Infektionsmeldung aus Lünen erreicht Angehörige nach dem Tod ihres Vaters

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Ein 70-jähriger Selmer ist im St.-Marien-Hospital nach schwerer Krankheit in Lünen gestorben. Er war kein Coronapatient. Doch am Tag nach seinem Tod erreichte die Angehörigen eine Nachricht.

Lünen, Selm

, 07.11.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Infektionszahlen in Deutschland, im Kreis Unna und in Lünen erreichen seit Wochen fast täglich neue Höchstwerte. Die 7-Tages-Inzidenz im Kreis Unna liegt mittlerweile über 200, über 1400 Menschen sind aktuell infiziert, insgesamt gibt es bislang 54 Tote im Kreis (Stand 4. November).

Dieser Text wirft ein Schlaglicht auf einen Fall, der am Montag (2. November) vom Gesundheitsamt des Kreises gemeldet wurde. Zwei Todesfälle waren an diesem Montag in der Statistik des Kreises Unna hinzugekommen. Darunter ein 70-Jähriger aus Selm, der am Donnerstag (29. Oktober) gestorben ist, teilte der Kreis mit. Ein Schicksalsschlag für die Selmer Familie in dieser schweren Zeit.

„Die Beschreibung passt genau auf meinen Vater“, sagt ein Leser, der sich am Dienstag (3. November) in unserer Redaktion meldete und anonym bleiben möchte. Sein Vater habe über mehrere Wochen im Marien-Hospital in Lünen gelegen und sei dort intensivmedizinisch behandelt worden. „Ein Verdacht auf Corona bestand zu keiner Zeit.“

Der Gesundheitszustand seines Vaters habe sich in den vergangenen zwei Wochen verschärft, der 70-Jährige wurde mehrfach an der Wirbelsäule operiert. Hinzu kamen mehrere weitere Erkrankungen.

Nachricht über Corona einen Tag nach dem Tod

Die Familie habe am späten Mittwochabend (28. Oktober) vom Krankenhaus erfahren, dass sich der Allgemeinzustand des 70-Jährigen nach der letzten OP deutlich verschlechtert habe. Durch die Vorerkrankungen versagten innere Organe. Am Donnerstagmorgen habe die Familie mit den Oberärzten am Krankenbett des Vaters über die Situation gesprochen. Der Vater verstarb kurz darauf. „Mein Vater lag in einem Doppelzimmer und wurde beatmet, aber Ärzte und Pfleger, genauso wie meine Mutter, meine Schwester und ich, standen in direktem Kontakt zu ihm.“

Einen Tag später (30. Oktober) habe schließlich die behandelnde Oberärztin die Familie angerufen und mitgeteilt, dass der Verstorbene positiv auf Corona getestet worden sei. Die Ursache dafür liege bei der Dialysepraxis, die den Vater mit einer mobilen Station auch im St.-Marien-Hospital behandelt hatte. Das Gesundheitsamt habe das Krankenhaus auch darüber informiert, der Kreis sei „an der Sache dran“, habe die Ärztin gesagt.

Ein Verdacht, der sich am Dienstag laut des Sohnes nicht bestätigen ließ. Er habe erfahren, dass die dort getesteten Mitarbeiter negativ seien. Auf Anfrage unserer Redaktion heißt es aus der Praxis: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass aufgrund der Rechtslage mit dem gebotenen Datenschutz und der Verschwiegenheitsverpflichtung nach §203 StGB ich Ihnen keine Auskunft erteilen darf.“

Weil die Familie bis Dienstag (3. November) keinen Anruf vom Gesundheitsamt bekommen hatte, habe man sich selbst in Unna gemeldet. „Dort notierte man sich unser Anliegen und wollte sich bei Bedarf zurückmelden. Die Ansprechpartnerin hatte keine Informationen zu den genannten Vorfällen sowie zu meiner Person“, so der Sohn des Verstorbenen. Die Ergebnisse der Corona-Tests sind am Mittwoch (4. November) gekommen. „Wir sind alle negativ“, so der Selmer. Eine Rückmeldung vom Gesundheitsamt stehe noch aus. Vor diesem Hintergrund habe die Familie „große Sorge um die Ärzte und Pfleger in Lünen“. Und es bleiben die Fragen: „Wie hat mein Vater sich infiziert?“ und „Wieso wurde die Infektion erst nach seinem Tod bekannt?“

