Von der Zahnbürste bis hin zum Elektrogerät– Plastik ist in unserem Alltag allgegenwärtig. Doch wie einfach ist der Einkauf ohne Plastik in Lünen? Wir haben den Selbstversuch gemacht.

von Nadja Reinthal

Lünen

, 24.02.2019 / Lesedauer: 5 min

Erst kürzlich rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dazu auf, endlich mit der Vermeidung des Plastikmülls ernst zu machen. Laut Umweltbundesamt werden in Deutschland im Durchschnitt über 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll produziert. Das sind etwa 222 Kilogramm pro Kopf. Letztendlich trägt auch der Konsument die Verantwortung, dass der Plastikmüll reduziert wird. Doch kann der Verzicht auf Verpackungsmüll beim Einkaufen überhaupt funktionieren? Wir haben den Test in der Lüner Innenstadt gemacht.

Der Einkauf muss gut überlegt sein

Wer einen Einkauf ohne Plastik bewältigen will, muss erst einmal ein paar Vorkehrungen treffen, denn die Lebensmittel sollen schließlich gut und sicher verstaut werden. „Man sollte auf jeden Fall eine Einkaufstasche mitnehmen“, erklärt Jutta Eickelpasch von der Umweltberatung der Verbraucherzentrale in Kamen. „Egal, ob Stoffbeutel, Rucksack oder der klassische Einkaufskorb - das mag selbstverständlich klingen, ist es aber nicht.“

Zudem rät die Expertin, ausreichend Behältnisse wie Brotdosen, Thermoskannen oder Kaffee-Becher für unterwegs mitzunehmen, um die Einkäufe adäquat transportieren zu können. Seit fast 30 Jahren wird die Umweltberatung von der Verbraucherzentrale angeboten. Die Themen der Nachfragen verändern sich stetig, wie Eickelpasch berichtet: „Zurzeit gibt es viele Anfragen zum Thema Plastikmüll. Wenn ein Umweltthema aktuell ist, spüre ich das.“

Der Wochenmarkt – ein Paradies für plastikfreies Einkaufen

Ich beginne meinen Selbstversuch an einem Freitag und versuche mein Glück zuerst auf dem Wochenmarkt. Dienstags und freitags von jeweils 8 bis 13 Uhr kann man auf dem Willy-Brandt-Platz von frischem Obst und Gemüse bis hin zur Strickwolle alles kaufen, was das Herz begehrt. Ich erhoffe mir vor allem durch den Marktbesuch, unverpackte Frischwaren wie Fleisch und Käse zu bekommen, die im Großhandel möglicherweise schwieriger zu erwerben sind. Auch Jutta Eickelpasch legt ans Herz, den Wochenmarkt für einen plastikfreien Einkauf zu besuchen: „Auch wenn der Markt nicht jeden Tag stattfindet, lohnt es sich, vorbeizuschauen. Viele Dinge kann man dort lose und ganz ohne Plastik kaufen.“

Meine erste Station ist ein Stand mit allerlei Fleischerei-Artikeln. Als ich die Cervelatwurst bestelle und darum bitte, dass die Wurst in meine Transportbox umgefüllt wird, sagt die Verkäuferin freundlich: „Mache ich doch gerne.“ Ich bin positiv überrascht, dass mein erster plastikfreier Einkauf so problemlos startet.

Als Nächstes mache ich mich zu einem Gewürzestand auf. Neben Curry, Paprikapulver, mediterranem Knoblauch-Pfeffer und vielen weiteren Gewürzen gibt es hier auch verschiedene Teesorten und kandierten Ingwer zu kaufen – allerdings in Plastikverpackungen. Ich kaufe 50 Gramm des Chilipulvers und frage, ob es möglich ist, das Gewürz in meine Tupperdose zu füllen. Ohne zu zögern nimmt der nette Verkäufer meine Box an, stellt sie auf die Waage und füllt das Chilipulver um. Der Händler erklärt mir, dass er normalerweise aus hygienischen Gründen kleine Plastikbeutel zum Umfüllen der Gewürzpulver verwendet. Papiertüten gingen nicht, weil diese bei Gewürzen wie Curry oder Chili „durchfetten“ würden. Und er verrät mir, dass ich nicht allein mit meiner Nachfrage bin: An seinem Stand in Dortmund seien bereits öfter Leute mit ihren Behältnissen zu ihm gekommen und haben darum gebeten, die Gewürze umzufüllen.

Voller Optimismus begebe ich mich zu meiner letzten Station auf dem Markt, einem Käse-Stand. Ich möchte wissen, ob es möglich wäre, eine gute Auswahl an Aufschnitt plastikfrei zu bekommen. Auch meine Gouda-Scheiben werden auf Nachfrage in meine Tupperdose gefüllt. Die Verkäuferin erzählt mir, dass sich Scheibenkäse und Käse am Stück problemlos umfüllen lassen. Anders sieht es bei Frischkäse aus: Sobald die Tupperdose über die Theke gereicht werden muss, um die Waage zu bedienen, sei die Hygiene in Gefahr. Eine Argumentation, die mir später noch einmal begegnen wird.

