Ein junger Lüner musste im Marienhospital wegen eines Blutgerinnsels im Gehirn operiert werden. © picture alliance/dpa
Marienhospital Lünen

Lüner (21) erleidet Sinusvenenthrombose: „Starkes Pulsieren im Kopf“

Justin Könnecke aus Alstedde ist 21 Jahre alt. Weil der Student in einer medizinischen Einrichtung arbeitet, wird er früh geimpft. Er denkt sich nichts dabei - bis die Kopfschmerzen kommen.

Der 30. März ist für Justin Könnecke ein besonderes Datum: An diesem Dienstag wird er mit dem Wirkstoff von Astrazeneca gegen Corona geimpft. Der junge Lüner absolviert ein duales Studium und arbeitet unter anderem in einer Abteilung der Klinik in Datteln, in der sieben beatmete Kinder versorgt werden. „Deshalb habe ich verhältnismäßig früh die Impfung bekommen“, sagt der 21-Jährige.

Darüber war er natürlich froh – so wie die meisten, die eine Impfung gegen das Coronavirus erhalten. Dass es nach Impfungen mit Astrazeneca bei Patienten vereinzelt zu Blutgerinnseln im Gehirn, einer sogenannten Sinusvenenthrombose, gekommen ist, hatte der Lüner zwar auf dem Schirm. „Aber wirklich beschäftigt hat mich das nicht.“ Verglichen mit der Zahl der geimpften Personen sind Blutgerinnsel nach wie vor die große Ausnahme – und auch Justin Könnecke dachte nicht im Traum daran, dass ausgerechnet ihm das passieren könnte.

„Ich dachte: Ok, Migräne, alles gut.“

Die Statistik gibt ihm recht: Laut Paul-Ehrlich-Institut wurden bis zum 15. April 2021 rund 4,2 Millionen Erstdosen sowie 4153 Zweitdosen des Astrazeneca-Impfstoffes in Deutschland verabreicht. Die Zahl der gemeldeten Hirn- oder Sinusvenenthrombosen nach der Impfung mit Astrazeneca beläuft sich demnach ebenfalls zum 15. April auf 59. „In 57 Fällen war der Symptombeginn innerhalb von 29 Tagen nach Impfung mit Vaxzevria (neuer Name des Astrazeneca-Impfstoffs, d. Red.)“, heißt es auf der Homepage des Instituts.

Einen Tag nach der Impfung bekommt der Lüner Student Fieber – die klassischen Impfreaktionen treten auf, kein Grund zu Beunruhigung. Am Mittwoch ist bereits wieder alles vorbei. „Mir ging es gut.“ Doch einige Tage später bekommt Justin Könnecke Kopfschmerzen. „Es war ein ungewöhnlich starkes Pulsieren im Kopf.“ Die Schmerzen werden schlimmer, mittlerweile ist eine Woche seit der Impfung vergangen. Ich bin dann schließlich doch abends in die Notfallpraxis gefahren.“

Es ist Mittwoch, 7. April, als der junge Mann in der Notfallpraxis seine Symptome schildert. Die Diagnose: Migräne. „Man hat mich wieder nach Hause geschickt, und ich dachte: Ok, Migräne, alles gut. Das kurierst du einfach aus.“ Ihm sei zwar schon klar gewesen, dass offenbar mit der Impfung etwas nicht in Ordnung gewesen sein muss. „Aber an ein Blutgerinnsel habe ich immer noch nicht gedacht.“

Die einzige Chance: Eine OP

Die Schmerzen im Kopf bleiben, sie werden sogar schlimmer. „Teilweise konnte ich das Wasser nicht mehr halten“, schildert der Student. Am Dienstag, 13. April, zwei Wochen nach der Impfung, sitzt Justin Könnecke bei seinem Hausarzt. Und der schickt ihn sofort ins Marienhospital. „Dort bin ich erstmal auf die Corona-Station gekommen, wegen meiner Symptome.“ Als der Test negativ ausfiel, ging es weiter zu einer Neurologin. „Und die hat sofort erkannt, dass es sich um ein Blutgerinnsel handelt.“ Einige Tests später hat Justin Gewissheit: Er leidet an einer Sinusvenenthrombose. „Man sagte mir, dass es lebensbedrohlich ist.“

Laut Paul-Ehrlich-Institut sind bisher 12 Patienten an den Folgen einer Sinusvenenthrombose im Nachgang der Impfung gestorben – sechs Frauen und sechs Männer. „Von den insgesamt 59 Meldungen betrafen 45 Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 79 Jahren. Bei den Frauen mit bekanntem Zeitintervall zwischen Impfung und Symptombeginn lag in 38 Fällen das Alter zwischen 22 und 59 Jahren. Fünf Frauen waren 60 Jahre und älter.“ In zwölf Fällen handelte es sich um Männer zwischen 20 und 59 Jahren, in zwei Fällen waren die Männer 60 Jahre und älter.

Die einzige Chance für Justin Könnecke ist eine sofortige Operation. Wirklich wahr nimmt er die folgenden Stunden kaum. „Es fühlt sich irgendwie dumpf an“, beschreibt er sein Gefühl in diesen Momenten. „Ich habe das Ganze glaube ich gar nicht wirklich begriffen, auch wenn alle immer wieder betont haben, dass die Sache tödlich ausgehen kann.“ Sein einziger Gedanke sei in diesem Moment gewesen: „Verdammt, ich werde meine Mutter nie mehr wiedersehen.“

Die OP verläuft erfolgreich. Genauso, wie das Personal zuvor den Ernst der Situation betont hat, heißt es nun: „Nach der OP wird das alles wieder, du schaffst das.“ Doch vorher muss der 21-Jährige auf die Intensivstation – so einfach steckt man auch eine erfolgreich operierte Sinusvenenthrombose nicht weg.

Freude auf die Familie – und eine Dusche

Am Donnerstag erhält Justins Mutter eine Ausnahmegenehmigung und darf ihren Sohn im Krankenhaus besuchen. „Ohne Witz, das war der schönste Moment in meinem Leben. Die ganze Angst ist plötzlich abgefallen.“ Nicht nur seine Mutter, auch seine beste Freundin und weitere Familienmitglieder sind für ihn da, schreiben regelmäßig Nachrichten. „Und natürlich waren auch die Ärztinnen und Ärzte auf der Station rund um die Uhr bei mir.“

Mittlerweile hat Justin Könnecke die Intensivstation verlassen, muss aber noch einige Tage im Krankenhaus bleiben. Die Sinusvenenthrombose wird ihn noch lange verfolgen: „Ich muss ein Jahr lang Blutverdünner nehmen. Zunächst geht es aber erstmal in die Reha, und dann sehen wir weiter.“

Eine Dusche wäre für den Anfang schonmal nicht schlecht, sagt er nach nun mehr als einer Woche im Krankenhaus. Vor allem freut er sich aber auf Zuhause. „Meine Familie und meine Freunde wiederzusehen und jeden einzelnen einmal umarmen – das wird großartig.“

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
Zur Autorenseite
Daniel Claeßen

Corona-Newsletter

Alle wichtigen Informationen, die Sie zum Leben in der Corona-Pandemie benötigen, sammeln wir für Sie im kostenlosen Corona-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.