Hinter einer hohen Hecke an der Beethovenstraße scheint sich seit Jahren nicht viel zu tun, das dortige Zechenhaus verfällt. In einem halben Jahr soll das anders sein, sagt der Besitzer.

Lünen-Süd

, 30.05.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

An sein Kinderzimmer hat Jan Sontheim noch gute Erinnerungen. „Hier, an dieser Wand, hing ein Poster von der Berliner Mauer. Die Szene mit dem Grenzsoldaten oben und den Leuten, die rote Rosen hochgereicht haben.“ Diese Szene war nicht zufällig gewählt worden: „Ein Teil meiner Familie stammt aus dem Osten.“

Er weiß noch genau, wie er eines morgens in seinem Bett lag und ein Auto hörte. „Da wusste ich sofort, dass das der Trabi meines Onkels war. Den würde ich heute noch am Klang erkennen.“ Seitdem ist viel passiert - die Mauer ist weg, die Großeltern zogen nach Derne, und irgendwann verließ auch Jan Sontheim das Haus an der Beethovenstraße. Im Herbst 2019 kehrte er zurück, ohne so richtig zu wissen, was ihn erwartet.

Im Obergeschoss gab es eine böse Überraschung

„Mein Stiefvater hatte hier zuletzt mit seiner Lebensgefährtin gewohnt.“ Er starb im Krankenhaus, die Lebensgefährtin zog aus, das Elternhaus ging an die Schwester von Jan Sontheim. „Da sie ihren Lebensmittelpunkt aber nicht in Lünen hat und wir das Haus gerne im Familienbesitz halten wollten, haben wir gemeinsam entschieden, dass ich mich um das Haus kümmere.“

In einem halben Jahr wollen Jan Sontheim und seine Lebensgefährtin Nadine Strasdon gerne hier einziehen. Das ist aus zwei Gründen ein sportliches Ziel: Zum einen ist Jan Sontheim im Schwerlastverkehr tätig und kann deshalb nur an den Wochenenden mit anpacken. Zum anderen ist das um 1906 erbaute Haus in einem schlechten Zustand. Freundlich formuliert.

Trümmer im Garten: Das Pfahlhaus ist mittlerweile zusammengebrochen.

Trümmer im Garten: Das Pfahlhaus ist mittlerweile zusammengebrochen. © Claeßen

„Wir kannten ja zuletzt nur das Erdgeschoss. Das war zwar nicht unbedingt ordentlich, ging aber irgendwie noch“, erinnert sich der heute 33-Jährige an Besuche bei seinem Stiefvater. Nach seinem Tod wollte Jan Sontheim das Obergeschoss in Augenschein nehmen - das war nicht so einfach: „Mein Stiefvater war ein Messie. Es gab nur noch schmale Gänge zwischen den Krambergen.“

Bei der Entrümpelung kam manches Schätzchen zum Vorschein: „Ein Commodore Amiga 500 - noch voll funktionstüchtig.“ Viel Geld bringt der Rechner nicht, doch wer aus dieser Computergeneration stammt, der weiß, welche bahnbrechenden Erfahrungen und Erinnerungen mit solchen Geräten verknüpft sind.

Zwei Container voller Müll

Solche Entdeckungen blieben die Ausnahme. Zwei große Container Müll holten Jan Sonteim und Nadine Strasdon aus dem Haus. Bis jetzt. Denn noch immer türmen sich in manchen Ecken alte Hifi-Geräte, Koffer, Körbe. Im Garten ist ein Pfahlhaus zusammengefallen, ein Großteil der Fläche wird vom Trümmerberg bedeckt. Das Gras wuchert hoch, in der hinteren Ecke hängen zwei Decken auf der Wäscheleine - seit wann, weiß niemand.

„Das waren wir“, sagt Nadine Strasdon und zeigt auf ein mit Sperrholz vernageltes Fenster. Ihre Mutter hätte alte Lattenroste im Obergeschoss aus dem Fenster geworfen, um sie nicht durchs enge Treppenhaus schleppen zu müssen. „Damit es auf dem Boden nicht so knallt, hatte sie unten eine alte Federkernmatratze hingelegt.“ Der letzte Lattenrost sprang von dieser Matratze hoch und zerdepperte die Fensterscheibe. Die Trauer hielt sich in Grenzen: „Die Fenster müssen sowieso alle ersetzt werden.“

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Ein Zechenhaus wird renoviert

