Jugendpsychiater kritisieren Kürzungspläne der Kassen

LÜNEN Durch die Kündigung der so genannten "Sozialpsychatrievereinbarung" durch die Krankenkassen zum Ende des Jahres sehen die Kinder- und Jugendpsychiater die Versorgung von psychisch kranken Kindern, Jugendlichen und ihrer Familien gefährdet. Auch Kündigungen eigener Mitarbeiten in den Praxen schließen die Psychiater nicht mehr aus und malen ein düsteres Bild für die Zukunft.

von Von Dieter Hirsch

, 05.09.2008, 07:45 Uhr / Lesedauer: 1 min
Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Thomas Kahlen und Dr. Ursula Görlich befürchten auch Kündigungen in ihren Praxen, wenn die Krankenkassen ihre Pläne wahr machen.

Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Thomas Kahlen und Dr. Ursula Görlich befürchten auch Kündigungen in ihren Praxen, wenn die Krankenkassen ihre Pläne wahr machen.

"In meiner Praxis wäre davon die Hälfte der 600 Kinder betroffen", so der Lüner Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Dr. Thomas Kahlen. Dr. Ursula Görlich aus Werne schätzt, dass in ihrer Praxis von den 380 Kinder rund 180 betroffen wären.

Beziehungsstörungen In die Praxen von Dr. Kahlen und Dr. Görlich kommen unter anderem Kinder mit Ängsten oder zwanghaften Verhaltensweisen, schulischen Leistungsproblemen, mit Entwicklungsverzögerungen, mit seelischen Verletzungen, mit Beziehungs- und Bindungsstörungen.Kündigungen in Praxen möglich

Durch die Kündigung der Sondervereinbarung können die beiden Kinder- und Jugendpsychiater ihre therapeutischen Teams nicht halten. Dazu gehören Diplom-Pädagogen, Heil-Pädagogen und Sozialpädagogen. "Wenn keine Lösung gefunden wird, muss ich meinen Mitarbeitern kündigen," so Dr Kahlen, zu dessen Praxisteam drei Diplom-Pädagogen, eine Heil-Pädagogin und zwei Praxissekretärinnen gehören. Ohne dieses Expertenteam könnten beide Ärzte in ihren Praxen eine ganze Reihe von diagnostischen und therapeutischen Angeboten nicht mehr machen.Bundesweit könnten 1000 Stellen wegfallen

Dazu gehört u.a. die Entwicklungsdiagnostik und die Diagnostik funktioneller Störungen durch Lese- und Rechtschreibetests, Rechentests und Wahrnehmungsüberprüfungen. Im therapeutischen Bereich könnten sie z.B. die Beratung von Eltern und Kindern, die Familientherapie und Gruppentrainings im Rahmen der sozialpsychiatrischen Versorgung nicht mehr anbieten. Bundesweit würden rund 1000 Stellen wegfallen, befürchtet der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie.Bedarf ist vorhanden Gerade die enge Zusammenarbeit der unterschiedlichen Professionen im Team ermögliche das breite diagnostische und therapeutische Angebot und die Versorgung von drei bis viermal so vielen Kindern. Und der Bedarf sei da. "Etwa sechs bis sieben Prozent aller Kinder sind behandlungsbedürftig", so Dr. Görlich. Sie fordern eine schnelle Lösung im Rahmen des Gesundheitsfonds, die den Bestand dieses bewährten Modells zum Ziel hat. "Wenn die Stellen erst einmal abgebaut sind, entsteht eine große Lücke, die nicht in wenigen Monaten wieder geschlossen werden kann", befürchtet Dr. Kahlen.

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