Gewalt gegen Frauen: Polizei ruft dazu auf, hin- statt wegzuschauen

rnHohe Dunkelziffer

Nicht wegschauen, sondern hinsehen - und jedes Mal die Polizei rufen. Egal, wie oft. Nicht schweigend Gewalt ertragen, sondern Hilfe holen. Die Polizei sagt Gewalt gegen Frauen den Kampf an.

Lünen

, 26.10.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wählen Sie den Polizei-Notruf 110“, wirbt die Polizei in sozialen Netzwerken. „Wir möchten Sie auffordern und ermutigen, nicht länger tatenlos zu schweigen oder die Gewalt zu ertragen. In Dortmund gibt es zahlreiche Personen und Institutionen, die Ihnen sofort helfen.“ Das richtet sich indes nicht nur an betroffene Frauen, sondern an alle, die eine Frau kennen, die von ihrem Mann bedroht, entwürdigt, missbraucht und geschlagen wird. Aus gutem Grund.

Dunkelziffer unbekannt

Während des Lockdowns im April gingen die Fallzahlen bei der Polizeibehörde Dortmund, zu der auch Lünen gehört, zurück: Statt 130 Fälle von häuslicher Gewalt gegen Frauen wie im April 2019 registrierten die Beamten nur 97 Fälle. Konkret auf Lünen geblickt blieben die Zahlen mit 12 respektive 13 zwar nahezu konstant. „Aber wir blicken auch immer nur auf das Hellfeld“, sagt Polizei-Pressesprecher Peter Bandermann. Die Dunkelziffer derjenigen, die sich nicht melden und still leiden, ist unbekannt. Wieviele schweigend leiden, liegt im Bereich der Spekulation.

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Hoher Andrang nach dem Lockdown

Doch dass es Gewalt gegen Frauen gibt, ist kein Geheimnis. Und nach dem Lockdown fanden die Beratungsangebote, beispielsweise beim Frauenforum Kreis Unna, das auch Übernachtungsangebote bietet, auch wieder großen Anklang. „Unsere fünf Beratungskräfte waren gut ausgelastet“, sagt Birgit Unger vom Frauenforum. Lange Schlangen wie bei der ähnlichen Einrichtung in Dortmund gab es zwar nicht - aber das sei der besseren Personalsituation und dem Anmeldeverfahren geschuldet, sagt Unger.

Vorfälle in neuer Corona-Krise melden

Jetzt, wo unklar ist, ob es nicht wieder zu einem Lockdown kommt, schlagen die Anlaufstellen daher Alarm. „Wenn der Mann den ganzen Tag zu Hause ist, steht die Frau komplett unter seiner permanenten Kontrolle und seinem Zugriff“, weiß Bandermann, was betroffene Frauen berichteten. Telefonieren: geht nicht. Die einzige Chance, die Frauen dann haben, ist der Einkauf und der Besuch in der Apotheke.

Von der Kassenbon-Info bis zur Bitte nach „Maske 19“

Der Einzelhandel im Kreis Unna druckte daher die Telefonnummern und Internet-Adressen von Frauenberatungsstellen auf das Ende der Kassenbons, und der Apothekerverband Westfalen-Lippe rief das Stichwort „Maske 19“ ins Leben. Eine Frau, die danach fragt, wird sofort in einen hinteren, geschützten Bereich der Apotheke gebracht, wo ihnen die benötigte Hilfe in jeder gewünschten Form zuteil wird. Die reicht vom rufen der Polizei bis zur Vermittlung an Beratungsstellen. Und auch in Corona-Zeiten ist es möglich, Frauenhäuser aufzusuchen oder Übernachtungsstellen in Anspruch zu nehmen. „Wer um Hilfe bittet, soll sie auch bekommen“, sagt Bandermann - und dem stimmt auch Birgit Unger unumwunden zu.

