Geistviertel: Nicht alles ist vor Ort - aber das meiste ist schnell zu erreichen

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Der Wald hinter dem Haus, die Nachbarschaft intakt, die Schule um die Ecke: Familie Schneider könnte im Geistviertel gar nicht zufriedener sein. Die Nachteile der „Geist“ stören sie nicht.

Lünen

, 16.04.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit 15 Jahren lebt Familie Schneider in der Geist: Christian (43) und Lena (38) mit Klara (6) und Justus (9) fühlen sich pudelwohl dort. Viele Punkte, die in unserer Umfrage kritisiert wurden, können sie nicht oder kaum nachvollziehen - so unterschiedlich können Wahrnehmungen sein.

Ein Beispiel ist der Punkt Lebensqualität, der ja alle anderen Kategorien ein wenig zusammenfasst. Schneiders haben da keine Einschränkungen - in der Umfrage aber gab‘s nur 7 von 10 Punkten und damit einen weniger als im Gesamtschnitt aller Stadtteile.

In einer Sache aber stimmen die Schneiders mit den Umfrage-Teilnehmern überein: Die Angebote für Jugendliche sind im Geistviertel überdurchschnittlich gut. Das, meint Mutter Lena Schneider, liegt wahrscheinlich an den Angeboten der Stadt-Insel, des Hauses für Kinder und Jugendliche der evangelischen Kirchengemeinde. Lena Schneider engagiert sich dort - und ihre Kinder nutzen die Angebote. „Im letzten Herbst gab‘s dort Feuerwochen“, erinnert sich Justus. Feuerschlucker und Co. - „das war richtig cool“. „In der Stadt-Insel gibt es aber auch Angebote für Senioren“, sagt Lena Schneider, „das ist ein Anlaufpunkt in der Siedlung“.

Geistviertel: Nicht alles ist vor Ort - aber das meiste ist schnell zu erreichen

Feuerspucken für Anfänger - ein Angebot in der Stadt-Insel, die für Kinder und Jugendliche einiges zu bieten hat. © Goldstein

Das wurde noch positiv bewertet

Grünflächen: Wie gesagt, hinter dem Haus der Familie Schneider ist direkt der Wald. Und dahinter liegt der Segelflugplatz. Ideales Terrain für Spaziergänge und Radtouren. „Das ist für die Kinder super“, meint Vater Christian Schneider. „Im Bambuswald kann man richtig gut Urwald spielen“, stimmt Justus zu.

Verkehrsanbindung: Hier liegt das Geistviertel im guten Lüner Durchschnitt. Christian Schneider fährt zur Arbeit nach Duisburg mit dem Auto, Lena Schneider nimmt zur Uni in Dortmund häufig auch Bus und Bahn, das funktioniert. Justus hat nur ein paar Minuten zu Fuß fast ohne Verkehr zur Schule, zur Stadt-Insel ist es nicht viel weiter. Und auch die Verbindung in die Innenstadt ist aus dem Geistviertel gut. Je nach Standort geht das schnell zu Fuß - oder noch schneller mit dem Rad. Für alle anderen fahren Busse. Dort gibt es dann auch Restaurants und Ärzte, beides Punkte, die bei der Abstimmung für das Geistviertel schlecht abgeschnitten haben.

Geistviertel: Nicht alles ist vor Ort - aber das meiste ist schnell zu erreichen

Wo hat man schon einen Segelflugplatz direkt vor der Tür? Im Geistviertel! © Foto Goldstein

Das wurde negativ bewertet

Nahversorgung: Das ist das Thema in der Geist. Seit der alte Cap-Markt geschlossen hat und dann auch noch Kanne dicht machte, ist es damit schwierig. Schneiders stört das nicht. Als Familie findet der wöchentliche Großeinkauf mit dem Auto statt. Aldi und Rewe an der Viktoriastraße sind nah.

Ein Problem ist die fehlende Infrastruktur vor allem für alte Leute, meint Ulrich Böhmer, Geist-Bewohner und für die Wählergemeinschaft Gemeinsam für Lünen (GFL) im Stadtrat. Das Problem: Die Leute haben immer nur Kleinigkeiten vor Ort gekauft. „Da kann keiner von leben.“ Es gab später Versuche mit einem kleinen Markt, aber auch das hat sich für die Händler nicht gerechnet. Auch die Stadt schreibt auf Anfrage: „Der Standort ist aus Betreibersicht nicht wirtschaftlich.“ Nur der Bäckerwagen, der vormittags durch den Stadtteil fährt, der hat laut Böhmer Zuspruch.

Die Stadtverwaltung überarbeitet derzeit den Masterplan Einzelhandel. Vielleicht bringt der Besserung.

Geistviertel: Nicht alles ist vor Ort - aber das meiste ist schnell zu erreichen

Ein tristes Bild aus 2014: Da schlossen die Türen des Cap-Marktes endgültig. © Quiring-Lategahn

Senioren: Nur fünf von zehn Punkten in der Umfrage. Die Stadt hatte dieses Problem mit dem Projekt „Altengerechtes Quartier in der Geist“ schon adressiert, als die Landesförderung auslief, hat das DRK übernommen.

