Jürgen Kleine-Frauns im Heimat-Check-Interview

Lünen auf dem Prüfstand

In der Serie Heimat-Check haben wir an sieben Tagen sieben Kern-Themen für die Region und Lünen beleuchtet. Wie teuer, sicher, lebenswert ist es hier? Zum Finale des Heimat-Checks hat Redakteurin Magdalene Quiring-Lategahn Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns zum Rundum-Interview getroffen.

LÜNEN

, 26.07.2016 / Lesedauer: 5 min

Redakteurin Magdalene Quiring-Lategahn hat mit Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns über seine Vorstellung von Heimat gesprochen und darüber, wo er Handlungsbedarf sieht.

Was bedeutet für Sie Heimat? Also, bevor ich Kinder hatte war Heimat der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Nach meinem Umzug von Rheine nach Lünen ist Heimat für mich der Ort, an dem meine Kinder groß werden, wo die Familie lebt.

Wenn Lünen für Sie zur zweiten Heimat geworden ist, was mögen Sie an der Stadt? Ganz klar die Herzlichkeit der Menschen. Ich bin 1997 in das Quartier der Victoriasiedlung gezogen. Die Menschen sind offener als anderswo.

Sie haben von Ihrem Arbeitsplatz in der 9. Etage des Rathauses einen weiten Blick über Lünen. Wohin gucken Sie? Ich habe fasziniert beobachtet, wie im Winter das Windrad gewachsen ist. Das war ein technisches Schauspiel. Ich bin aber auch immer wieder beeindruckt davon, wie grün Lünen ist.

Wir haben im Heimat-Check aus unterschiedlichen Perspektiven auf Lünen geschaut. Wo sehen Sie einen Schwerpunkt? Es ist schwer, einen Punkt auszumachen, es greifen alle Faktoren, auch die, die im Heimat-Check unter die Lupe genommen wurden, ineinander.

Inwiefern? Man kann das Thema Verkehr nicht isoliert von den Themen Arbeitslosigkeit und Wohnen betrachten. Ich glaube, dass die Frage, ob wir den Mobilitätsfluss verbessern können, auch zu Veränderungen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt führt.

Wenn jemand eine Wohnung sucht, ist es von zentraler Bedeutung, wie er seinen Arbeitsplatz erreichen kann. Bei 22.000 Auspendlern und 15.000 Einpendlern wird deutlich, wie wichtig das Thema für die Menschen ist.

Verkehr ist das Stichwort. Die Wirtschaft fordert schon lange den Ausbau der B54, auf die zweigleisige Bahnstrecke Lünen-Werne-Münster wartet die Stadt seit Jahren.

Wie kann man Gas geben? Man kann nur so Gas geben, indem man, wie in vielen anderen Bereichen auch, auf Verantwortliche in Ministerien und Behörden zugeht und eindringlich fordert. Das kann nicht der Bürgermeister alleine, es bedarf der Unterstützung derer, die auf landespolitischer Ebene unterwegs sind.

Das ist an vielen Stellen des Heimatchecks deutlich geworden, dass wir mit unseren Möglichkeiten als Stadt an der Grenze sind und vieles, was man angehen müsste, um die Situation zu verbessern, der Unterstützung des Landes bedarf. Die Aufgabe besteht darin, die Situation in ihrer Komplexität darzustellen.

Zum Beispiel? Bleiben wir beim Thema Verkehr. Das hat Auswirkungen auch auf die Sozialstruktur. Es werden sich keine Unternehmen neu ansiedeln, wenn sie unserer Stadt nicht erreichen können. Oder wenn Betriebe klagen, dass ihre Monteure oder Mitarbeiter Stunden auf der Straße verbringen, die nicht abgerechnet werden können.

Das sind Hemmnisse für die gesamte Entwicklung. Genügend Fantasie dürfte in den Ministerien vorhanden sein, um diese Zusammenhänge zu erkennen. Unsere heimischen Mandatsträger sollten das kommunizieren. Abgesehen davon ist es natürlich auch die Aufgabe des Bürgermeisters, nach Düsseldorf zu fahren. Mit Organisationen wie RVR (Regionalverband Ruhr, Anm. d. Redaktion) und IHK arbeiten wir da schon im Schulterschluss.

