Steag-Kraftwerk in Lünen: 20.000 Liter Wasser für die Sprengung im März

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Der Abriss des Steag-Kraftwerks in Lünen nimmt Fahrt auf. Der Projektleiter muss sich mit Behörden und zwei Falken herumschlagen, der Polier warnt derweil vor frei laufenden Rottweilern.

Lünen

, 17.06.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie reißt man eigentlich ein Kraftwerk ab? Eine Frage, die sich Thomas Hagedorn nicht mehr stellt. „Wir haben hier Leute, die seit 30 Jahren im Rückbau beschäftigt sind. Wenn die sich ein Gebäude angucken, wissen die schon ziemlich genau, was zu tun ist.“ Einer von diesen Leuten ist Antonio Lanzar-Tore, der zusammen mit derzeit 128 Kollegen dem ehemaligen Steag-Kraftwerk an der Moltkestraße zu Leibe rückt.

Zuvor hatte der Duisburger bereits das Kraftwerk Knepper zwischen Dortmund und Castrop-Rauxel dem Erdboden gleich gemacht. Doch Kraftwerk ist eben doch nicht gleich Kraftwerk: „Lünen ist wesentlich komplizierter gebaut, auf einer viel kleineren Fläche.“ 372.000 Quadratmeter, um genau zu sein (beim Kraftwerk Knepper waren es übrigens 580.000 Quadratmeter).

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Rückbau des alten Steag-Kraftwerks hat begonnen

Bis 2024 soll hier ein neues Gewerbegebiet entstehen. „Alles andere würde keinen Sinn machen“, sagt Thomas Hagedorn. Ihm sei auch schonmal ein Kraftwerk angeboten worden, das quasi „mitten im Wald“ stand. „Da machen Sie am Ende vielleicht noch Ackerland draus. Aber das lohnt nicht wirklich.“

60.000 Tonnen Schrott

Lünen, so viel steht fest, lohnt sich sehr wohl. Hagedorn-Geschäftsführer Rick Mädel sieht in dem Geschäftsmodell seiner Firma einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung: „In der Europäischen Union soll die Größe neu versiegelter Flächen bis 2050 signifikant sinken.“ Das bedeute, dass man kaum noch Möglichkeiten hätte, neue Gewerbegebiete zu entwickeln. „Außer man nutzt eine bereits versiegelte Fläche.“ Wie in Dortmund, Castrop-Rauxel und jetzt eben auch in Lünen.

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Doch bis es so weit ist, muss vor allem jener Koloss verschwinden, der seit 1938 die Stadtsilhouette von Lünen prägt. Erste Löcher in der Außenhülle sind bereits zu erkennen, auf dem Gelände türmen sich schon kleinere Schrottberge. 60.000 Tonnen davon werden es am Ende sein, die per Bahn, Schiff und Lkw den Weg zu einem Zwischenhändler finden sollen. Hinzu kommen 150.000 Tonnen Betonbauschutt, die vor Ort aufbereitet werden und als Tragschicht für das neue Gewerbegebiet dienen sollen. So spart Hagedorn nach eigenen Angaben 12.000 Lkw-Transporte.

„In jeder Zeit verschwindet etwas“

Die Vorarbeiten für den Rückbau nahmen einige Monate Anspruch. „Wir hatten eine gemeinsame Übergangsphase mit der Steag“, sagt Rick Mädel. Schließlich müssten seine Leute wissen, „an welche Kabel man gefahrlos dranpacken kann, und an welche nicht“. Wobei Antonio Lanzar-Tore das wohl auch ohne Einarbeitung gewusst hätte – er ist lange genug dabei. „In jeder Zeit verschwindet etwas. Damals, in den 1980ern, fing das mit den Zechen an. Dann kamen die Stahlwerke, die Autowerke, und jetzt, mit dem Kohleausstieg, die alten Kraftwerke.“

In direkter Nachbarschaft ist das Ende des im Grunde gerade erst eröffneten Trianel-Kraftwerks bereits besiegelt. Allerdings wird dessen Schornstein Lünen noch ein paar Jahre überragen, während der Kamin der Steag (250 Meter) zusammen mit dem Kesselhaus (73 Meter), dem Kühlturm (110 Meter) sowie zwei weiteren Kaminen (90 und 130 Meter) voraussichtlich Ende März gesprengt werden. „Das ist der Meilenstein, auf den eigentlich alle jetzt hinzielen“, sagt Projektleiter Ingo Schäfer.

