Kandidaten für AfD-Wählerhochburg Lünen zeigen ihre Gesichter

rnKommunalwahl 2020

Die AfD gilt in Lünen bislang als große Unbekannte: eine Partei ohne Gesichter, Namen und Ortsverein - noch. Drei Kandidaten mit oberen Listenplätzen nennen erstmals öffentlich ihre Motive.

Lünen

, 03.09.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Lünen gilt als AfD-Hochburg im Kreis Unna. 9,8 Prozent aller Lüner Wählerinnen und Wähler hatten bei der Landtagswahl 2017 ihre Zweitstimme der rechtspopulistischen Partei gegeben. Das sind 3734 Menschen. Eine höhere Zustimmung fand sich in keiner der anderen zehn Städte im Kreis. Dennoch: Frauen und Männer, die sich selbst offen rechtsaußen engagieren, waren bislang in Lünen unbekannt – einmal abgesehen vom Faschisten Björn Höcke, dem in Lünen geborenen Sprecher der Thüringer AfD. Das hat sich jetzt geändert.

Inzwischen hat auch die AfD in Lünen plakatiert: Motive ohne Gesichter und Namen.

Inzwischen hat auch die AfD in Lünen plakatiert: Motive ohne Gesichter und Namen. © Günther Goldstein

Die AfD tritt in allen 23 Wahlbezirken in der Stadt mit jeweils einem Kandidaten an: 23 Namen von Menschen, die sich um ein Direktmandat für den Stadtrat bewerben. Dazu die Reserveliste mit sieben Namen. Die ersten darauf können sich ausrechnen, nach der Wahl am 13. September ins Stadtparlament einzuziehen. Wer sind diese Leute? Drei von ihnen – die mit Listenplatz eins, vier und fünf – haben erstmals öffentlich über ihre Motive und Ziele gesprochen und geben sich dabei ganz harmlos.

Ehemalige Schülerinnen des Altlüner Gymnasiums

Zumeist männlich mit mittlerem Bildungsniveau, viele Arbeiter und Arbeitslose, dagegen kaum Rentner und Beamte, überwiegend ehemalige Nichtwähler, aber kaum enttäuschte Grüne: So charakterisiert die Bundeszentrale für politische Bildung die Wählerschaft der AfD. Die Wissenschaftler hatten dafür die Wahlergebnisse der drei Landtagswahlen 2017 analysiert, darunter auch die in NRW. Die drei AfD-Kandidaten aus Lünen, die zum Gespräch kommen, sind anders:

Zwei ehemalige Abiturientinnen des Gymnasiums Altlünen, beide 23 Jahre alt (Listenplätze 4 und 5), und ein 57-jähriger IT-Spezialist (Listenplatz 1).

Die Themen Migration und Eindämmung des Islam, mit dem die Partei in den Vorjahren bundesweit Stimmen gesammelt hat, gehen sie aus dem Weg. Dafür führen sie an, es gehe ihnen um direkte Demokratie. Um gedeckte Haushalte, attraktive Einkaufsmöglichkeiten in der City. Und um Umweltschutz. Themen,die auch bei allen anderen Parteien auf der Agenda stehen.

23-jährige Lünerinnen setzen auf Volksabstimmungen und Bäume

Mehr Obstbäume und Beerensträucher pflanzen wolle sie in Lünen, sagt die 23-jährige Constanze Pasternak, deren Vater und Bruder ebenfalls auf der Reserveliste stehen (Listenplatz 2 und 7). Die grüne Infrastruktur sei insgesamt zu erhalten und zu verbessern, bestärkt sie ihre ehemalige Schulkameradin Friederike Hagelstein: „Dass der Kleinbecker Park in Horstmar verschwunden ist, ist ein Beispiel, wie nötig das ist.“

Warum Constanze Pasternak, die Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte, die jetzt Rechtswissenschaften studieren will, und Friederike Hagelstein, die Geographie-Studentin, dann nicht die Grünen unterstützen, sondern ausgerechnet eine Partei, die den Menschen gemachten Klimawandel immer wieder anzweifelt? „Ich wünsche mir mehr direkte Demokratie – wie in der Schweiz“, erklärt Pasternak. Da sehen sie und ihre Freundin ihre Interessen bei der AfD am besten aufgehoben.

Keine Rede ist bei ihnen von der rechtspopulistischen Ausrichtung der Partei, die sich als Sprachrohr einer angeblich „schweigenden Mehrheit“ versteht und durch harsche Ablehnung angeblicher politischer Eliten auffällt.

Flügel oder nicht Flügel? „Wir konzentrieren uns auf Lünen“

Peter Herbertz, der in einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus aufgewachsen ist, teilt die Vorliebe für ökologische Themen. Er hat in den 1980er-Jahren den Grünen nahe gestanden. Deren Entwicklung, insbesondere die Zustimmung zu Auslandseinsätzen, habe ihn aber davon abrücken lassen.

Zum aktuellen Machtkampf in der Bundespartei wollen sich alle Drei nicht äußern. Zu dem Streit zwischen dem AfD-Bezirksvorstand und dem Kreisverband ebenso wenig. Bekanntlich hatte der Bezirksvorstand die Reserveliste für die Kreistagswahl kassiert, weil dort Mitglieder vertreten waren, die sich nicht ausreichend von rechtsradikalen Gruppen distanzierten.

„Ich stehe zur AfD. Mehr gibt es dazu nicht“, sagt Pasternak nur. Und Herbertz ergänzt: „Das ist für uns kein Thema. Wir interessieren uns zunächst für Lünen.“

Herbertz: „Stehen auf der Basis der Grundgesetzes“

„Wir werden nicht, wie die anderen Parteien, gegen Anträge stimmen, weil sie von anderen Parteien stammen“, sagt Herbertz. Inzwischen haben sich die „anderen Parteien“ bereits mehrfach öffentlich distanziert von einer Zusammenarbeit mit dem neuen Bewerber von rechts, der eine Gefahr darstelle für die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie

„Wenn etwas gut ist für Bürger und Stadt“, so Herbertz, „dann ist es nicht wichtig, wer das eingebracht hat.“ Die Vorbehalte wollen er und seine Mitstreiterinnen nicht verstehen: „Wir stehen auf der Basis des Grundgesetzes und wollen den Rechtsstaat.“

Noch sind die Kandidatinnen und Kandidaten für die AfD ein Zusammenschluss ohne feste Struktur.

Ortsgruppe wird am 6. September gegründet

Doch eine Ortsgruppe wollen die AfD-Mitglieder aus Lünen am 6. September gründen, wie Peter Herbertz einige Tage nach dem Gespräch mitteilt. Nach den aktuellen Plänen werde auch ein Mitglied des Bundestags dazu nach Lünen kommen. Wer immer es sein wird: Er oder sie wird durch Straßen fahren, in denen seit wenigen Tagen vermehrt AfD-Plakate hängen - allerdings ohne Namen und Gesichter.

Lesen Sie jetzt