Gutachter gegen Gutachter: Wie starb Baby Nils?

Mutter aus Lünen vor Gericht

Am 20. Juni 2010 ereignete sich eine Katastrophe, die eine 34-jährige Frau aus Lünen bis heute nicht loslässt. An diesem Tag erleidet ihr sieben Monate alter Sohn Nils so schwere Kopfverletzungen, dass er keine 30 Stunden später stirbt. Ein Unfall? Ein Verbrechen? Fragen, auf die es bis heute keine eindeutigen Antworten gibt.

LÜNEN

23.01.2016, 06:29 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Rechtsmediziner Bernd Brinkmann hält es für möglich, dass das Kind an einem Sturz starb.

Der Rechtsmediziner Bernd Brinkmann hält es für möglich, dass das Kind an einem Sturz starb.

Seit bald zwei Jahren beschäftigt der Fall das Dortmunder Schwurgericht. An jedem einzelnen Verhandlungstag nimmt die Angeklagte zwischen ihren beiden Verteidigern Rüdiger Deckers und Christian Koch Platz und weiß, dass die Frau, die ihr gegenüber sitzt, ihr die Schuld am Tod des Babys gibt.

Staatsanwaltschaft fordert Freiheitsstrafe für die Mutter

Die Frau gegenüber ist Staatsanwältin und heißt Sandra Lücke. Sie hat die Lünerin wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt.

Paragraph 227 des Strafgesetzbuches sieht für dieses Verbrechen eine Freiheitsstrafe von drei bis 15 Jahren vor, für sogenannte minder schwere Fälle eine Strafe zwischen einem Jahr und zehn Jahren.

Die Version der Staatsanwaltschaft: Mutter schüttelte Sohn zu Tode

Lückes Version des 20. Juni 2010 geht so: Irgendwann in den Morgenstunden muss die Angeklagte den schreienden und weinenden Nils gepackt und heftig geschüttelt haben. So heftig, dass der kleine Kopf gegen einen harten Gegenstand, möglicherweise die Wand, prallte.

Dann soll die Mutter das wimmernde Kind hingelegt haben und erst wieder aktiv geworden sein, als sich der Zustand des Säuglings rapide verschlechterte. Erst kamen ihre Eltern, später Notärzte, Sanitäter und die Einweisung in die Klinik.

Die Ärzte rätselten, untersuchten das Baby sogar auf Drogen. Am Mittag des Folgetages war Nils tot. Schon am ersten Verhandlungstag im Januar 2014 hat die Angeklagte bestritten, Nils geschüttelt zu haben.

Die Version der Angeklagten: Nils fiel aus dem Bett

In einer von Verteidiger Deckers verlesenen Erklärung hieß es damals zwar: „Ich fühle mich für den Tod verantwortlich.“ Tatsächlich aber sei das Baby an jenem 20. Juni 2010 aus dem Elternbett auf den Fußboden gefallen. „Ich habe aus dem Schlafzimmer ein Geräusch gehört – wie einen Aufschlag. Dann hat es aus Leibeskräften geschrien.“

Todesursache des Kindes ist weiterhin unklar

Tatsache ist: Nils starb an den Folgen eines Schädelbruchs und Hirnblutungen. Bei der Obduktion stellten die Rechtsmediziner später außerdem Netzhauteinblutungen in den Augen fest.

Die Frage, was diese schlimmen Verletzungen verursacht hat, ist die zentrale Frage des Verfahrens. Wie der bisherige Prozessverlauf zeigt, ist diese Frage außerdem dazu geeignet, erfahrene Ärzte – allesamt Koryphäen auf ihrem Fachgebiet – nicht besonders freundlich übereinander sprechen zu lassen.

Anklage stützt sich auf Analyse der Rechtsmedizin

Der Rechtsmediziner Bernd Karger hat sich in seinem Gutachten klar positioniert: Ein Sturz aus gerade einmal 45 Zentimetern Höhe könne diese Bruchverletzung am Schädelknochen kaum verursacht haben.

Außerdem seien die Netzhauteinblutungen eindeutige Zeichen eines Schütteltraumas. Wörtlich sagte er im Mai 2014: „Die Diagnose Schütteltrauma steht auf sehr festen Füßen. Alternativen sind praktisch auszuschließen.“ Auf Kargers Expertise stützt sich die Anklage.

Sturz halten Experten nicht für unmöglich

Doch es gibt auch Stimmen, laute, gewichtige Stimmen, die sagen, dass die Sturz-Version der Angeklagten keinesfalls abwegig ist. Bernd Brinkmann war vor Jahren Kargers Vorgesetzter in Münster.

Heute ist er 76 Jahre alt, emeritiert und davon überzeugt, dass sich alle Verletzungen des Babys auch mit einem Sturz aus dem Elternbett erklären lassen. In seiner Vernehmung im Januar 2015 sprach Brinkmann von einer „extrem seltenen, aber möglichen Verkettung unglücklicher Umstände“.

Keine Einheit zwischen den Medizinern

Die Dortmunder Richter haben inzwischen eine Vielzahl von Sachverständigen gehört. Einige Ärzte fanden deutliche Anzeichen für ein Schütteltrauma, andere Mediziner kamen zu dem Schluss, dass die Lünerin ihr Kind wohl nicht misshandelt hat.

Die Kammer hat unzählige Fachartikel selbst gelesen und sich von Experten erläutern lassen. Den Richtern wurden Statistiken zur Wahrscheinlichkeit von Schädelbrüchen bei Stürzen aus geringer Fallhöhe und zur Häufigkeit von Schütteltraumata vorgelegt. Ein eindeutiges Ergebnis hat keine einzige erbracht. Auch deshalb dauert die Verhandlung nun schon so lange. 

Verteidiger sehen Bevorzugung des Rechtmediziners

Bernd Karger war übrigens als einziger fast immer geladen, wenn andere Sachverständige ihre Gutachten erstatteten. Er durfte Fragen stellen und später Stellung nehmen.

Die Verteidigung sieht darin eine Bevorzugung des Rechtsmediziners aus Münster. Zuletzt haben die Anwälte Karger im Namen ihrer Mandantin einmal mehr als parteiisch und nicht mehr unvoreingenommen abgelehnt.

Freispruch aus Mangel an Beweisen? Urteil im Sommer

Man könnte sagen: Wenn wie in diesem Fall Aussage gegen Aussage, Wahrscheinlichkeit gegen Wahrscheinlichkeit steht, dann muss die 34-Jährige aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden.

An diese Hoffnung wird sich die 34-Jährige auch sicher klammern. Denn dass jetzt noch ein bislang nicht gehörter medizinischer Experte auftaucht, der alle bisher vernommenen Kollegen in den Schatten stellt und den klaren und eindeutigen Beweis für ihre Unschuld erbringt, ist höchst unwahrscheinlich.

Das Urteil peilen die Richter nun für die kommenden acht Wochen an. So weit waren sie allerdings schon einmal – im Spätsommer 2014.  

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