Weil vielen Eltern während der knapp sechs Monate Schulschließung schlicht die Zeit fehlte, ihre Kinder zu umsorgen, landeten sie vermehrt vor diversen Bildschirmen. © dpa
Corona und die Kinder

Kinderärztin bestätigt: Kinder tragen Folgen aus Corona-Lockdown

Nicht mit Corona angesteckt, aber trotzdem krank? Wie sehr Kinder - psychisch und körperlich - unter der Pandemie leiden, wurde nun öffentlich. Kinderärztinnen aus Selm und Lünen geben Einblicke.

Kinder sind die größten Verlierer der Corona-Krise. Nicht nur, dass sie mit sich häufig verändernden Rahmenbedingungen zu kämpfen haben, sie haben auch Folgen aus der Zeit des Lockdowns getragen. Die sechs Monate sind nicht spurlos an ihnen vorbei gegangen. Zu dem Ergebnis kam eine Umfrage unter 150 Kinderärzten aus dem ganzen Bundesgebiet.

„89 Prozent der befragten Kinderärzte beobachten vermehrt psychische Probleme. 37 Prozent diagnostizieren eine Zunahme körperlicher Beschwerden“, heißt es im Ergebnis. Antriebslosigkeit, Zurückgezogenheit, Reizbarkeit, Angststörungen, aggressives Verhalten, Schlafstörungen oder Konzentrationsschwierigkeiten seien häufig geworden. Das Aussetzen des Alltags und die fehlenden Freizeitmöglichkeiten und zu viel Zeit vor Bildschirmen seien die Ursache, heißt es in der Studie.

Patienten kommen kaum

Ayten Imren-Özdem, Kinderärztin in Brambauer, kann das so nicht bestätigen. In ihrer Praxis beobachte sie diese Auffälligkeiten bei ihren kleinen Patienten nicht vermehrt. „Allerdings meiden viele die Praxis“, berichtet sie. „Es wurde ja sehr verbreitet, den Kontakt mit Corona-Patienten möglichst zu vermeiden. Das sitzt auch bei vielen Eltern.“ So vermutet sie, dass eine Zunahme dann sichtbar wird, wenn sich wieder mehr Patienten zu ihr in die Praxis trauen. „Wir sind ja alle mit einer gewissen Angst konfrontiert“, sagt sie. „Und je nach emotionaler Verfassung der Kinder kann das auch schon mal zu einer gewissen Angststörung führen.“

Beobachtungszeitraum zu kurz

Ihre Selmer Kollegin Ulrike Foertsch sieht die genannten Beschwerden in ihrer Praxis ebenfalls immer häufiger, allerdings erkennt sie bisher keinen Zusammenhang zur Lockdown-Phase. „Die Zahl der Kinder mit solchen Beschwerden sind ohnehin hoch und momentan nicht mehr als sonst“, berichtet sie. Etwa 40 Prozent der Kinder, die in ihre Praxis kommen, seien aufgrund ihrer charakterlichen Konstitution von Ängsten, Konzentrationsstörung oder Reizbarkeit betroffen. „Um wirklich einen Zusammenhang zwischen den Beschwerden und der corona-bedingten Isolation der Kinder zu sehen, ist der Beobachtungszeitraum von zwei Monaten zu kurz. Da müsste man schon zwei Jahre beobachten. Ich gehe aber davon aus, dass wenn man länger beobachtet, die Beschwerden dann noch mal erheblich zunehmen.“

Die Lüner Kinderäztin Christiane Günther-Ruppert bestätigt ganz klar die Ergebnisse der Studie: „Was definitiv zugenommen hat, sind Schulbeschwerden, also überwiegend Leistungsdefizite und Konzentrationsschwäche. Außerdem stellen wir eine deutliche Gewichtszunahme fest“, berichtet sie. Die Eltern kämen nicht mit ihren Kindern aufgrund dieser Beschwerden, aber bei Vorsorgeuntersuchungen werden sie deutlich.

„Die sechs Monate Lockdown sind auf keinen Fall spurlos an den Kindern vorbei gegangen. Bei Erstklässlern reichen schon zwei Wochen, dass sie unkonzentrierter werden. Je älter die Kinder sind, desto leichter fällt es ihnen. Die Ursache für all das ist meiner Meinung nach vor allem der vermehrte Mediengebrauch während dieser Zeit.“

Für nicht ausschlaggebend für die Konzentrationsfähigkeit hält sie hingegen die Maskenpflicht im Klassenraum, die bis vor wenigen Tagen galt. „Der Sauerstoffgehalt ist auch mit Maske wie immer“, sagt sie, „daran kann es also nicht gelegen haben.“

Auch aus medizinischer Sicht müsse ein zweiter Lockdown unbedingt vermieden werden. Sie plädiert für eine Teilung der Klassen, von denen jeweils eine Hälfte eine Woche in der Schule und eine Woche Zuhause unterrichtet wird. „Für eine Verbreitung des Corona-Virus sind Kinder aber letztlich gar nicht relevant, da sie das Virus nur in seltenen Fällen weitergeben können“, so Günther-Ruppert.

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In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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Kristina Gerstenmaier