Coronavirus: „Die Angst vor einer Ansteckung sollten Eltern jüngeren Kindern nicht zeigen“

rnDr. Christian Lüdke

Was tun, wenn die Familie zwangsweise daheim bleiben muss? Soll man mit Kindern über Corona-Ängste sprechen und wenn ja - wie? Wir haben mit dem Psychologen Christian Lüdke aus Lünen gesprochen.

Lünen

, 16.03.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Home-Office ist auch beim Psychologen und Buchautor Dr. Christian Lüdke seit Montag (16.3.) angesagt. Als Vorsichtsmaßnahme in der Corona-Krise hat der gebürtige Werner, der mittlerweile in Lünen lebt, viele Termine gestrichen. „So etwas haben wir wohl alle noch nicht erlebt“, sagt der 59-Jährige. Und rät, das Beste aus dieser Zeit zu machen.

In vielen Familien muss man sich jetzt an die „Zwangsferien“ in Schulen und Kitas gewöhnen. Wie sollten Eltern und Kinder diese Zeit angehen?

Man sollte jedem Tag eine Struktur geben, gerade, wenn man Kinder hat. Aus den USA kommt ein interessanter Vorschlag für solche Tage, eine Art Stundenplan. Es sollte täglich feste Zeiten geben für gemeinsame Mahlzeiten, aber auch fürs Lernen, fürs Ausruhen und Spielen oder frische Luft schnappen. Nach diesen Zeiten sollten sich dann alle Familienmitglieder richten.

Auch wenn die Kinder und Jugendlichen derzeit keinen Unterricht haben, sollen sie trotzdem nicht nur spielen. Was raten Sie da?

Ich würde empfehlen, Wissenslücken zu stopfen. Wenn die Kinder Defizite in Mathematik haben oder wenn sie Vokabeln lernen sollten, dann ist dazu jetzt eine gute Zeit. Und das Ganze dann im 45-Minuten-Takt, wie es die Kinder von der Schule gewöhnt sind. Man muss das Ganze nur durchziehen, auch das Lernen zuhause.

Trotzdem kann es ja sein, dass bei den Kindern Langeweile aufkommt. Und dann?

Man sagt nicht umsonst, dass die Langeweile die Göttin der Kreativität ist. Viele Menschen wissen in der heutigen Zeit gar nicht mehr, was Langeweile ist. Aus diesem Gefühl können durchaus kreative Ideen entstehen.

Was könnte man denn tun, um diese Zwangspause sinnvoll zu nutzen?

Alles das, was man schon lange vor sich her geschoben hat. Wie das Kinderzimmer aufräumen, oder, im Fall der Erwachsenen, die Wohnung. Oder den Kleiderschrank und das Spielzeug durchforsten und Sachen, die man nicht mehr braucht, aussortieren und vielleicht später für gute Zwecke spenden. Aber auch Bewegung ist wichtig, im Haus oder draußen - regelmäßig, aber derzeit ohne sich groß anzustrengen. Ich trainiere eigentlich auch in einem Fitness-Studio, das nun geschlossen ist. Von dort hab ich Zugangscodes geschickt bekommen für den Rechner zuhause, damit ich nun auch daheim trainieren kann. Das machen viele Fitnessstudios so. Außerdem hat man nun auch Gelegenheit, zu sich selbst zu kommen.

Das ist das richtige Stichwort. Ohne Ablenkung kommt man ja auch ins Grübeln und man entwickelt Ängste. Ich hab gelesen, dass gegen trübe Gedanken Singen hilft. Was sagt der Psychologe dazu?

Singen macht prinzipiell gute Laune und hilft vielleicht auch gegen Ängste - Menschen pfeifen ja auch, wenn sie durch den Wald oder in den Keller gehen. Wichtig ist es, sich bewusst abzulenken, wenn Ängste wegen der Corona-Krise hochkommen. Man sollte sich an Menschen wenden, die positiv denken - per Telefon oder WhatsApp. Es gibt auch noch eine andere Methode, sich abzulenken. Hört sich lustig an, ist aber durch mehrere Untersuchungen nachgewiesen: Man soll mit den großen Zehen wackeln, dadurch wird im Gehirn der Bereich aktiviert, der für Stress- und Angstabbau zuständig ist.

Kinder spüren, wenn Eltern Ängste haben. Sollten Erwachsene mit ihren Kindern über ihre eigenen Ängste vor den Folgen der Corona-Krise sprechen?

Das kommt auf das Alter der Kinder an. Kinder bis zu drei Jahren bekommen den Grund, warum sie nicht in der Kita und die Eltern zuhause sind, nicht mit. Bei Kindern zwischen drei und zehn Jahren, sollte man darüber nur sprechen, wenn sie danach fragen. Es ist meiner Meinung nach auch jetzt die einzige Situation, in denen Eltern ihre Ängste zurückhalten sollten. Jedes außergewöhnliche Gefühl bei den Eltern verunsichert die Kinder. Wenn es darum geht, dass Erwachsene sich vor wirtschaftlichen Folgen fürchten oder von einer Ansteckung, sollten sie das nicht ihren jüngeren Kindern zeigen. Wenn die Eltern stabil sind, sind es auch die Kinder. In dieser Zeit helfen die „3 Z“: Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit.

Und wie geht man mit Kindern ab zehn Jahren am besten um?

Sie befinden sich in der Vorpubertät, man kann mit ihnen durchaus über die Situation sprechen. Aber auch hier gilt, dass man die Kinder, egal wie alt sie sind, nicht durch eigene Ängste verunsichern sollte.

In vielen Familien fällt der geplante Osterurlaub ins Wasser. Wie tröstet man die Kinder?

Entweder mit dem Versprechen, den Urlaub nachzuholen. Oder mit etwas als Ersatz, über und auf das sich die Kinder richtig freuen. Wie Reitstunden, ein Fußballcamp oder einen Tanzkurs - alles nach der Krise natürlich. Was es da gibt, kann man jetzt gemeinsam recherchieren.

Derzeit überwiegen negative Meldungen. Sehen Sie dennoch einen Silberstreif am Horizont?

Es gibt immer Gutes in schlechten Situationen, so natürlich auch jetzt. Beispielsweise kann man sich sagen: Ich habe jetzt endlich mal Zeit für Dinge, für die ich sonst keine Zeit habe. Wichtig ist es, sich Erinnerungsanker zu suchen. Also positive Dinge, die auch die Krisenzeit überstehen. Beispielsweise jeden Tag zehn Minuten Entspannungsübungen zu machen, mal wieder regelmäßig ein Buch zu lesen oder ein Hörbuch zu hören. Und das dann auch beibehalten. Auch hier gilt wieder: Dem Ganzen eine Struktur zu geben, gibt Sicherheit. Es ist eher katastrophal, wenn man sich nur so durch den Tag treiben lässt.

Dr. Christian Lüdke ist Kinder- und Jugendpsychologe. Mit jüngeren Kindern solle man behutsam über das Thema reden - wenn sie danach fragen.

Dr. Christian Lüdke ist Kinder- und Jugendpsychologe. Mit jüngeren Kindern solle man behutsam über das Thema reden - wenn sie danach fragen. © Lüdke

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