Italienische Freunde warnen Lünerin: „Macht nicht die gleichen Fehler“

rnInterview

Martina Kranemann aus Lünen unterrichtet italienisch an der VHS und ist großer Italien-Fan. Viele Freunde dort werden hart von Corona getroffen. Sie sagen auch: Unterschätzt das Virus nicht.

Lünen

, 08.04.2020, 14:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Italienschdozentin und großer Italien-Fan hat Martina Kranemann (53) aus Lünen viele Kontakte in das Land von Pizza, Pasta und Dolce Vita. Freunde und Bekannte werden, wie viele Italiener, besonders hart vom Coronavirus getroffen. Sie berichten vom Leben im Ausnahmezustand. Der herrscht dort schon deutlich länger als in Deutschland, mit noch härteren Einschränkungen. Sie warnen Kranemann und alle Menschen davor, das Coronavirus auf die leichte Schulter zu nehmen.

Wie wirkt sich Corona auf das soziale Leben auch in den Familien aus?

Viele Familien leben dort mit mehreren Generationen im gleichen Haus. Aber Oma und Opa sollen ja keinen Kontakt mit den Enkeln haben. Das ist sehr schwer. Auch grundsätzlich ist der Umgang dort ja persönlicher. Die Begrüßung mit Umarmung und Küsschen gehört auch außerhalb des engsten Familien- und Freundeskreis oft mit dazu. Das ist alles zur Zeit nicht möglich.
Genau wie der morgendliche Besuch in einer italienischen Bar zum Kaffee. Das gehört für viele meiner Freunde in Italien, ja für alle Italiener, einfach zum Lebensalltag. Dieser soziale Kontakt fällt völlig weg. Und das seit Wochen schon. Das ist für viele ganz schlimm.
Meine Freunde Stefano und Nico aus Rimini sagen immer: „Ihr in Deutschland werdet Corona kaum merken und viel besser damit klarkommen.“ Ganz so leicht wird es auch hier nicht werden. Aber ich denke schon, dass wir bisher ganz gut mit der Situation umgehen. Der Blick nach Italien macht mir Angst. Denn viele meiner Freunde sagen auch: „Macht nicht die gleichen Fehler wie wir und unterschätzt Corona.“ Giulia ist eine Freundin aus der Lombardei. Sie und ihr Mann Michele sind beide infiziert. Er liegt im Krankenhaus, sie hängt zu Hause am Antibiotikatropf. Seit etwa zwei Wochen schon. Es zeichnet sich langsam eine Besserung ab, aber den beiden geht es wirklich schlecht. Sie fühlen sich Elend und haben sehr mit der Krankheit zu kämpfen.

Wie sehen Sie die Kontaktsperre in Deutschland im Vergleich zu Italien?

Dort sind die Beschränkungen noch viel stärker und strenger. Man darf das Haus nur mit einer Bescheinigung und aus gutem Grund verlassen. Es drohen hohe Strafen bis hin zu Gefängnisstrafen, wenn man dagegen verstößt und erwischt wird.
Ursprünglich hätten die Beschränkungen dort bis zum 3. April gelten sollen. Man hat sie verlängert, zunächst bis zum 13. April. Viele meiner Freunde hoffen natürlich darauf, dass es danach gelockert wird. Aber sie glauben nicht wirklich daran und sind schon ziemlich deprimiert.
Es kommt aber auch auf die Region an. Marco ist Lehrer in Rom. Dort ist das Virus nicht so stark verbreitet. Außer dass er online Unterricht gibt, habe sich für ihn nicht viel geändert, sagt er. Die ständigen neuen Verordnungen kann er allerdings auch schon nicht mehr sehen.
Wie sehen Sie den Vergleich von staatlichen Hilfen in Deutschland und Italien?
In Deutschland hat man deutlich schneller reagiert. Meinem Empfinden nach. Auch die italienische Regierung hat der Bevölkerung viele Hilfen versprochen. Mieten und Strom sollen nicht gezahlt werden müssen. Einkaufsgutscheine wurden versprochen. Viele meiner italienischen Freunde berichten mir aber, dass trotzdem die Mahnungen per Post ins Haus flattern. Die Einkaufsgutscheine sollen nun von den Bürgermeistern verteilt werden, kommen aber nicht wirklich bei der Bevölkerung an.
Für den Antrag auf Unterstützung für Mauritio, der seinen Pizzastand in Bochum schließen musste, haben wir innerhalb von 30 Minuten eine Bestätigung bekommen. Der Bescheid kam noch am gleichen Tag. Das Geld ist hoffentlich auch bald da. Das gibt auch mir ein viel besseres Gefühl. In der Zwischenzeit darf aber auch dieser Marktstand wieder verkaufen. Unter Auflagen.

Machen Sie sich Sorgen darum, dass es in Deutschland genauso schlimm wird, wie in Italien?

Zur Zeit nicht. Ich mache mir gerade viel mehr Sorgen um Italien und viele meiner Freunde dort. Wir müssen auch in Deutschland mit vielen Einschränkungen leben, das stimmt. Aber gemessen an Italien oder auch anderen Ländern jammern wir noch auf hohem Niveau.

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