Lüner pflegt seine Frau in der Corona-Krise: „Die Alten sind eingesperrt“

rnHäusliche Pflege

Der Blick in Corona-Zeiten ist auf Kliniken und Heime gerichtet, die allermeisten Pflegebedürftigen werden aber daheim versorgt. Wie die Lünerin Marianne Schmitz. Eine besondere Herausforderung.

von dpa

Lünen

, 09.04.2020, 10:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Klaus Schmitz wirkt mental stark. Ein positiver Mensch. Mit 79 Jahren versorgt und pflegt er seine Frau Marianne daheim in der Wohnung in Lünen. Sie hat Parkinson, Demenz ist hinzugekommen. Er wäscht sie, kocht für sie, zieht sie an, ist rund um die Uhr verantwortlich.

„Ich bin da reingewachsen, es ist für mich normal“, schildert er. Doch die Corona-Krise und die Kontakt-Beschränkungen treffen ihn stark. Zweimal in der Woche war seine Frau zuvor außer Haus in der Tagespflege, aber die ist nun fast überall dicht in Deutschland.

Statt Radfahren nur noch zum Einkaufen raus

Vor Corona konnte er mal mit dem E-Bike raus, ein bisschen durchs Ruhrgebiet fahren. Als Diabetiker muss er regelmäßig zum Arzt. Jetzt eilt der Senior nur noch kurz zum Einkaufen. Er möchte nicht klagen. „Ich will nicht in ein tiefes Tal fallen.“

Aber: „Ich fühle mich einsam. Meine Frau redet schon seit zwei Jahren nicht. Meine Tochter und Enkel besuchen mich nicht mehr, ein befreundetes Ehepaar auch nicht. Alle weg.“

Der einzige Kontakt ist der Pflegedienst, der sich morgens um seine Frau kümmert. „Man muss die sensiblen Älteren schützen. Aber wir brauchen ein goldenes Mittelmaß. Die Alten dürfen nicht besucht werden, sind eingesperrt - wenn das anhält, ist es wirklich schlimm.“

Birgit Rückert, Leiterin des gleichnamigen ambulanten Dienstes in Lünen, berichtet, was sie beobachtet: „Viele alte Menschen sind krank, depressiv, kommen mit der neuen Lage nicht klar.“ Sie treffe auf verunsicherte, traurige, isolierte Menschen. „Die Älteren weinen viel. Und wir dürfen sie nicht mal mehr in den Arm nehmen.“ Auch ihre Mitarbeiter seien am Anschlag. Von ihren 70 Pflegekräften hatten fünf Kontakt zu einer erkrankten Patientin, gingen in Quarantäne.

Viele werden zu Hause gepflegt

„Wenn es uns Ambulante nicht gäbe, würde das ganze System zusammenbrechen“, betont Rückert. Denn die allermeisten Menschen werden daheim betreut. Von Pflegekräften und Angehörigen. Für 2020 sei von rund 4,3 Millionen Pflegebedürftigen auszugehen, schätzt der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP). Mehr als drei Millionen - etwa drei Viertel - leben zuhause, sehr oft versorgt von Angehörigen. Und zu etwa 1,2 Millionen Pflegebedürftigen kommen Fachkräfte der ambulanten Dienste nach Hause, wie VHBP-Geschäftsführer Frederic Seebohm erläutert.

Dann sind da - noch - 300.000 Betreuungspersonen aus Osteuropa, oft Polinnen, die sich tagtäglich kümmern und in den Haushalten wohnen. „Beklemmend daran ist: Sie sind zu 90 Prozent illegal tätig und trotzdem faktisch eine Säule der Versorgung alter Menschen in Deutschland“, sagt Seebohm. Nach Ostern werde ein Großteil wegen Corona bis auf Weiteres nicht aus der Heimat zurückkehren. „Die Politik befindet sich in einer Zwickmühle: Sie kann nicht 270 000 Betreuungspersonen sagen, dass sie illegal hier sind und sie zugleich bitten, zu bleiben oder wiederzukommen.“

Betreuer aus Osteuropa werden fehlen

Bis zu 200.000 Betreuungspersonen aus Osteuropa werden schrittweise fehlen, vermutet Seebohm. „Entweder fangen das die Familien selbst auf, was aber nicht als Dauerlösung zu schaffen sein wird. Oder die Versorgung wird nicht mehr sichergestellt.“

In der Krise werde der ambulante Bereich stiefmütterlich wahrgenommen, findet Christoph Treiß vom NRW-Verband freie ambulante Krankenpflege. „Wir versorgen die alten, multimorbiden Menschen, die besonders anfällig sind für die Infektion.“ Allein in NRW gut 190 000 Senioren Tag für Tag. „Aber wir haben fast keine Schutzkleidung. Wir könnten vor dem Dilemma stehen: Müssen wir uns selbst schützen, müssen wir die Versorgung einstellen? Wer soll sich dann um die alten Menschen kümmern?“ Der Höhepunkt der Pandemie ist laut Experten in Deutschland noch nicht erreicht.

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