa. Es bleibt auf jeden Fall in der Familie.“

Ebbers‘ Großeltern befinden sich schon lange in Spanien. Die beiden Senioren hätten dort eine Wohnung und seien gesundheitlich so schlecht dran, dass sie nicht mehr auf eigene Faust nach Deutschland reisen können. „Mein Großvater hatte letztes Jahr drei Herzinfarkte, von denen er sich erholt. Eine Rückkehr nach Deutschland müsste über den ADAC laufen. Das könnte frühestens Anfang nächsten Jahres der Fall sein“, erklärt Ebbers.

Im Mai stand das Auto lange an der Bebelstraße

Wie aber kommt das Gefährt auf den Parkplatz des Getränkehändlers? „Es war abgesprochen, dass das Auto während der Reparatur auf dem Hof des Kfz-Händlers untergebracht wird“, erklärt Ebbers. Bereits im Mai habe es allerdings Probleme gegeben, weil das Auto viele Wochen lang auf Höhe der Bebelstraße 142 am Seitenstreifen stand. Damals hätte sich das Ordnungsamt gemeldet, woraufhin die Kfz-Werkstatt das Auto wieder auf ihrem Hof untergebracht habe, so Ebbers.

Von dort aus bugsierte der Kfz-Händler den Pkw offensichtlich später auf den Parkplatz des Getränkemarktes. „Mindestens zwei Monate stand das Auto jetzt hier“, erklärt Jochen Gefromm, Geschäftsführer der Getränke Gefromm GmbH. Abschleppen lassen wollte er den unbekannten Langzeitparker nicht. „Die Kosten hätte ich im Leben nicht wiedergekriegt“, so Gefromm. Und auch von einer Abfrage bei den Behörden nach Halter oder Zulassung habe er sich aufgrund des spanischen Kennzeichens nichts versprochen.

„Der Stein hat die Sache ins Rollen gebracht“, Jochen Gefromm hat sich die unkonventionelle Maßnahme überlegt.
„Der Stein hat die Sache ins Rollen gebracht“, Jochen Gefromm hat sich die unkonventionelle Maßnahme überlegt. © Storks © Storks

Am vergangenen Sonntag (10.10.) kam Gefromm dann die zündende Idee: Der Chef schwang sich höchstselbst in seinen Drei-Tonnen-Gabelstapler und hievte den Brocken samt Europalette hinter das Auto. „Das war keine böswillige Maßnahme. Nur eine unkonventionelle Aufforderung, sich mal bei uns zu melden“, erklärt Gefromm mit einem Schmunzeln.

Schließlich hätte er den Wagen nicht wirklich manövrierunfähig gemacht. „Da wäre man rausgekommen – auch wenn man vorne dann vielleicht ein wenig in die Rabatten gefahren wäre“, so der Getränkehändler. Die Aktion sei wohl bedacht gewesen. Eine Nötigung hätte er keinesfalls begangen: „Dazu hätte ich Steine vor die Türen legen müssen.“

Zwar lag der Felsen nahe am Heck des Autos, nach vorne wäre aber theoretisch noch Platz zum Rangieren gewesen.
Zwar lag der Felsen nahe am Heck des Autos, nach vorne wäre aber theoretisch noch Platz zum Rangieren gewesen. © Beate Rottgard © Beate Rottgard

Er halte auch nichts davon, den Parkplatz „aggressiv“ vor Dauerparkern zu schützen – etwa durch das Verteilen von Knöllchen nach Überschreitung der Höchstparkdauer, die bei zwei Stunden liegt. Der Geschäftsmann weiß aber auch: „Irgendwie müssen wir den Dauerparkern ja Herr werden. Dem Kunden gehört schließlich der beste Parkplatz.“

„Der Stein hat die Sache ins Rollen gebracht“

Und der Erfolg gibt dem kreativen Getränkehändler Recht. „Die betroffene Kfz-Werkstatt hat sich bei uns gemeldet und holt den Wagen im Laufe des Tages ab“, berichtet Gefromm am Donnerstagmittag. Damit sei die Sache für ihn erledigt, etwaige Sanktionen oder Ähnliches strebe er nicht an. „Wir müssen ja immer noch Mensch bleiben“, so Gefromm, der sich einfach freut, dass das Auto dann weg ist – und seine Maßnahme gefruchtet hat: „So macht man das in Lünen-Süd. Jetzt ist das Problem innerhalb weniger Tage gelöst. Der Stein hat die Sache sozusagen ins Rollen gebracht.“

Bleibt nur noch zu hoffen, dass der Kfz-Händler schnell an die nötigen Ersatzteile kommt und die Großeltern von Jacqueline Ebbers bald wieder gesund in Deutschland ankommen. Dann stünde einem Familienausflug in Opas „Schätzchen“ nichts mehr im Wege. Und vielleicht packt Familie Ebbers dann ja auch ein paar Getränke der Familie Gefromm mit ein.

Über den Autor
2014 als Praktikant in der Sportredaktion erstmals für Lensing Media aufgelaufen – und als Redaktionsassistent Spielpraxis gesammelt. Im Oktober 2017 ablösefrei ins Volontariat gewechselt und im Anschluss als Stammspieler in die Mantel-Redaktion transferiert. 2021 dann das Comeback im Sport, bespielt hauptsächlich den Kreis Unna.
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Marc-André Landsiedel