Moisha (14), Jamila (8), Ramona (34) und Elisa (12) Staeubert blicken auf ein "schreckliches Jahr" zurück. Als Familie hat sie das enger zusammen geschweißt, aber an den Rand ihrer Kräfte gebracht. © Kristina Gerstenmaier
Coronavirus

Lüner Familie kämpft mit Folgen der Pandemie: „Fühle mich allein gelassen“

Als Alleinerziehende hat Ramona Staeubert auch während der Pandemie arbeiten müssen. Weil sie krank war, verlor sie ihren Job. Und eine ihrer Töchter hat schulisch komplett abgebaut.

Gesundheitlich geht es den Staeuberts gut. Das Virus hat sie nicht im medizinischen Sinne getroffen. Und trotzdem hat Corona bei ihnen gravierende Folgen hinterlassen.

Ramona Staeubert, alleinerziehende Mutter von drei Mädchen im Alter von acht, zwölf und 14 Jahren, hat während Pandemie ihren Job verloren. Sie sagt: „ Ich habe mich komplett aufgeschmissen und allein gelassen gefühlt. Ich habe Angst, dass mein Kind völlig untergeht.“ Die 34-Jährige befürchtet, dass ihre mittlere Tochter – Elisa – dauerhaft schulisch abgehängt sein könnte. Die Zwölfjährige hat in der Schule so abgebaut, dass sie zum neuen Schuljahr von der Realschule auf eine Hauptschule wechseln soll.

„Im ersten Halbjahr hat sie tatsächlich viel schleifen lassen“, erzählt die Lünerin, aber im zweiten habe sie sich wirklich bemüht. „Es ist schade, dass diese Leistung nicht anerkannt wird. Ich fühle mich allein gelassen“, wiederholt sie, „und zu wenig unterstützt.

Bis zu zwölf Stunden Arbeit

Die Pandemie hatte Ramona Staeubert vor eine immense Herausforderung gestellt. Während die Freizeit- und Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder stark eingeschränkt waren – kein Sport, kaum Möglichkeiten sich mit Freunden zu treffen, keine Vereinsangebote – sah sie sich im Zwiespalt, trotzdem arbeiten zu müssen.

In der Hoffnung auf flexiblere Arbeitszeiten hatte die gelernte Einzelhandelskauffrau irgendwann auf die Reinigungsbranche umgeschwenkt, wie sie sagt. Seit August 2020 war sie bei einem Dortmunder Unternehmen als Reinigungskraft angestellt.

Aus dem Arbeitsvertrag, der der Redaktion vorliegt, geht hervor, dass die wöchentliche Arbeitszeit 30 Stunden pro Woche – ohne Arbeitspausen – beträgt. Als Zeit sei 9 bis 13 Uhr vereinbart worden. Des Weiteren heißt es aber im Vertrag: „Die Verteilung der Arbeitszeit auf einzelne Wochentage und die Festlegung von Beginn und Ende der täglichen Arbeitszeiten richten sich nach den Weisungen des Arbeitgebers. Darüber hinaus geleistete Arbeitsstunden werden als Freizeit vergütet.“

Tatsächlich arbeitete Staeubert, wie sie sagt, regelmäßig durchgehend bis 21 Uhr, ab und zu bis 21.30 Uhr: bis zu zwölf Stunden am Tag. „Hätte ich nicht meinen Vater und meine Nachbarin gehabt, die meine Kinder betreuten, wäre ich total aufgeschmissen gewesen.“ Wenn die nicht konnten, nahm sie die Kinder gelegentlich mit zur Arbeit, um sie nicht zu lange alleine zu lassen.

Während die achtjährige Jamila und die 14-jährige Moischa ganz gut selbst motiviert und eigenständig den Schulstoff absolvieren konnten, blieb Elisa dabei auf der Strecke. „Elisa braucht sehr viel Aufmerksamkeit und immer ein bisschen einen Schubs. Sie ist ein schwieriges Kind, das sehr viel Halt braucht“, beschreibt Staeubert ihre Tochter.

„Wenn ich dann von der Arbeit kam, mussten wir uns jedes Mal erstmal nochmal hinsetzen und für Tests lernen und Hausaufgaben machen. Alles ist an mir alleine hängen geblieben.“ Kurz vor Weihnachten brach sie „wegen der Dauerbelastung“ zu Hause zusammen, war bis 4. Januar krank geschrieben. Auch diese Unterlagen liegen der Redaktion vor.

Motivation ging verloren

Ende Januar 2021 zog Ramona Staeubert dann die Notbremse: „Meine Kinder brauchten mich.“ Sie reichte Urlaub ein. Zeitgleich holte die Realschule Elisa in die Notbetreuung. Es war aufgefallen, dass die Zwölfjährige abgebaut hatte. „Viel zu spät“, kritisiert Staeubert. „Es war schon viel zu viel verpasst. Und eigentlich haben die dort nur gespielt.“ Auch in der darauf folgenden Homeschooling-Phase wurde es nicht besser, obwohl die Mutter jetzt sehen konnte, dass ihre Tochter am Online-Unterricht teilnahm und Aufgaben abschickte. Elisa selbst reagierte aggressiv, frustriert. Die Lust und Motivation zu Lernen seien ihr komplett verloren gegangen.

Zum 1. Februar reichte Ramona Staeubert schließlich einen Krankenschein ein: Sie musste wegen Überbeanspruchung ihres Handgelenks operiert werden. Zwei Mal wurde die Krankschreibung verlängert, zuletzt bis zum 7. April. Am 15. März kam jedoch die Kündigung mit einer Frist von vier Wochen und der Aufforderung sich für die verbleibende Zeit Resturlaub zu nehmen. Eine Erklärung gab es nicht. Aus dem Arbeitsvertrag geht ein Anspruch auf „die Fortzahlung der Arbeitsvergütung bis zur Dauer von sechs Wochen“ hervor. Die waren zum Zeitpunkt der Kündigung abgelaufen. Sie sagt auch: „Das Ganze geht jetzt auch zum Anwalt, da der Urlaub nicht ausgezahlt wurde und Abrechnungen falsch waren, es wurde jeden Monat neu berechnet und immer Geld zurück gebucht.“

Krankengeld bekam sie ab dem 7. April dann keines mehr, und das Amt brauchte seine Zeit, um Arbeitslosengeld zu zahlen. Die Sorge wuchs täglich, wie sie die Miete zahlen soll.

Keine Stellungnahme

Die größte Sorge bereitet ihr aber die Tochter Elisa. Denn auch jetzt, wo Unterricht wieder in Präsenz stattfindet, werde sie nicht aufgefangen und ihr nahegelegt, auf die Hauptschule zu wechseln. „Mein Kind ist untergangen“, sagt sie verzweifelt. „Alleine habe ich es nicht geschafft, sie aufzufangen.“

Birgit Vogt, Leiterin der Realschule Altlünen, die Elisa (noch) besucht, möchte sich zu diesem Fall nicht äußern. „Ich möchte keinerlei Aussage machen, keine Stellungnahme abgeben“, sagt sie. Der Fall solle unter denen besprochen werden, die beteiligt sind.

Über die Autorin
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In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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Kristina Gerstenmaier

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