Schutzhäuser auch in Corona-Zeiten

Natürlich muss man auch beim Frauenforum im Kreis Unna auf besondere Corona-Hygiene achten, doch das funktioniert. In wenigen Tagen werden sogar Räume zur Verfügung stehen, in denen auf ein Corona-Test-Ergebnis gewartet werden kann, bevor der weitere Umzug erfolgt. „Wir haben mit dem Kreis Unna die Vereinbarung getroffen, dass wir ähnlich wie die Seniorenheime vorrangig getestet werden“, sagt Birgit Unger. Denn gerade in Zeiten der Krise muss schnell geholfen werden können.

„Da lastet ein enormer Druck auf den Frauen, so dass sie sich nicht trauen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie wurden so erniedrigt, dass wie glauben, der Hilfe nicht wert zu sein“, weiß Bandermann, warum viele Betroffene eine bereits gestellte Anzeige wieder zurückziehen. Doch hat die Polizei erst einmal ein zehntägiges Betretungsverbot der Wohnung ausgesprochen, dann gilt das, komme was wolle. Und die Polizei kontrolliert die Einhaltung. „In dieser Zeit sprechen wir die Frauen mehrfach an und versuchen sie zu überzeugen, sich Hilfe zu holen“, erklärt Unger.

Nicht wegschauen, sondern Hilfe rufen

Doch zunächst einmal muss die Polizei Kenntnis über die Vorfälle erhalten. Deshalb appelliert die Polizei auch an Nachbarn, Verwandte und Freundinnen, nicht wegzugucken oder wegzuhören, sondern um Hilfe zu rufen. Die Frauen selbst haben gelernt, die Schmerzen zu ertragen. „Sie wirken nicht hilflos, sie sind hilflos“, weiß Bandermann. Um Auswege aus dem Teufelskreis zu finden, müsse sich die Gesellschaft kümmern.

„Es braucht das Mitgefühl und die Empathie der Bevölkerung“, wirbt Bandermann, wirklich die 110 zu wählen, wenn es bei den Nachbarn zur Sache geht. Schreie und Weinen, vor allem von Kindern, zu hören sind. Denn das Problem gebe es in jeder Schicht, in jeder Kultur, in jeder Religion. „Es ist ein Alltagsproblem“, sagt Bandermann. „Die Opfer sind unter uns. Und es ist der schlagende Typ, der ein Problem mit Gewalt hat.“

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Zurück zur Normalität

Die schnellste Hilfe ist es erstmal, die Frau aus dem Dunstkreis des schlagenden Partners zu holen. Alles weitere erfordere dann individuelle Lösungen. Da hilft die Frauenberatungsstelle mit ihrem Netzwerk weiter. Stellt Kontakte zu Opferschutz, Traumazentren oder Frauenhäusern her. „Die Frauen können nicht auf Dauer auf der Flucht sein“, erklärt Birgit Unger. Sie müssten wieder ein Selbstwertgefühl entwickeln und selbstständig werden. Und das ginge am besten durch finanzielle Unabhängigkeit.

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Jeden zweiten Tag eine Tat

  • Von Januar bis September diesen Jahres registrierte die Polizei in Lünen 110 Fälle, die die Tatbestandsmerkmale von häuslicher Gewalt erfüllten.
  • 89 Mal ging es dabei um Körperverletzung. Sexueller Missbrauch oder gar Tötungsdelikte wurden allerdings nicht registriert.
  • 50 Mal sprach die Polizei bereits einen Wohnungsverweis mit zehntätigem Rückkehrverbot aus.
  • 29 Mal wurde an Beratungsstellen vermittelt.
  • Im gesamten Jahr 2019 gab es 152 Fälle, 119 Mal mit Körperverletzung. 2018 waren es 155 Fälle, 152 in 2017 und 157 in 2016. Jedes Mal dominierte die Körperverletzung.
  • „Diese Fallzahlen“, so sagt es Polizei-Sprecher Peter Bandermann, „zeigen ein konstant hohes Niveau. Das ist alle zwei Tage eine Tat, die angezeigt wird. Und wir wissen nicht, wie groß die Zahl der Nicht-Anzeigen ist.“
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