Ärztliche Schweigepflicht wirkt über den Tod hinaus

Auf die Anfrage unserer Redaktion an das St.-Marien-Hospital antwortet Geschäftsführer Axel Weinand, dass das Krankenhaus grundsätzlich und insbesondere aus rechtlichen Gründen keine Informationen über Patienten an Dritte herausgebe. Auch eine entsprechende Erlaubnis des Sohnes ändere daran nichts. „Die ärztliche Schweigepflicht wirkt auch über den Tod des Patienten hinaus fort.“

Am Todestag des Vaters sei das Krankenhaus durch das Gesundheitsamt angewiesen worden, alle Patienten der Dialysepraxis, die sich stationär im Klinikum befinden, zu testen. In der Praxis habe es einen Covid-Ausbruch gegeben. Deshalb wurde auch beim Vater des Selmers ein Abstrich durchgeführt. Das positive Testergebnis lag erst nach dem Tod des Patienten vor. Daraufhin wurden die Familie und der Bestatter als Kontaktpersonen informiert.

Allgemein würden alle Patienten vor stationärer Aufnahme getestet. Darüber hinaus gebe es Umfelduntersuchungen ohne speziellen Erkrankungsverdacht. Weitere Tests erfolgen im Laufe des stationären Aufenthaltes, etwa wenn der Patient entsprechende Symptome entwickle. Dies stelle sich manchmal erst im Laufe des Aufenthaltes heraus und manchmal lägen die Befunde erst dann vor, wenn der Patient bereits entlassen oder verstorben ist.

Absoluter Schutz ist unmöglich

„Um Infektionsübertragungen so weit wie möglich auszuschließen bestehen im Klinikum sehr strenge Schutzmaßnahmen verbunden mit dem Tragen persönlicher Schutzausrüstung“, so Weinand weiter. Einen hundertprozentigen Schutz gebe es jedoch nicht. In seltenen Fällen sei zu beobachten, dass sich erst während des Aufenthaltes eine Infektion zeige. „Es kann auch passieren, dass Patienten sich während des stationären Aufenthaltes durch Kontakte infizieren. Das können auch Besucher sein.“

Bei infizierten Mitarbeitern werde strikt nach den RKI-Richtlinien gehandelt. Das heißt: ermitteln und kategorisieren von Kontaktpersonen, Tests und Quarantäne. Über externe Ausbrüche werde das Krankenhaus in der Regel durch die Gesundheitsbehörden informiert. Dann werde überprüft, ob es Kontakte zu unseren Patienten / Mitarbeitern gab. Entsprechende Maßnahmen folgen. Dazu zählt auch die Information an die betroffenen Kontaktpersonen.

Auf eine Anfrage an den Kreis Unna gab es bis Mittwoch noch keine konkrete Antwort. Das Gesundheitsamt sei stark ausgelastet und rechtliche Fragen müssten noch geklärt werden.

Nachtrag 9. November:

Eine Sprecherin des Kreises erklärt am Montag, 9. November, dass die Meldung über den Todesfall am Samstag, 31. Oktober, beim Kreis eingegangen sei. Der Tote wird in der Corona-Statistik als gestorben im Zusammenhang mit dem Coronavirus geführt. Das gilt in Deutschland für alle Personen, die positiv auf das Virus getestet werden und sterben. Zu den Einzelheiten des Falls äußert sich der Kreis aus Datenschutzgründen nicht.

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Eine traurige Nachricht hat das Gesundheitsamt im Kreis Unna am Montag (2. November) zu übermitteln. In Selm gibt es einen weiteren Todesfall in Zusammenhang mit Corona. Von Sabine Geschwinder

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