Lisa (33) und Tom (34) schenken Geborgenheit an Pflegekinder aus Lünen

rnKindeswohl

Wie Geschwister wachsen die vier Kinder bei Lisa und Tom auf. Doch sie sind nicht verwandt. Drei haben ihr neues Zuhause in der Pflegefamilie. Die hat eine außergewöhnliche Geschichte.

Lünen

, 14.05.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Lisa (33) ist tätowiert, Tom (34) trägt Glatze. „Aus dem Standardkatalog der Pflegeeltern sind wir nicht“, sagt Lisa. An ihren Esstisch passen 16 Personen. Mit den vier Kindern, dem Hund und den beiden Papageien ist der Alltag voller Leben. Es ist keine einfache Aufgabe, die Lisa und Tom übernommen haben. Jedes der drei Pflegekinder hat seinen eigenen Rucksack an Problemen mitgebracht. Doch die Familienmitglieder, deren Namen alle von der Redaktion geändert wurden, sind an der Herausforderung gewachsen. „Ich kann das nur empfehlen. Das bringt Leben rein“, sagt Lisa.

Schon mit 16 hatte sie von Pflegekindern gehört und mit ihnen für sich eine Vorstellung von Familie entwickelt. Als Lisa mit 19 ihren Mann Tom kennenlernte, wurde das bald zum Thema. Für ihn kein Problem. Kaum hatte das Paar drei Jahre später ein Haus gekauft, verlor Tom seine Arbeit. Gleichzeitig lasen sie eine Anzeige, in der Pflegeeltern gesucht wurden. Sie wollten sich nur mal beraten lassen. „Die gucken euch in die Schränke“, wurden sie gewarnt. Das haben die Fachleute vom Jugendamt zwar nicht getan, aber dennoch genau hingeschaut. Denn dass jemand eigene Kinder haben kann, aber ein Pflegekind aufnehmen möchte, war schon ungewöhnlich.

Alkohol in der Schwangerschaft

Nach Schulung und Hausbesuch kam Felix. Der Sechsjährige kannte keine Farben und keine Zahlen, „er wusste nicht, wie viele Finger er hat“, erinnert sich Tom. Als Hausmann war er ganz für Felix da. Der stellte anfangs so viele Fragen, dass „ich keine Spucke mehr für die Antworten hatte“. Als sich Probleme häuften, wurde bei Felix die Diagnose „Fetales Alkohol Syndrom“ gestellt. Seine Mutter hatte in der Schwangerschaft getrunken, es waren Schäden geblieben.

Felix hat inzwischen Pflegegrad 3 und ist zu 70 Prozent schwerbehindert. Viele Therapietermine und Förderungen prägen den Alltag. Doch es sei so eine Freude gewesen, die Fortschritte zu sehen, dass sich Lisa und Tom ein weiteres Pflegekind vorstellen konnten.

Während sie beim ersten Mal eigentlich eine Behinderung ausgeschlossen hatten, war ihnen das jetzt nicht mehr wichtig. Das Jugendamt stellte ihnen Paul vor, zehn Monate alt. Er war von seiner überforderten Mutter so geschüttelt worden, dass er Hirnblutungen hatte. Noch immer muss Gehirnwasser über einen Schlauch unter der Haut abgeleitet werden. Es war nicht klar, wie er sich entwickelt. Als Lisa ihn zum ersten Mal auf dem Arm hatte und ihm das Fläschchen gab, war sie sofort verliebt. Inzwischen hat er große Fortschritte gemacht, trotz Pflegegrad 1 und 30 Prozent Schwerbehinderung.

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Von Bauchmüttern und neuer Familie

Lisa und Tom haben den Kindern von Anfang an reinen Wein eingeschenkt. Sie wissen, dass sie eine Bauchmutter haben und eine andere Herkunftsfamilie. Während Felix Kontakt dorthin hält, hat sich Pauls Mutter aus seinem Leben verabschiedet. 2015 kommt Henri zur Welt, der leibliche Sohn.

Lisa, die als Altenpflegerin arbeitet, absolviert berufsbegleitend eine Ausbildung zur Heilpädagogin. Alle drei Wunschkinder wachsen zusammen auf, „wir lieben alle gleich“, sagt Lisa. Es ist ein Leben außerhalb der Norm. Ein Alltag ohne Feierabend. Sie bekommen Pflegegeld für ihren Einsatz, der bei Tom zum Hauptberuf geworden ist. Liebe, Zeit, Struktur, das können sie ihren Kindern geben.

Schädelbruch mit vier Monaten

Das Jugendamt funkt SOS. Die zweijährige Hanna, die mit ihrer geistig behinderten Mutter in einer Einrichtung lebt, war mit vier Monaten aus zwei Metern Höhe auf den Kopf gefallen. Sie erlitt einen Schädelbruch. Ein Jahr war sie in der Bereitschaftspflege an Monitore angeschlossen und hat nur gelegen. Als sie zu Lisa und Tom kam, hatte sie nachts Albträume und trank nur aus dem Fläschchen. Inzwischen schläft sie durch, isst feste Nahrung, hat aber mit vier Jahren nur einen Wortschatz von 15 Wörtern.

In Lünen ist die Zahl der Pflegekinder laut Ulrich Barz, stellvertretender Leiter der Abteilung „Jugend.Hilfen und Förderung“, gestiegen. Das liegt an der Zielsetzung, vernachlässigte Mädchen und Jungen eher in Pflegefamilien als in Heimen unterzubringen. Zurzeit werden 150 Kinder in 130 Pflegefamilien betreut. 90 Kinder leben in Heimen. Wenn Kinder spontan geholfen werden muss, sind 20 Bereitschafts-Pflegefamilien für sie da.

Manchmal leben Lüner Kinder auch außerhalb der Stadt. In den ersten zwei Jahren werden sie von Lünen aus betreut. Danach übernimmt dies die jeweils andere Stadt. Allerdings bleibt Lünen für die Kosten zuständig. Das betrifft 235 Kinder.

Vielfach Kleinkinder vernachlässigt

Kleinkinder sind zurzeit die Hauptgruppe, für die ein neues Zuhause gesucht wird. Oft sind die Eltern überfordert, haben psychische oder Drogen-Probleme. Mitunter ist Erziehungsunfähigkeit auch seit Generationen ein Thema.

Lisa und Tom sind begeisterte Pflegeeltern. Einmal im Jahr nimmt jeder für sich eine Woche eine Auszeit. „Das braucht man einfach“, sagt Tom.

Auch davon und aus ihrem Alltag berichten sie in den Schulungen, die das Jugendamt für Pflegeeltern anbietet. „Wir können nur empfehlen, Pflegeeltern zu werden“, sagt Lisa. Es sei keine einfache Aufgabe, aber eine erfüllende. „Das Jugendamt steht uns immer zur Seite. Damit haben wir nur gute Erfahrungen gemacht.“

Information

Stadt Lünen sucht Pflegeeltern

Der Pflegekinderdienst der Stadt Lünen vermittelt Pflegekinder. Er schult und berät Pflegefamilien. Aktuell werden Vollzeitpflegeeltern gesucht. Um ein Pflegekind aufnehmen zu können, sind Voraussetzungen wie erweiteres Führungszeugnis, ärztliches Attest, Bewerberbogen, Lebenslauf, Schulung und Hausbesuch des Jugendamtes notwendig.
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