Humanisten in Lünen begrüßen Sterbehilfe-Urteil - Zurückhaltender äußert sich das Hospiz

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Droht nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Sterbehilfe zum Geschäft zu werden? Unwahrscheinlich glaubt ein Lüner Humanist. Im Hospiz bleibt man zurückhaltender.

Lünen

, 10.03.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nach dem das Bundesverfassungsgericht über das Sterbehilfegesetz geurteilt hat, könnten neue Regeln kommen. Das Urteil der obersten Richter vom 26. Februar erklärt das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung (§217 StGB) für verfassungswidrig.

Der Humanistische Verband Dortmund-Ruhr-Lippe begrüßt die damit verbundene Stärkung des Selbstbestimmungsrechts über den eigenen Tod. „Jeder Mensch hat das Recht, sein Leben zu beenden“, sagt Jens Hebebrand, der Vorsitzende des Verbands. Zugegeben: Das war auch vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts schon so.

Nur: Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom März 2017, dass das Bundesgesundheitsministerium zur Herausgabe tödlich wirkender Medikamente an Schwerstkranke verpflichtete, hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) per internem Erlass blockiert. Anträge darauf wurden grundsätzlich abgelehnt.

„Es hat mich immer aufgeregt, dass der Gesundheitsminister geltendes Recht blockiert hat. Die Beschränkung muss auch aufgehoben werden“ so Hebebrand.

Selbsttötung muss letztes Mittel bleiben

Von einer Förderung des Suizids, Hebebrand bevorzugt das Wort Freitod, distanziert sich der Humanist aber deutlich. Es müsse sehr stark differenziert werden.

Besonders, wenn es um den Freitod junger Menschen gehe. Als Trauerredner hat Hebebrand auch damit zu tun. „Häufig hätte das nicht sein müssen.“ Bei psychischen Erkrankungen wäre eine Therapie der richtige Weg. „Auch wenn diese Menschen natürlich genauso frei bestimmen dürfen, wie jeder Andere.“

Etwas zurückhaltender äußert sich Sebastian Roth, Leiter vom Lüner Hospiz am Wallgang. Er unterstütze eine Einschätzung, ob jemand sein Leben freiwillig beenden will, für den Fall, dass „alle Therapien ausgereizt sind und es nicht mehr lebenswert ist“.

Es müsse allerdings ausgeschlossen sein, dass es sich um eine Entscheidung nach Tagesgefühl des Patienten handelt. Eine Ethikkommission oder ein Rat sei dafür der richtige Weg.

Ende des Suizid-Tourismus?

Auch wenn Roth die Möglichkeit sieht, dass Vereine für passiven Suizid, wie etwa Dignitas, sich jetzt mehr in den Vordergrund drängen könnten, sei das nicht nur negativ zu sehen. „Vielleicht hören die Fahrten nach Frankreich und in die Schweiz dann auf“, so Roth. Das eigene Leben in dort angemieteten Wohnungen oder in einem Wohnwagen zu beenden, sei nicht würdevoll.

Das Risiko, die Sterbehilfe könnte zu einem Wirtschaftszweig werden, könne laut Hebebrand zwar nicht ausgeschlossen werden, aber er halte es für unwahrscheinlich. „Sterbehilfevereine arbeiten gemeinnützig und sind nicht auf Wirtschaftlichkeit ausgelegt.“

Aktive Sterbehilfe und Gesetzentwürfe

Aktive Sterbehilfe bleibt, auch ohne Paragraph 217, verboten. Es geht, einfach ausgedrückt, um den Unterschied, einem Schwerstkranken Mittel zur Selbsttötung zur Verfügung zu stellen, die dieser dann selbstständig zu sich nimmt oder die (aktive) Verabreichung durch einen Arzt. Auch das Lüner Hospiz sei gegen die aktive Sterbehilfe, sagt Sebastian Roth.

Der Humanistische Verband will sich in der Folge des Urteils des Bundesverfassungsgerichts für eine Neuregelung der Suizidhilfe in Deutschland einsetzen. Folgende Punkte sollen darin aufgenommen werden:

  • Das Selbstbestimmungsrecht zum eigenen Tod respektieren und gewährleisten.
  • Voraussetzungen und Regeln für die Hilfe zur Selbsttötung bestimmen.
  • Betroffene vor einsamen sowie brutalen Selbsttötungen schützen.
  • Unüberlegte, spontane und voreilige Suizidversuche verhindern.
  • Rechtliche Unsicherheiten für alle, die humane Hilfe zur Selbsttötung leisten, ausräumen.
  • Für Ärzte klarstellen, dass und wie sie Hilfe zur Selbsttötung leisten dürfen, und entsprechende Sorgfaltskriterien formulieren.
  • Gesellschaftlichen Forderungen, welche die Zulassung der ärztlichen Tötung auf Verlangen anstreben, entgegenwirken.
  • Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten – außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit.
  • Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de).
  • Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.
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