Im herrschaftlichen Haus an der Gahmener Straße behandelte der Zechenarzt kranke Kumpel

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Ein auffälliger Erker schmückt das herrschaftliche Haus an der Gahmener Straße. Hier behandelte einst Zechenarzt Dr. Fortmüller kranke Kumpel. Im Gebäude fällt ein besonderes Stilmittel auf.

Gahmen

, 13.04.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein Holzgeländer schwingt sich an der Treppe nach oben. Die Zahl 1904 ist dort eingearbeitet. In dem Jahr wurde das Haus an der Gahmener Straße für Dr. Fortmüller, Knappschaftsarzt der Zeche Preußen I, später Victoria 3/4, gebaut. Im Souterrain hatte er seine Praxis, in den beiden Etagen darüber waren die „Belle Etage“ mit 4,30 Meter hohen Räumen und der Schlafbereich. Es gab Dachkammern für Dienstboten und einen Anbau für Kutsche und Kutscher.

Das repräsentative Haus mit großbürgerlichem Ambiente steht für den damals aufstrebenden Ortsteil Gahmen. Der Bergbau veränderte seine ländliche Struktur. Die Steigerhäuser und die Gebäude für Zechenassessoren in der Nachbarschaft erinnern ebenfalls an diese Blütezeit. Das Backsteinhaus nebenan war Töchtersitz eines Bauern. Der Bergbau hatte für die Kumpel damals sogar eine Lesehalle bauen lassen.

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Elemente des Jugendstils

Knapp 120 Jahre später ist die Zeche längst Vergangenheit. Der Ortsteil ist ein anderer und auch das Haus an der Gahmener Straße erlebte einen Wandel. Immer noch prägend sind die verspielten Elemente des Jugendstils. Zwei verschlungene Ringe fallen über den Türen auf, verbunden mit einem stilisierten Aesculapstab und Ähren. Es ist eine Art Familienwappen des ehemaligen Hausherrn Dr. Fortmüller, dessen Familie das Gebäude über drei Generationen bewohnte. Alle waren Ärzte und praktizierten in der dortigen Praxis.

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Herrschaftliches Haus für den Zechenarzt

Ein Haus an der Gahmener Straße fällt durch seine Größe und vor allem den Erker auf: Es wurde 1904 für den Zechenarzt gebaut.
08.04.2020
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Im Treppenhausgeländer ist die Jahreszahl 1904 verewigt. In dem Jahr wurde das Haus gebaut.
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Zwei Ringe und ein stilisierter Aesculap-Stab mit Ähren finden sich über zahlreichen Türen in dem Gebäude.© Quiring-Lategahn
Das Entree der ehemaligen "Belle Etage" im Hochparterre.© Quiring-Lategahn
Jugendstilelemente und modernes Interieur: Die orange Hand steht im Erker.© Quiring-Lategahn
Viele Jugendstilelemente sind in dem Haus zu finden.
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Der Kachelofen wurde nachträglich eingebaut.
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Ein Blick in den Garten mit Brunnen und Pavillon.© Quiring-Lategahn
Ein Wintergarten bietet Platz für Pflanzen.
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Der Löwe hält vom Balkon Ausschau. Der Balkon ist nachträglich angebaut worden.© Quiring-Lategahn
Herrschaftlich wirkt das Gebäude an der Gahmener Straße.© Quiring-Lategahn
Der Erker prägt das Haus an der Gahmener Straße. Es war seinerzeit für den Zechenarzt der Schachtanlage Preußen I errichtet worden.© Quiring-Lategahn
Jugendstilmotive finden sich bereits in der Eingangstür.
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1981 kam eine Zäsur. Eine Hausgemeinschaft mit vier Familien und sieben Kindern erwarb als Gesellschaft das Gebäude. Zwei Jahre schon hatte es zum Verkauf gestanden. Die Gruppe um Zahnarzt Dr. Willi Dettmer und Dipl.-Psychologin und Dipl. Musiktherapeutin Barbara Dettmer wollte anders leben: Die Kinder gemeinsam erziehen.

Wohnen als Gemeinschaft

Jede Familie wohnte zwar auf einer Etage, aber dennoch auch gemeinschaftlich. Die 600 Quadratmeter boten genügend Raum, der Garten hinter dem Haus war ideal. Die Gruppe hatte länger gesucht und in dem Haus an der Gahmener Straße das ideale Objekt für ihre Wohngemeinschaftsform gefunden.

„Von außen sieht das Haus traditionell aus, aber vom Innenleben war es immer sehr flexibel“, schildert Barbara Dettmer. Für die Familien wurden Abtrennungen zum Treppenhaus eingebaut, damit jeder seine eigene Eingangstür hatte. Aus dem Ein-Familienhaus wurde ein Mehrfamilienhaus. Den Originalfenstern wurden neue vorgesetzt, das Eichenparkett ist alt. Die zwischenzeitlich abgehängten Decken bekamen wieder ihr ursprüngliche Höhe.

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Die Kinder wuchsen heran, nach 30 Jahren zogen die Familien aus. 2011 wurde Barbara Dettmer alleinige Besitzerin des Hauses. Heute leben hier drei Familien und zwei Einzelpersonen aus unterschiedlichen Berufsgruppen und fünf Nationalitäten. „Das Haus war immer dem Zeitgeist verbunden“, sagt Barbara Dettmer. Es sei auch ein Gebäude, das Kreativität herausfordere. In dem ehemaligen Kutscheranbau ist heute ein Atelier.

Vergangenheit und Moderne

Eine Praxis gibt es immer noch, inzwischen für Psychoanalyse und Musiktherapie, in der Barbara Dettmer praktiziert. Sie pendelt seit einiger Zeit zwischen Lünen und Frankfurt. Ihr Mann, berichtet sie, mag das Verspielte des Jugendstils besonders. Er habe die Decken mit Stuck ausgestattet, in seinem Arbeitszimmer finden sich die geschwungenen Formen an Türen und Regalen wieder.

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Im Wohnzimmer, das durch den Erker und seine Weite eine besondere Atmosphäre hat, fällt ein Stilbruch auf: Eine große, orange Plastik in Form einer Hand ist sogar von der Straße aus zu sehen. Vergangenheit und Moderne gehen hier eine Symbiose ein.

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