Hertie-Umbau: "Nicht ins Mauseloch gekrochen"

Interview mit den Machern

Friedhelm Deuter, Andreas Zaremba und Christian Christensen vom Bauverein zu Lünen sind die drei "Macher" hinter dem Hertie-Umbau. Wir haben sie zum Interview getroffen. Ein Gespräch über das "Baby Hertiehaus", Schweißperlen, Kritik und den Imagewert, der für Bauverein und Stadt mit einem solchen Projekt zusammenhängt.

LÜNEN

, 16.10.2017, 17:42 Uhr / Lesedauer: 4 min
Hertie-Umbau: "Nicht ins Mauseloch gekrochen"

Projektleiter Christian Christensen (v.l.) und die Vorstände Andreas Zaremba und Friedhelm Deuter vor dem fertigen Hertie-Gebäude. Deuters "Baby", sagen zumindest die anderen.

Herr Deuter, ihr Vorstandskollege Andreas Zaremba hat den Hertie-Umbau als Ihr Baby bezeichnet. Wie fühlt sich das an?

Deuter: Ich sehe das nicht so. So etwas ist immer eine Gemeinschaftsproduktion, alleine hätte ich das auch nicht machen können. Hertie war natürlich mein Schwerpunkt in der Zeit, Herr Zaremba hat sich um die Finanzierung gekümmert, Herr Christensen um die Projektsteuerung.

Apropos Hertie. Stört es Sie, dass das Hertie-Haus immer noch Hertie-Haus genannt wird, obwohl es damit gar nichts mehr zu tun hat?

Zaremba: Eigentlich nicht, es gab verschiedene Gedanken, einen Namen zu finden. Aber die Erfahrung lehrt uns, dass künstlerische Namen nicht aufgenommen werden. Das Projekt Lüner Heide haben wir Leben am Vogelsberg genannt. Aber immer noch fragt jeder nach der Lüner Heide. Das ist bei Hertie ähnlich. Und das wird so bleiben.Deuter: Ein Kunstname wäre auch nicht richtig. Es ist das ehemalige Hertie-Haus und das ist richtig.

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1969 eröffnete das Hertie-Warenhaus mit 450 Beschäftigten nach umfangreichen Baumaßnahmen. Hier in Blick auf die Baustelle im Jahr 1968.© Foto: Stadtarchiv
Auch vor über 30 Jahren war es schon unruhig um Hertie: Im Januar 1985 protestierten Mitarbeiter für den Erhalt der Hertie-Filiale.© Foto Stadtarchiv
1994: Karstadt übernimmt Hertie, auch in Lünen wird aus Hertie Karstadt.© Foto Stadtarchiv
2005: Karstadt verkauft 74 Warenhäuser, auch das Lüner. Aus Karstadt wird wieder Hertie.© Foto: dpa
Dann war Schluss: Am 4. März 2009 schlossen Mitarbeiter die Türen gegen 18 Uhr ein letztes Mal. Sie öffneten nie wieder.© Foto: Günther Goldstein
2013: Der Bauverein kauft das Hertie-Haus im September, nachdem der Vorschlag der Projektentwickler die Verantwortlichen überzeugt hatte. Christian Christensen, Matthias Buckesfeld, Andreas Zaremba, Bürgermeister Hans Wilhelm Stodollick, Friedhelm Deuter und Torsten Uding (v.l.) präsentierten die Pläne.© Foto: Quiring-Lategahn
Im August 2014 beginnt der Abbruch der nicht mehr benötigten Gebäudeteile, schon im Februar 2015 startete der Wieder-Aufbau der alten Immobilie im Herzen der Stadt.© Foto: Günther Goldstein
Im November 2016 zogen nach der Volksbank noch Kanne und Stolzenhoff ein, später folgte Sport Live. Damit ist das Erdgeschoss komplett bezogen. Hier zu sehen: die Kanne-Filiale mit der Außengastronomie auf dem Markt.© Foto: Beate Rottgardt
Mit dem Stadtumbaufest Anfang April 2017 wurden die Fertigstellung des Umbaus und die Neugestaltung des Marktplatzes mit Tausenden Besuchern gefeiert.© Foto: Günther Goldstein
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Als das Projektbüro Uding damals mit dem Entwurf auf Sie zu kam – hatten Sie das Gebäude da schon auf dem Zettel?

Deuter: Ja, wir wussten seit Jahren, dass diese Immobilie leer steht. Die Stadt hat uns über Jahre darauf hingewiesen: Vielleicht könnt ihr ja mal dran gehen. Das Problem war, dass der Kaufpreis so unrealistisch hoch war, dass wir das nicht machen konnten. Dann kam der Entwurf vom Büro Uding, der Wohnen und Gewerbe im Erdgeschoss vorsah. Nach dem Entwurf war sofort klar: Das machen wir, das fassen wir an.

Und der Kaufpreis war in der Zwischenzeit gesunken?

Deuter: Wir dürfen darüber nach wie vor nicht reden. Aber er ist erheblich gefallen. Man sprach mal vorher von acht Millionen. Die wären undenkbar gewesen. Wir haben Glück gehabt, dass wir gute Kontakte auch beim Verkauf hatten. Die waren uns äußerst wohlgesonnen. Sonst hätte das gar nicht geklappt.

War es denn trotzdem ein Risiko?