Beim Bäcker gibt es das Brot auf die Hand

Für ein gutes Frühstück braucht man natürlich nicht nur den Aufschnitt, sondern auch das Brot. Direkt neben dem Wochenmarkt liegt die Bäckerei Kanne am Markt. Auch hier funktioniert das plastikfreie Einkaufen einwandfrei: Die junge Verkäuferin gibt mir das geschnittene Doppelback ohne jegliches Verpackungsmaterial auf die Hand. Wer zu seinem Frühstück noch einen Kaffee braucht, wird auch hier fündig. Kanne verkauft vor Ort Mehrwegbecher, die man immer wieder neu befüllen kann. Auch im „Backwerk“ in der Innenstadt ist der eigene Kaffee-Becher erwünscht. Lediglich das Personal an der Kasse soll vor dem Umfüllen informiert werden.

In der Obst- und Gemüseabteilung ist Wachsamkeit geboten

Da der Wochenmarkt in der Innenstadt nur an Dienstagen und Freitagen stattfindet, möchte ich auch noch austesten, was der Supermarkt an plastikfreien Lebensmitteln hergibt. Dazu gehe ich zu Edeka Patzer, unweit der Lüner Innenstadt. Zuerst stoße ich auf die Obst- und Gemüseabteilung. Dort gibt es einige Obst- und Gemüsesorten lose zu kaufen – doch der Schein trügt. Denn auf manchem Obst und Gemüse klebt ein Warenetikett – und das ist aus Kunststoff.

Dennoch kann man zum Beispiel neben Zwiebeln, Kartoffeln, Porree und Blumenkohl auch Orangen oder Mangos komplett plastikfrei kaufen. Ich entscheide mich für zwei Strauchtomaten und eine Orange, die ich ohne Verpackung und ohne Klebeetikett bekomme.

Es gibt aber auch Früchte und Gemüse, bei denen ein ganz spezielles Verfahren angewandt wird: Das sogenannte „Smart Branding“. Dabei handelt es sich um eine Technik, die mithilfe eines Lasers Schrift und Logo auf das jeweilige Obst oder Gemüse anbringt, sodass die kleinen Klebeetiketten überflüssig werden. Dieses Verfahren wird inzwischen immer häufiger bei Bio-Produkten benutzt.

Wer loses Obst und Gemüse umweltbewusst verstauen möchte, kann dazu auf Mehrwegnetze zurückgreifen, die es in Edeka- und Rewe-Filialen zu kaufen gibt. Die Netze seien waschbar.

Der Supermarkt wird zur Herausforderung

Meine restliche Ausbeute aus dem Supermarkt ist sehr dürftig. Im Kühlregal gibt es Milch und Joghurt im Glas, wer gerne Süßes mag, kann immerhin eine Tafel belgische Schokolade im Papiermantel ergattern. Aber viele Dinge, die man für das tägliche Leben braucht und kauft, gibt es nur in Plastikverpackungen. Besonders fällt mir dabei der Brotbelag ins Auge: Egal, ob Käse oder Wurst, Schokocreme oder Marmelade, überall wimmelt es nur vor Plastik. Da hatte ich auf dem Wochenmarkt deutlich mehr Glück.

Das zeigt sich auch an der Wurst- und Fleischtheke, als ich nachfrage, ob man mir das Fleisch in meine Transportbox umfüllen würde. Die Verkäuferin erklärt mir, dass man noch nicht so weit sei, aber in unmittelbarer Zeit Tabletts eingeführt werden, die das Umfüllen der Ware möglich machen. Die „Tablett-Lösung für die Bedientheke“ werde laut Edeka bereits in mehreren Märkten getestet, könne aber nicht flächendeckend eingeführt werden, da es „keine einheitlich geregelten hygienerechtlichen Vorgaben seitens der Behörden gibt“. Das Tablett dient als Unterlage, auf die der Kunde sein Behältnis abstellen kann. Die Box wird vom Mitarbeiter hinter der Theke mit Frischwaren befüllt und muss anschließend vom Kunden selbst geschlossen werden. Auch der Bon wird - anders als gewohnt - vom Kunden aufgeklebt. So soll an der Frischetheke Plastikmüll vermieden werden.

Ist es in Lünen möglich, komplett ohne Plastik einzukaufen?

Die Ausbeute aus dem plastikfreien Einkauf. Insbesondere im Supermarkt gibt es wenig Lebensmittel, die nicht in Plastik verpackt sind. © Nadja Reinthal

Fazit

Beim Einkauf in Lünen komplett auf Plastik zu verzichten ist schwierig, aber nicht unmöglich. Der Wochenmarkt hat sich dabei als wertvolle Alternative zum Supermarkt entpuppt.

Natürlich muss man keine Kehrtwende von Null auf Hundert machen, um etwas für die Umwelt zu tun. Auch kleine Schritte können eine große Wirkung haben, so auch Umweltexpertin Jutta Eickelpasch: „Beim Trinken kann man beispielsweise auf Wasser aus dem Kran zurückgreifen oder beim Einkauf Mehrwegnetze benutzen. Letztendlich ist die Vermeidung von Plastik aber Selbsterziehungssache.“

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