Ein Problem gerade für Senioren ist, dass viele alte Treffpunkte, etwa die Kanne-Filiale, nicht mehr existieren. Dafür gibt es mittlerweile aber andere Angebote. Böhmer nennt den „Stammtisch der Geister“: „Da haben wir ganz guten Zulauf.“ Donnerstags am Vormittag trifft man sich in der Stadt-Insel, dann gibt es Vorträge, zum Beispiel über Pflege oder Sicherheit. Zuletzt hat sich der Stammtisch auch mit der Verkehrsbelastung im Viertel befasst. Ein weitere negativer Punkt.

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Historischer Blick auf das Lippewerk , das entscheidend zur Ansiedlung im Geistviertel beigetragen hat. © Archiv


Am Rande

Darum gibt‘s für Lippholthausen keinen eigenen Check

102 Einwohner hat der Stadtteil Lippholthausen laut Stadt Lünen. Von denen haben genau 2 an unserer Umfrage teilgenommen. Beide Zahlen haben unseren Beschluss bestärkt, den Stadtteil Lippholthausen, der ja größtenteils aus Industrie-Ansiedlung besteht, in dieser Serie nicht extra unter die Lupe zu nehmen.

Verkehrsbelastung: Tief im Viertel, wo Schneiders wohnen, gibt es damit kaum Probleme, außer es gibt mal eine Baustelle und Umleitungsverkehr. Nein, das Problem ist die viel befahrene Moltktestraße. „Dort wird zu schnell gefahren“, meint GFL-Ratsherr Böhmer, „hier sind eigentlich alle dafür, dort Tempo 30 einzuführen.“ Das sei sogar mal getestet worden: Der Zeitverlust betrage dadurch nicht einmal eine Minute, zumal vor dem Förderzentrum sowieso schon Tempo 30 gelte. Wegen der Verbindung ins Industriegebiet sind dort viele Lkw unterwegs.

Großes Thema im Stadtteil sei auch die Kreuzung Moltkestraße/Konrad-Adenauer-Straße gewesen, meint Böhmer. Dort waren über Jahre drei Radfahrer tödlich verunglückt. Jetzt ist die Kreuzung umgestaltet worden.

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Daten und Fakten zum Geistviertel. © Grafik

Sicherheit und Sauberkeit: Beides könnte besser sein, Sicherheit liegt mit 6 Punkten im Lüner Schnitt, Sauberkeit mit fünf Punkten zwei Punkte unter dem Schnitt. Familie Schneider empfindet beides nicht als Problem: „Wir fühlen uns sicher“, meint Christian Schneider. Die Sauberkeit, sagt GFL-Ratsherr Böhmer, sei je nach Straße sehr unterschiedlich. Es gebe sehr gepflegte, und eher dreckige Straßenzüge. Christian Schneider verweist beim Thema Sauberkeit auf die Aktion „Sauberer Wald“, bei der viele Geister gemeinsam den angrenzenden Wald gesäubert hätten. Initiiert von der Nachbarschaft. Da ist sie wieder, die funktionierende Nachbarschaft.

Ein Faktor, früher wie heute: Zuwanderung

Durch Zuwanderung ist das Viertel überhaupt erst entstanden. Viele seiner Kollegen früher wären aus der Lausitz nach Lünen und in die Geist gekommen, erinnert sich Horst Störmer. Er startete 1955 seine Lehre im Lippewerk der Vereinigten Aluminium-Werke. Nach dem Krieg wiederum seien viele Vertriebene in der Geist untergekommen. Erst in Baracken, später in Neubauten.

Noch immer ist die Bevölkerung im Geistviertel bunt durchmischt. Das stört Familie Schneider nicht, im Gegenteil. „Es ist sehr vielfältig“, meint Lena Schneider, auch an dem Teilstandort der Osterfeldschule in der Geist. Und genau deshalb besuchen ihre Kinder die Schule auch: „Das Team dort ist sehr engagiert“, sagt Schneider, „dort wird Inklusion gelebt“.

Das Gebäude allerdings ist in die Jahre gekommen und wird bald durch einen modernen und größeren Neubau ersetzt.

Historie

Ansiedlung dank der Industrie

Lange Zeit war das Geistviertel nicht viel mehr als die Moltkestraße und eine Verbindung nach Lippholthausen und zum Schloss Buddenburg. Die Entwicklung des Stadtteils ist, wie so oft mit der Entwicklung der Industrie verbunden. Das weiß Horst Störmer, ein Urgestein im Stadtteil. Demnach entstanden die ersten richtigen Ansiedlungen um 1900 mit der Entstehung einer Eisengießerei auf der Ecke zur Dortmunder Straße. Richtig los ging es, als 1936 die Vereinigten Aluminiumwerke ihr Lippewerk in Lippholthausen in Betrieb nahmen. Der Name Geist leitet sich übrigens von der Bodenform Geest ab - sie bezeichnet den sandigen, unfruchtbaren Boden, der dort zu finden ist.
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