Deuter: Gar keine Frage. Aber so ganz ängstlich sind wir ja nie gewesen. Man muss sich überlegen: Wie kann man das machen? Welche Kosten können entstehen? Also: Die Schweißperlen standen auf der Stirn, aber es ist nicht so, dass wir in ein Mauseloch gekrochen sind.

Und Sie, Herr Christensen, hatten ins Blaue hinein einen Entwurf geschrieben?

Christensen: Ja, das ist ein gängiges Verfahren in der Projektentwicklung. Ich muss eine Idee haben und davon überzeugt sein. Und dann auf den Investor zugehen. Ein Risiko besteht.

Hat sich von der ersten Idee bis zur Realisierung viel an dem Entwurf geändert?

Christensen: Ein Projekt ändert sich immer. Aber die Grundidee stand am Anfang fest, und die haben wir bis zum Ende durchgezogen. Wenn man den ersten Entwurf neben die Situation heute legt, liegt das schon sehr nah beieinander. Die Grundidee kam von uns, der Bauverein hat das nachträglich mit Leben gefüllt.

Es gab ja auch Kritik an dem Projekt…

Deuter: Ja, nicht alle Reaktionen waren positiv. Es gab auch Menschen in der Politik, die gesagt haben, sie hätten auch ihre eigenen Ideen gehabt.

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Um wen handelte es sich da?

Deuter: Das waren die Grünen, die da etwas Schwierigkeiten sahen. Aber das ist im Nachhinein alles erledigt. Es hat eigentlich gar keine Probleme gegeben.

Wie waren die Reaktionen, nachdem Sie die Pläne öffentlich gemacht haben?

Deuter: Es war ja etwas Besonderes, als wir das bekannt gegeben haben. Und noch am gleichen Tag, als es in der Zeitung stand, kamen Mieter zu uns und haben gesagt: Das finde ich toll, dass ihr das macht. Das war einzigartig bis jetzt.Zaremba: Es gab auch viel Lob von den Vertretern in unserem höchsten Gremium unserer Genossenschaft. Auch aus der Politik ist das Interesse noch da, das ist schon toll.Deuter: Wichtig ist auch: Die Politiker haben wir nie gerufen, die sind gekommen.

Haben Sie den Kauf je bereut?

Deuter: Nein, nie. Es gab kleinere Verzögerungen, es war viel Arbeit – aber das ist ja auf jeder Baustelle so, das ist nichts Besonderes. Krach haben wir hier überhaupt nicht gehabt, das ist sehr gut gelaufen.

Anwohner haben sich aber schon ab und zu beschwert. Es ging um Lärm und mangelnde Kommunikation…

Deuter: Es gab keine Kommunikationsschwierigkeiten. Wenn man uns angesprochen hat, sind wir immer sofort da gewesen. Manche möchten das offenbar auch schlechtreden. Wir haben für die Eisdiele für viel Geld ein großes Bild (Transparent zum Staubschutz, d. Red.) gemacht, damit die Staubbelästigung klein bleibt, extra einen Container hingestellt, damit kein Schutt rüber fällt. Die hatten dann trotzdem Probleme. Gut… Wir sind immer gesprächsbereit gewesen und haben sofort reagiert.Christensen: Das hat im Großen und Ganzen wirklich super geklappt, auch mit den Anwohnern. Es war eine große und tief greifende Baumaßnahme mit Abbruch und großem Kran. Dass sich zwischendurch immer mal jemand nicht gehört fühlt, gehört dazu.

Hätten Sie sich gewünscht, auch Unternehmen ins Hertie-Haus zu holen, die nicht aus Lünen kommen?

Zaremba: Es war klar, dass das kein Selbstläufer wird. Aber weil wir in der Stadt sehr gut vernetzt sind, sind dennoch Gespräche entstanden.Deuter: Wir hätten ja zig andere nehmen können, die bereit gestanden hätten. Auch Nicht-Lüner. Das hätten wir fünf Mal vermieten können. Billigläden wie Takko und Co. Die zahlen eine richtig hohe Miete. Aber das passt ja nicht zu unserem Objekt. Wir wollten etwas Schönes haben. Und das ist uns, glaube ich, auch gelungen. Es ist wunderschön, dass der Marktplatz jetzt so belebt ist. Dazu haben wir mächtig beigetragen.

Warum haben denn andere hochwertigere Unternehmen abgesagt?

Deuter: Ganz klar: Die fehlende Kaufkraft in Lünen. Deswegen haben die das sein lassen. Depot zum Beispiel ist nach Kamen gegangen. Mit denen haben wir auch gesprochen. Hier wäre die Stelle allerdings deutlich besser gewesen als in Kamen.

Den rund 30 Minuten langen Film über den Umbau kann man mittlerweile auf Ihrer Homepage sehen. Am Lippe Wohnpark wird auch gedreht. Was versprechen Sie sich davon?

Zaremba: Das hat einen hohen Wert. Alle, die den sehen, meinen, den müsste man einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Welchen Wert hat der Film denn?

Deuter: Einen hohen Imagewert. Wenn wir den Film gezeigt haben, egal ob bei Parteien, Vereinen oder Kolping, haben wir erlebt, was wir sonst nie erlebt haben: Die Leute haben applaudiert am Ende. Das war eine tolle Erfahrung.

Wenn Sie von Imagewert reden, dann gilt das auch für das Gebäude selbst?

Deuter: Ja, für den Bauverein, aber auch für die Stadt.

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