Lokaler Filmemacher dreht über Juden aus Lünen

Zeitzeugen gefunden

16 Lüner Schüler, die Kniebeugen und andere Turnübungen machen. Dieses historische Foto von 1932 oder Anfang '33 hat den Filmemacher Michael Kupczyk inspiriert. Er wollte wissen, was ist aus den 16 jüdischen Schülern geworden? Sein Dokumentarfilm erzählt ihre Geschichte.

LÜNEN

, 17.06.2016, 11:37 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist ein fröhliches Foto, das Regisseur Michael Kupczyk dazu brachte die Geschichte von Lüner Juden zu erzählen. 16 Kinder machen Kniebeugen vor der Jüdischen Volksschule und lachen in die Kamera. Einige Monate nach der Aufnahme ist nichts mehr wie vorher. Die Klasse auf dem Foto wird aufgelöst, die jüdischen Kinder werden erst auf die Volksschule geschickt, später müssen sie fliehen oder werden in Konzentrationslager deportiert.  

Anfang 2014 bekommt der Lüner Regisseur von der Bürgermeister-Harzer-Stiftung den Auftrag, einen Film über das jüdische Leben in Lünen zu drehen. Er fliegt mit seinem Kameramann Florian Pawliczek nach London. Dort treffen sie Herbert Haberberg, der als Sohn einer polnisch-jüdischen Familie in Brambauer geboren wurde und noch vor der Pogromnacht 1938 ausgewiesen wurde. Kupczyk: „Er kam mit einem Kindertransport nach England, seine Eltern sind in einem Konzentrationslager umgekommen.“

Was ist aus den Kindern auf dem Foto geworden?

Michael Kupczyk recherchiert weiter und findet das schwarz-weiß Foto der Schüler in einer speziellen Sammlung des Stadtarchivars über das jüdische Leben in Lünen. Was ist aus den Kindern geworden? Haben sie den Holocaust überlebt? Das Foto stammt aus dem Nachlass von Anita Schneegans, geboren als Anita Wehnes in Lünen. Sie hatte alle Namen ihrer Mitschüler säuberlich notiert. Die Grundlage für Kupczyks weitere Recherchen. 

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Ende 2015 bekommt sein Filmprojekt neuen Auftrieb: Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) schickt einen Förderbescheid. Der ermöglicht es Michael Kupczyk, tiefer in die Geschichte des Fotos einzutauchen. Er konzentriert sich auf drei Schwestern, die mit ihren Eltern in Gahmen wohnten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flieht die Familie in die Niederlande. Als die deutschen Truppen aber auch dort einmarschieren, sind sie nicht mehr sicher. Ein Schicksal ähnlich dem von Anne Frank und ihrer Familie.

Gottlieb engagiert sich im Widerstand

Über ein geneologisches Portal im Internet macht Kupczyk die Tochter von Lore Gottlieb, einer der drei Schwestern auf dem Foto, ausfindig, nimmt Kontakt auf und bucht einen Flug nach Haifa, wo die inzwischen 93-Jährige lebt. Mit Michael Kupczyk und seinem Kameramann Florian Pawliczek spricht Lore Gottlieb offen über ihre Kindheit und Jugend. 

"Frau Gottlieb war froh, als sie Lünen mit ihrer Familie verlassen konnte", erzählt Kupczyk. Die Stimmung sei zu der Zeit sehr feindlich gewesen, in der Volksschule habe Lore Gottliebs Klasse judenfeindliche Lieder singen müssen. An eine Zukunft in Lünen sei nicht zu denken gewesen. Lore Gottlieb flieht mit ihrer Familie in die Niederlande. Das damals junge Mädchen lebt sich rasch ein in den Niederlanden. Sie lernt holländisch und schafft es, sich gefälschte Papiere zu besorgen. Mit 18 Jahren ist sie im holländischen Widerstand aktiv und hilft dabei, Menschen, die untertauchen müssen, bei Bauern zu verstecken. 

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Verrat durch eine Nachbarin

Doch 1943 wird sie von einer Nachbarin verraten. Lore Gottlieb kommt erst in ein Durchgangslager und wird dann nach Bergen-Belsen gebracht. "Im Rückblick muss man sagen, das war vielleicht ein Glücksfall. Bergen-Belsen war kein Vernichtungslager", sagt Kupczyk. Ein Dreivierteljahr bleibt Gottlieb in dem Lager, schafft es, den eisigen Winter 1944/55 zu überstehen. Als ihre Freundin für einen Zugtransport eingeteilt wird, schließt sie sich spontan an. "Wo sie stirbt, war in dem Moment nicht mehr wichtig für sie", sagt der Regisseur. 

Für Lore Gottlieb und ihre Freundin beginnt eine Irrfahrt durch Deutschland. Immer wieder wird die Richtung des Zuges geändert, bis die deutschen Bewacher den Zug einfach stehen lassen und fliehen. Ein amerikanischer Jeep befreit die Lagerinsassen aus dem Zug. 

Lore Gottlieb lebt in Israel

Nicht alle der drei Schwestern hatten so viel Glück. Eine von Lore Gottliebs Schwestern stirbt am 8. Mai 1945 - dem Tag des Kriegsendes - im KZ Ausschwitz. Die andere Schwester konnte sich retten und wanderte mit Lore Gottlieb nach Israel aus. Mittlerweile ist sie verstorben. Lore Gottlieb ist verheiratet, hat zwei Töchter, sechs Enkel und 13 Urenkel. 

Die Geschichte von Lore Gottlieb ist bewegend. Aber noch gibt es keinen Film dazu. Michael Kupczyk sitzt aktuell im Schnittraum und stellt den Dokumentarfilm fertig. Ab dem 9. November soll der fertige Film dann in Lünen gezeigt werden. "Der Film soll eigentlich 45 Minuten lang werden, aber es wird schwierig so viele Lebensgeschichten und Erinnerungen in solch einer kurzen Zeit unter zu bringen", sagt Kupczyk. 

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