Um 1906 wurde das Zechenhaus von Jan Sontheim erbaut. Nachdem sich viele Jahre lang nicht darum gekümmert wurde, hat der neue Eigentümer einen sportlichen Plan.
28.05.2020
/
Das Haus an der Beethovenstraße wurde um 1906 erbaut.© Claeßen
Das Fenster ging bei der Entrümpelung des Obergeschosses zu Bruch.© Claeßen
Die Treppe ist laut Jan Sontheim die einzige, die noch ein Podest in der Mitte hat.© Claeßen
Ein wenig haben Jan Sontheim und seine Lebensgefährtin in der Küche bereits aufgeräumt.© Claeßen
Die alten Bodendielen könnten erhalten bleiben.© Claeßen
Ein Computerbildschirm aus früheren Tagen - ein Fall für den Schrott.© Claeßen
Das Badezimmer wurde lange nicht mehr benutzt.© Claeßen
Alte Hifi-Geräte finden sich noch im Haus.e.© Claeßen
Was wohl in diesem Koffer ist?© Claeßen
Das alte Kinderzimmer ist im Stil der 1980er-Jahre vertäfelt.© Claeßen
Die Elektrik des Hauses wurde zwar in den 1990er-Jahren erneuert, ist aber nicht mehr zeitgemäß.© Claeßen
Wie lange die Wäsche hier schon auf der Leine hängt, weiß niemand.© Claeßen
Der Wohnwagen ist zwar noch dicht, aber trotzdem nicht mehr zu gebrauchen.© Claeßen
Der alte Mercedes ist nicht mehr fahrtüchtig. Das möchte Jan Sontheim jedoch ändern.© Claeßen

Und nicht nur die. Das Dach, die Elektrik, Badezimmer und Küche sind weitere Großbaustellen. Jan Sontheim legt jedoch Wert darauf, dass es sich bei dem Haus nicht um einen „Lost Place“ handelt, also einen von Menschen vergessenen Ort, den so genannte „Urban Explorer“ gern erkunden. „Durch die Corona-Pandemie haben sich die Arbeiten natürlich verzögert, sonst sähe es hier etwas anders aus“, ist er sicher.

Hoffen auf die Handwerker

Die gesamte Siedlung entlang der Beethovenstraße ist laut Sontheim zwischen 1880 und 1910 entstanden. Die Häuser sind größter als die üblichen Zechenbauten, „es war wohl für die Besserverdienenden gedacht“, vermutet der neue Hauseigentümer. Beim Rundgang zeigt sich, wie verbunden Jan Sontheim seinem Elternhaus noch ist. „Die Treppe hier ist die einzige in der Reihe, die in der Mitte ein Podest hat.“ In allen anderen Häusern gehe der Anstieg ohne Pause bis ins erste Obergeschoss.

Vom Podest führt eine Tür in den Anbau, der laut Jan Sontheim nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurde. „Der Altbau war weggebombt.“ Heute beherbergt der Anbau eine Küche im Erdgeschoss sowie eine Küchenzeile und ein Badezimmer im Obergeschoss. „Die Küche samt Wand nehmen wir raus und machen uns hier ein großes Bad“, gibt Nadine Strasdon Einblick in die Pläne des Paares.

Heute würde er für das Gebäude nicht mehr allzu viel Geld einstreichen - aber ein Verkauf kommt sowieso für ihn nicht in Frage. „Wir haben schon Kostenvoranschläge eingeholt und hoffen, dass wir trotz der Corona-Krise jetzt loslegen können.“

Ein Schätzchen im Schuppen: Die Hercules Chopper soll bald wieder fahren.

Ein Schätzchen im Schuppen: Die Hercules Chopper soll bald wieder fahren. © Claeßen

Seine Vergangenheit kommt Jan Sontheim dabei gelegen: Der Dachdecker ist ein alter Schulkollege, den Elektriker hat er in seiner Lehre kennengelernt. Sontheim selbst hat Kfz-Mechatroniker und Gas-Wasser-Installateur gelernt. Beide Berufe helfen ihm nun: Zum einen bei der Installation im Haus, zum anderen bei dem alten Mercedes und der Hercules Chopper, die im Schuppen schlummern.

Keine Rettung gibt es hingegen für den Wohnwagen, der neben dem Haus von Büschen langsam überwuchert wird. „Der ist zwar noch dicht, aber glauben Sie mir - da will niemand rein“, sagt Nadine Strasdon. In das Haus hingegen schon. Und zwar spätestens in sechs Monaten.

Lesen Sie jetzt