Waren Sie in Düsseldorf? Ja, zum Thema Forensik. In puncto Verkehr finden demnächst Gespräche statt, zum Ausbau der Bahnstrecke hat es eine interkommunale Resolution gegeben. Bei vier von sieben Themen des Heimatchecks sind wir auf Unterstützung von Bund und Land angewiesen: Verkehr, Soziales, Bildung und Sicherheit.

Apropos Sicherheit. Fühlen Sie sich sicher in Lünen? Ja. Aber das wurde auch in der Serie deutlich, Sicherheit ist ein Gefühl und bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Ich bin ein eher rationaler Mensch. Man darf aber Angst nicht vom Tisch wischen. Ich kann nachvollziehen, dass Lüner ihre Kinder abends nicht über die Münsterstraße schicken, weil das Licht so funzelig ist und die Bäume dunkel wirken.

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Bildung ist ein Schlüsselthema. Gute Schulen sind ein Standortfaktor, Ganztagsbetreuung ist es auch. Was ist zu tun? Hier müsste das Land klar Farbe bekennen und mehr Lehrer einstellen oder, wenn man den Bereich Sicherheit nimmt, auch mehr Polizisten.

Welche Note würden Sie der Schullandschaft geben? Ich glaube, dass wir in all den Bereichen, wo wir finanzielle Möglichkeiten haben, exzellent aufgestellt sind. Es gibt in der Ganztagsbetreuung tolle Konzepte und Akteure mit Ideen, aber nicht die erforderlichen finanziellen Ressourcen, um für eine 100prozentige Ganztagsbetreuung zu sorgen. Eltern müssen wir die Möglichkeit eröffnen, zu arbeiten. Dabei geht es auch um flexible Betreuungszeiten. Da sind wir noch am Anfang. Alle in der Stadt sind sich einig, dass man da mehr machen müsste.

Eine Familie ist aus Waltrop nach Lünen gezogen, weil sie hier ein bezahlbares Haus gefunden hat. Man kann hier vergleichsweise günstig zur Miete wohnen. Doch die Nachfrage übersteigt das Angebot. Was ist zu tun? Wir haben mit der Politik beschlossen, einen Masterplan Wohnen aufzustellen. Ergebnisse werden frühestens Mitte nächsten Jahres vorliegen. Der Druck ist aber groß. Wir sind uns im Verwaltungsvorstand einig, dass wir bis dahin nicht untätig sein können.

Was ist geplant? Es gibt Wohnungsbauprojekte, die vor der Umsetzung sind. Trotzdem müssen wir weitere Projekte begleiten.

Welche sind das? Beispielsweise Wethmar-Ost, da gibt es eine früher als Sportplatz genutzte Fläche und seit vielen Jahren den Wunsch aus Wethmar, sie zu bebauen. Das soll mit der Wohnungsbaugesellschaft WBG geschehen. Wir haben ein Interesse daran, die Eigenheimquote zu steigern, die ist in Lünen geringer ist als anderswo.

Kritik kommt Umweltschützern, wenn es um den Verbrauch von Flächen geht... Wir müssen den Ausgleich finden. Wir wollen vorwiegend Brachflächen ins Visier nehmen. Wie beispielsweise in Lünen-Süd, am Preußenhafen. Im Lüner Süden haben wir besonderen Wohnungsbedarf. Wir brauchen aber auch Akteure, die solche Projekte anstoßen.

Wer kann das sein? Im Geistviertel beispielsweise hat Vivawest alte Häuser abgerissen und baut neu. Das ist auch in Brambauer geplant, momentan werden die Häuser noch für Flüchtlinge genutzt. Lünen hat eine hohe Bevölkerungsdichte, außerdem ist der Wunsch da, selbst Eigentum zu erwerben. Wir haben da Nachholbedarf und ein Interesse daran, dass sich weitere Einwohner ansiedeln. Jeder, der Arbeit hat, bringt Wirtschaftskraft. Die braucht die Stadt, um ihre Aufgaben zu erfüllen.

Wie ist das zu schaffen? Wir können das nur zusammen schaffen. Viele bringen sich schon ein. Das gibt mir die Zuversicht, dass wir uns in Lünen in die richtige Richtung bewegen.

Wenn Sie Lünen so mögen, haben Sie hier schon mal Ihren Urlaub verbracht? Nein, wenn ich zuhause bleibe, habe ich immer etwas zu tun. Zum Aufladen des Akkus fahre ich weg.

Haben Sie einen Lieblingsort in der Stadt? Ich bin gerne in den Lippeauen und genieße die Natur mit ihrer Artenvielfalt.

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