Das passiert zunächst wieder in Kleinarbeit – die ganz großen Bagger sucht man noch vergebens, „lediglich“ ein 100 Tonnen schweres Exemplar knabbert derzeit an einem etwa 20 Meter hohen Gebäude die Blechhülle ab. Ansonsten sind die Arbeiter damit beschäftigt, Mineralwolle aus sämtlichen Ritzen des Kraftwerks zu holen sowie Schrott und Schadstoffe zu trennen. Atemmasken gehören zur Standardausstattung (Schäfer: „Ein bisschen Asbest haben wir auch in den Gebäuden.“), die eigens von Hagedorn eingerichtete Wäscherei säubert täglich eine Tonne an Arbeitskleidung.

Neben den praktischen Arbeiten ist Ingo Schäfer vor allem mit einer Sache beschäftigt: „Behördenmanagement.“ Denn Genehmigungen bekommt man nicht einfach so – allein das Schadstoffgutachten ist 500 Seiten dick. Und dann wären da noch die zwei Falken, die auf dem Gelände des Kraftwerks leben und derzeit „erfolgreich ihrem Brutgeschäft nachgehen“.

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Rückbau des ehemaligen Steag-Kraftwerks nimmt Fahrt auf

Ende März 2021 soll das ehemalige Steag-Kraftwerk in Lünen gesprengt werden. Derzeit bereitet die Hagedorn-Gruppe alles für dieses Datum vor.
17.06.2020
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Ein erster Bagger macht sich an der Außenhaut des Kraftwerkes zu schaffen. Im rechten Bereich wurde Strom erzeugt - der Bereich links diente ausschließlich der Reinigung von Abgasen,© Claeßen
60.000 Tonnen Schrott und 150.000 Tonnen Betonbauschutt fallen beim Rückbau des Kraftwerks an.© Claeßen
Die eigens eingerichtete Wäscherei reinigt eine Tonne Wäsche am Tag.© Claeßen
Doch nicht alles kann wiederverwendet werden.© Claeßen
Für den Rückbau musste Hagedorn eigene Strom- und Wasserleitungen legen.© Claeßen
Die Steag ist noch da: Die Werkstatt wird weiterhin genutzt.© Claeßen
Die Reste des Öltanks. Nach einer Abschaltung - zum Beispiel bei einer Revision - benötigte das Kraftwerk 50.000 Liter Heizöl, um wieder anzufahren.© Claeßen
Auf dem Förderband kam die Kohle in den Ofen.© Claeßen
Erste kleine Schrottberge türmen sich auf dem Gelände.© Claeßen
Hydraulikhammer und Schere kommen erst später zum Einsatz. Neben der Schaufel stehen umgebaute Schneekanonen, die bei den Abbrucharbeiten Wasser auf das Gebäude sprühen.© Claeßen

Im Zuge des Artenschutzes müssen Ausweichquartiere her – ein Nistkasten wird in direkter Nachbarschaft bei Trianel entstehen. „Dass die Sprengung erst im März passieren kann, kommt uns gelegen, denn dann sind die Falken definitiv nicht da.“

Mit Rottweilern gegen Metalldiebe

Möglicherweise kriegen die Vögel aber noch den großen Hausputz mit: „Die Gebäude werden von innen komplett gewaschen – und zwar richtig“, erklärt Antonio Lanzar-Tore. „Trotzdem werden wir nicht den kompletten Staub bis zur Sprengung entfernen können.“ Deshalb plane man, alte Tanks mit bis zu 20.000 Liter Wasser zu füllen. „Im Idealfall fällt das Gebäude zusammen, und das Wasser schießt hoch. Dann gibt es nur eine kleine Staubwolke.“ Wenn es dann noch in Strömen regne, sei alles perfekt, fügt der Polier mit einem Grinsen hinzu: „Kein Staub und nur wenig Zuschauer.“

Letztere gibt es schon jetzt – leider nicht immer nur auf der anderen Seite des Bauzauns: „Metalldiebe, aber auch Leute, die hier eine Mutprobe machen wollen“ würden dem Gelände nach Einbruch der Dunkelheit Besuche abstatten, sagt Antonio Lanzar-Tore. Für diese ungebetenen Gäste hat er eine deutliche Warnung parat: „Wir setzen jetzt abends eine Hundeführerin ein. Die lässt ihre zwei Rottweiler auf dem Gelände frei herumlaufen.“

Zum Ende der Steag-Ära in Lünen hatten wir dem Kraftwerk unmittelbar vor der Abschaltung einen Besuch abgestattet. Unser Bericht von damals:

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Schließung der Steag: So war es 2018

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