Gewalt gegen Retter: Lüner Einsatzkräfte berichten aus jahrelanger Praxis

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Dass Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindert werden, scheint sich zu häufen. Aber stimmt das auch? Wir haben mit zwei Lüner Notfallsanitätern gesprochen, die aus der Praxis berichten.

Lünen

, 11.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Nils Weiberg (37) und Stefan Weißen (36) arbeiten bei der Lüner Feuerwehr - und haben als Notfallsanitäter schon tausende Einsätze gefahren, Leben gerettet, Menschen geholfen. Beide erfahren aber auch immer wieder: Die Leute sind nicht immer dankbar. Manche werden schnell aggressiv, beleidigend, andere sogar handgreiflich. Wobei, und das ist die gute Nachricht für Lünen: „Die Gewalt hat meiner Erfahrung nach nicht zugenommen, wenn etwas passiert, wird es aber mehr wahrgenommen“, sagt Stefan Weißen. Das war zum Beispiel bei dem Vorfall am vergangenen Sonntag der Fall, bei dem eine ganze Hochzeitsgesellschaft die Retter attackiert hatte. Er selbst sei erst einmal körperlich attackiert, aber zum Glück nicht verletzt worden.

Nachbar kam mit einem Baseballschläger aus der Tür

Vor drei Jahren ungefähr, in einem Treppenhaus war das. Ein Nachbar des eigentlichen Patienten kam aus der Tür gestürmt, fühlte sich offenbar durch den Einsatz gestört. In seiner Hand: Ein Baseballschläger. „Das war der einzige Fall, in dem ich eine Strafanzeige geschrieben habe.“ Das ganze sei auch vor Gericht gegangen. Das Urteil? Weiß er nicht mehr genau.

Weiberg sieht das ähnlich. Mehr Gewalt? „Ich hatte in meiner ganzen Zeit nur zwei Situationen, in denen es kurz davor war.“ Die ganze Zeit sind bei ihm immerhin 10 Jahre. In einem Fall sei er von Angehörigen oder Bekannten des Patienten direkt beschimpft worden. „Die wurden richtig aggressiv“, sagt er, „wir sind dann wieder rausgegangen.“ Der Eigenschutz geht bei den Rettungskräften immer vor. Was in diesem Fall für den Patienten nicht schlimm war. Ihm fehlte ohnehin nichts, der Einsatz war unnötig. Manche Aspekte haben sich über die Jahre sogar verbessert. Früher, sagt Weiberg, sei es rund um die sogenannten Flatrate-Partys häufig zu Aggressionen gekommen. „Da gab es öfter mal Streit“, heute sei das nicht mehr so. Überhaupt sei der Alkohol sehr häufig Auslöser für Gewalt und Beschimpfungen.

Deeskalation ist die beste Strategie

Für solche Eskapaden hat Weiberg eine „sinkende Hemmschwelle“ beobachtet, die Anspruchshaltung bei den Leuten sei außerdem größer geworden. Ihn selber beschäftigten solche Vorfälle nach dem Einsatz nicht weiter.

Das ist bei Stefan Weißen (36) ähnlich. „Wenn nichts passiert, dann lacht man drüber. Und wenn die meckern, sollen sie. Ich gehe dann einfach einen Schritt zurück.“

Nicht immer kann man den Menschen überhaupt einen Vorwurf machen, berichtet Tim Kewitz, Teamleiter Rettungsdienst. „Viele Patienten sind, wenn wir eintreffen, in einer absoluten Ausnahmesituation, die sind maximal überfordert.“ Das gelte auch für Angehörige, etwa wenn die Sanitäter eine aussichtslose Reanimation irgendwann abbrechen. „Die Reaktionen nehmen wir da in der Regel keinem übel.“ In allen Fällen sei Deeskalation die erste und beste Strategie für die Rettungskräfte, berichtet Kewitz. „Wir machen dafür Fortbildungen.“ Überhaupt sei die Kommunikation schon in der Ausbildung ein wichtiger Bestandteil. „Wir versuchen, auf Augenhöhe mit dem Patienten zu kommunizieren, nicht von oben herab.“ Das helfe in manchen Fällen schon.

Klar ist: Trotz aller Aggressionen machen die Retter ihre Arbeit gerne. Weißen: „Jeder Patient bekommt von uns Hilfe, egal wo oder wie.“

Keine Statistik: Zu geringe Fallzahlen

Statistiken über gewalttätige Vorfälle führt die Feuerwehr laut Rettungsdienst-Teamleiter Tim Kewitz nicht. Dafür sei die Zahl der Vorfälle einfach zu gering. Mit dem DRK zusammen besetzt die Feuerwehr für Lünen und Selm 8 Rettungswagen, ein Notarzteinsatzfahrzeug und den Intensivtransportwagen.

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