Kinderglück im Waisenhaus

Lünen Mit viel Herzklopfen und gemischten Gefühlen steht Rotraud Reinicke vor dem Schloss Schwansbell.

12.07.2007, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als Sechsjährige kam die heute dreifache Mutter ins Waisenhaus, das im Schloss untergebracht war. "Das waren die drei schönsten Jahre meiner Kindheit", erinnert sich Rotraud Reinicke. Und zugleich auch drei Jahre voller enttäuschter Hoffnungen. Denn jeden Sonntag stand das Mädchen immer an der Tür und hoffte, dass Vater oder Mutter kommen würden. "Alle hab' ich gefragt, bist du mein Vater, bist du meine Mutter", blickt die 55-Jährige zurück. Doch die Eltern, die sich scheiden ließen, als die Tochter zwei war und die sie dann ins Dortmunder Waisenhaus gaben, ließen sie im Stich.

Oma kam zu Besuch

"Die einzige Bezugsperson war meine Oma, die auch noch ein Kinderbild von mir aufgehoben hat. Später hab' ich Briefe gefunden, die sie ans Jugendamt geschrieben hat. Sie wollte mich zu sich holen, doch das ging damals wohl nicht."

Vergangene Woche las Rotraud Reinicke den Bericht über die Geschichte des Schlosses und da kamen die Erinnerungen wieder hoch. "Wir Kinder wurden gut behandelt, nur die persönliche Zuwendung fehlte", erzählt sie. Aber Gestaltung des Tagesablaufs und Umgang mit den Kindern hat sie in positiver Erinnerung. "Hier konnte man wirklich Kind sein."

Mit einem anderen Mädchen teilte sie sich das "Prinzessinnenzimmer". "Abends ging immer jemand mit einer Dose Niveacreme rum und wir durften uns was raus nehmen."

Im Sommer gab`s Lagerfeuer und im Winter "sind wir auf dem immer zugefrorenen Schlossteich Schlittschuh gelaufen und haben auf der Wiese Schnee-Iglus gebaut." Den Spielplatz am Schloss gab es damals schon, allerdings natürlich mit anderen Geräten.

"Oft sind wir sonntags am Kanal entlang gelaufen, haben gesungen. Immer mit weißen Schürzchen und Kniestrümpfen", schmunzelt Rotraud Reinicke.

Unterrichtet wurden sie und die anderen Kinder in der damaligen evangelischen Melanchthonschule an der Lange Straße: "Dorthin sind wir zu Fuß gegangen, unter der Brücke her."

Und im Gesindehaus, wo viele Jahre später Franz Lauter sein Restaurant eröffnete, war damals die Küche des Waisenhauses. "Eine Köchin verteilte ausgepresste Zitronenhälften an uns, die haben wir am Brunnen mit Wasser und Zucker gefüllt. Das war für uns die Welt", blickt die 55-Jährige gern zurück.

Als Rotraud Lemke, wie sie damals hieß, knapp acht Jahre alt war, holte ihre Mutter sie wieder zu sich - "weil sie wieder geheiratet hatte und eine Wohnung wollte, die sie nur mit Kind bekam." Als die Mutter wieder schwanger wurde, gab sie die Tochter erneut in fremde Hände. Als sie älter wurde, war Rotraud Reinicke manches Mal in Schwansbell: "Das war die heile Welt für mich."

Jetzt war sie lange nicht mehr da. Denn auch Wunden auf der Seele hinterließ die Zeit in Schwansbell: "Ich muss jetzt lernen, nicht immer weiter zu warten, wie es früher im Waisenhaus an den Besuchstagen war. Denn dann wird man zu oft enttäuscht," sagt Rotraud Reinicke und blickt zurück zum Schloss. Beate Rottgardt

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