In Frankreich sollen homöopathische Leistungen bald nicht mehr von Krankenkassen übernommen werden. Auch in Deutschland wird diskutiert. Es gibt Kritiker - und zufriedene Patienten.

Lünen

, 23.07.2019, 16:34 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wissenschaftlich gesehen ist es einfach: Bisher konnte in keiner wissenschaftlich einwandfreien Studie die Wirkung von Homöopathie nachgewiesen werden. Das sagt auch Dr. Michael Funke, Vorsitzender des Lüner Ärztevereins: „Ich, als Naturwissenschaftler, habe bei Homöopathie noch nicht einen einzigen Wirknachweis gesehen, wissenschaftlich gesehen ist da nichts hinter.“

Homöopathie wirkt - aber nur durch den Placebo-Effekt

Das hat jetzt auch der Präsident der Kassenärztlichen Bundesvereinigung noch einmal öffentlich gesagt. Wie Homöopathie laut Funke aber trotzdem wirkt: „Es hat einen schönen Placebo-Effekt.“

Heißt: Wer glaubt, ein wirksames Medikament einzunehmen, aktiviert seine Selbstheilungskräfte. Wieso geben dann trotzdem so viele Menschen Geld für homöopathische Produkte aus?

Ein Besuch bei Petra Nüchtern, 63, die mit ihrem Mann in einer Wohnung mit freiem Blick auf die Lippe wohnt: Jan Böhmermann sei ihr schon ein Begriff, sagt sie. Das Video, in dem sich der Satiriker kritisch mit der Homöopathie auseinander setzt, allerdings nicht. Eine Meinung hat sie trotzdem: „Wenn ich den mal persönlich treffen würde, würde ich dem auch ein paar Takte sagen. Man kann nicht etwas kommentieren, was man nicht persönlich probiert hat.“

Böhmermann? „Dem würde ich ein paar Takte sagen“

Böhmermann zeigt in dem Video unter anderem, wie homöopathische Produkte (Globuli) hergestellt werden: Je nach Potenz werden sie mehrfach verdünnt, schließlich auf einem gepolsterten Untergrund aufgeschlagen. Je verdünnter das Präparat ist, je höher potenziert, desto stärker wirkt es in der Logik der Homöopathie. Das ist Quatsch, meint Jan Böhmermann. Globuli seien nichts weiter als Zucker-Kügelchen.

„Natürlich kann ich die Wirkung von Globuli nicht beweisen oder erklären“, sagt auch der Lüner Heilpraktiker Frank Kubiak (52). „Aber mir kann ja auch niemand erklären, wie genau ein Smartphone funktioniert.“ Aber da könnte man doch zumindest einen Wissenschaftler fragen, der das könnte, oder? Und immerhin: Dass das Smartphone funktioniert, merkt man ja jeden Tag.

Kubiak winkt ab. Er kann auf Anhieb Fälle nennen, in denen homöopathische Präparate seinen Patienten geholfen haben: Das drei Wochen alte Baby, das nachher nicht mehr geschrien hat zum Beispiel. Oder der Hund der Familie. Das könne doch kein Placebo-Effekt sein?

„Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht“

Es könnte aber ein Einzelfall sein, reiner Zufall. In der Tat wurde in Jahrhunderten medizinischer Entwicklung kein einziger Nachweis über die tatsächliche Wirkung von Globuli erbracht, zumindest nicht nach wissenschaftlichen Standards. Die ersten Theorien stammen immerhin aus dem 18. Jahrhundert.

Petra Nüchtern und ihrem Mann Werner Kruglowski (67) ist das egal. Die Liste ihrer Krankheiten ist lang. Arthrose, Osteoporose, neurologische Erkrankungen: „Klar, die kann man mit Homöopathie nicht heilen“, sagt Petra Nüchtern. Aber die ganzen Nebeneffekte dieser Krankheiten, die Symptome, die könne man damit behandeln. „Und damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.“

Zahlen müssen sie die homöopathischen Behandlungen und Präparate in Teilen selbst. Ihre Krankenkassen übernehmen nur einen Grundbetrag pro Jahr. Das kann ganz schön ins Geld gehen: Für die „große Anamnese“ bei Frank Kubiak haben die beiden damals 345 Euro gezahlt, dafür hat sich der Heilpraktiker auch richtig lange Zeit genommen. Allein die normale Anamnese dauert bei ihm 1,5 Stunden.

Homöopathie ja - aber keine Brillen?

Manche Krankenkassen übernehmen homöopathische Behandlungen, obwohl die Wirksamkeit nie nachgewiesen werden konnte, etwa die Techniker Krankenkasse. Das ruft immer wieder Kritik hervor, weil gleichzeitig zweifellos wirkende Hilfsmittel, etwa Brillen, gar nicht, kaum oder wenig übernommen werden. Nachdem in Frankreich kürzlich entschieden wurde, dass homöopathische Mittel künftig nicht mehr von Krankenkassen übernommen werden, wird auch die Kritik in Deutschland lauter. Auch bei Dr. Funke, dem Vorsitzenden des Lüner Ärztevereins: „Dass das eine Kassenleistung ist, geht gar nicht“, sagt er, „das darf nicht auf Kosten der Allgemeinheit gehen.“

Die Kritik wird zwar lauter, aber die Homöopathie-Befürworter sind gut organisiert. Eine Hersteller-Firma geht mit Unterlassungserklärungen gegen Kritiker vor, die feststellen, dass Homöopathie eben nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirkt.

Wie gut organisiert die Befürworter sind, zeigt auch eine nicht repräsentative Umfrage, die diese Redaktion bei Facebook gestartet hat. Auf die Nachfrage nach Erfahrungen folgten 40 überwiegend positive Antworten. „Ich bin der Homöopathie und meiner Heilpraktikerin so dankbar, dass es sie gibt“, schreibt eine Nutzerin.

Auffällig ist: Nur wenige Menschen, die antworten, stammen offenbar aus Lünen.

Kein Wunder. Der Beitrag ist 13 Mal geteilt worden, unter anderem vom „Verband Klassischer Homöopathen Deutschlands“, der zur Beteiligung unter unserem Beitrag aufruft: „Man kann nicht wissen, welche Intention eine Redaktion verfolgt. Aber wenn wir uns nicht beteiligen und unsere Position nicht beisteuern, bleibt unsere Stimme (und die Stimme der Patient*innen) ungehört“, schreibt der Verband.

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