Jeder geht auf jeden los: „Gott des Gemetzels“ in Lünen kam gut an

rnHeinz-Hilpert-Theater

Im Stück „Gott des Gemetzels“ geht jeder auf jeden los. Es ist ein Drama ohne Happy-End. Für die Theaterbesucher war es dennoch ein vergnüglicher Abend und „große Kultur auf kleiner Bühne“.

Lünen

, 23.09.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dass ein Drama gleichzeitig eine Komödie sein kann, das zeigte die Theatergruppe „Austropott“ aus Dortmund auf der Studiobühne des Heinz-Hilpert-Theaters. Während sich die Protagonisten fetzten, empfanden die knapp 50 Zuschauer als Außenstehenden das Geschehen als unterhaltsam und gleichzeitig vergnüglich.

Zum dritten Mal gastierte Austropott am Dienstagabend in Lünen. Nach „Kunst“ und „Wunderübung“ präsentierten sie diesmal den „Gott des Gemetzels“ der zeitgenössischen Autorin Yasmina Reza. Wieder verstanden sie es, mit ihrer Darstellungsweise das Publikum zu fesseln, zu unterhalten und, vielleicht als nachhaltigen Effekt, eigene Verhaltensweisen auf den Prüfstand zu stellen. Ausgangspunkt ist der Streit zwischen zwei 11-jährigen Jungen auf dem Schulhof, bei dem der eine mit einem Stock zuschlägt und der andere dabei zwei Schneidezähne verliert. Véronique (Katja Heinrich) und Michel (Michael Kamp), die Eltern des Opfers Bruno, und Alain (Harald Schwaiger) und Annette (Monika Bujinski), die Eltern des Täters Ferdinand, wollen die Angelegenheit im ruhigen Gespräch besprechen. Erste Unstimmigkeiten gibt es bereits bei der Formulierung des Tatbestandes: War Ferdinand mit einem Stock „bewaffnet“ oder nur damit „ausgestattet“? Zunächst übt man sich in Small-Talk und tauscht Schmeicheleien aus.

Stimmung immer gereizter

Doch die Stimmung wird zunehmend gereizter, lässt etwas Entspannung zu bei Erinnerungen an die eigene Jugendzeit. Doch dann erhitzen sich die Gemüter wieder bei Auseinandersetzungen über Schuldfrage und Schuldanerkenntnis. Mehr und mehr wird das Verhalten der Zöglinge als Indiz für elterliches Versagen interpretiert und genutzt. Während anfangs noch die Fronten zwischen den jeweiligen Ehepaaren verlaufen, wird bald klar, dass es mit den partnerschaftlichen Beziehungen auch nicht gut bestellt ist. So geht jeder auf jeden los und hat dabei immer wieder wechselnde Verbündete.

Ermattung vor dem nächsten Sturmangriff Katja Heinrich (li) und Monika Bujinki in "Gott des Gemetzels".

Ermattung vor dem nächsten Sturmangriff Katja Heinrich (li) und Monika Bujinki in "Gott des Gemetzels". © Foto Textoris

Der Ausdruck von Heuchelei und aufgesetzter Freundlichkeit, von kleinen Sticheleien bis zu großen Wortgefechten, von Verbalattacken zu Handgreiflichkeiten und Zerstörungswut bietet den Schauspielern ein weites Feld, ihre Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen, was sie auch voll nutzen. Die Wirkung des Alkohols als Aggressionsbeschleuniger zeigt Monika Bujinski überaus eindrucksvoll, Katja Heinrich zelebriert förmlich das Sich-Übergeben. Michael Kamp ist besonders stark, wenn er sich mit Ausflüchten verteidigt und Harald Schwaiger bringt die Kaltschnäuzigkeit eines gewinnorientierten Individuums eindrucksvoll herüber.

Bitterböses Stück in moderner Form

Geboten wurde ein bitterböses Stück, mit dem die Autorin in moderner Form an Strindberg anknüpfte. Für die Zuschauer gab es kein Happyend, aber vollste Zufriedenheit über eine gelungene Aufführung. Angela Illner urteilte: „Schon zu Beginn des Stückes haben die Schauspieler die Charaktere des Stückes sehr gut dargestellt. Auch der Meinungs- und Stimmungswandel der Handelnden war glaubhaft; viermal Dr. Jekyll und Mr. Hyde auf der einen Bühne.“ Für Benjamin Bublat waren die wechselnden Koalitionen interessant und Rüdiger Brehm meinte: „Endlich, nach einen halben Jahr Abstinenz, wieder Kultur, großes Theater auf kleiner Bühne.“

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