Zwei Lüner hoffen auf Spenderherzen: Leben in der Warteschleife

rnPumpen im Brustkorb

Ihre Herzen haben kaum noch Kraft. Zwei Lüner sind auf zusätzliche Pumpen angewiesen. Technik, die sie am Leben hält. Beide hoffen auf ein Spenderherz. Es ist ein Leben in der Warteschleife.

Lünen

, 24.06.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für Rolf W. war schon alles vorbereitet. Drei Monate lag er im Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen, nur im Bett. „Tag und Nacht bekam ich Infusionen“, erinnert sich Rolf W. Seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen und auch kein Foto veröffentlicht sehen. Alles sollte passen, wenn das neue Herz kommt.

Was kam, war Enttäuschung. „Meine Blutgruppe 0, Rhesus negativ, war die verkehrte.“ Es gab ein Herz, aber nicht für Rolf W. Das war vor zwei Jahren. Seitdem hofft er auf eine neue Chance. Sein Handy hat er immer dabei. Falls plötzlich ein Spenderherz für ihn gefunden wird. Den Anruf will er nicht verpassen.

Lange Leidenszeit

Der 63-Jährige hat eine lange Leidenszeit hinter sich. Er erkrankte an Leukämie, machte eine Stammzellen-Therapie, bekam den ersten Schlaganfall, zwei neue Hüften und später einen Hinterwand-Infarkt. Nach Stents und vier Bypässen kam ein kleiner Schlaganfall dazu. Da hatte das Herz längst abgebaut.

Rolf W. bekam keine Luft mehr. Sein Herz war so schwach, dass die Organe kaum noch durchblutet wurden. Weil es kein Spenderorgan für ihn gab, konnte ihm nur noch ein Herzunterstützungssystem helfen.

Unterstützung mit Pumpe und Mini-Computer

Dabei wurden ihm vor zwei Jahren zwei Pumpen in den Brustkorb implantiert. Sie sind mit dem Herzen und über ein Kabel, das seitlich am Bauch aus dem Körper kommt, mit einem Mini-Computer verbunden. Das drei Kilogramm schwere Gerät muss Rolf W. in einer Tasche immer bei sich tragen. Auch nachts. Die Technik läuft per Akku oder Strom. „Das System hält mich am Leben.“

Information

1096 Patienten auf der Warteliste

  • Die Stiftung Eurotransplant verwaltet die Vergabe von Spenderorganen in acht europäischen Ländern, auch in Deutschland.
  • Unterschiedliche Faktoren entscheiden, ob ein Patient ein Spenderherz bekommt. Dazu zählen unter anderem Dringlichkeit, Blutgruppe, Größe des Organs oder der Gewebetyp.
  • Aktuell stehen laut Eurotransplant 1096 Patienten in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderherz, davon 172 in Nordrhein-Westfalen.

So ist es auch bei Christine Schugat. Nach einem schweren Herzinfarkt kam sie in die Kardiologie des St.-Marien-Hospitals. Die Kardiologie hat sich als erste Herzinsuffiziens-Schwerpunktklinik im Ruhrgebiet zertifiziert und arbeitet mit dem Westdeutschen Herzzentrum der Universitätsklinik in Essen zusammen. Hier wurde Christine Schugat das Herzunterstützungssystem eingesetzt.

„Musste mich an das Pumpgeräusch gewöhnen“

Als die 58-Jährige ihre weinende Töchter am Bett sah, beschloss sie, nicht aufzugeben. Seit einem halben Jahr trägt sie nun den Mini-Computer bei sich. „Nachts muss man sich an das Pumpgeräusch gewöhnen.“ Ihre Notfalltasche ist immer gepackt. Damit sie sofort in die Klinik kann, wenn mal etwas passiert. Christine Schugat will nicht viel darüber nachdenken. „Alt wird mit man mit dem Gerät nicht.“

Mehr Lebensqualität durch ein Spenderherz

Dr. Ingo Wickenbrock, Leitender Oberarzt der Kardiologie am St.-Marien-Hospital, spricht von durchschnittlich vier bis sechs Jahren, die man mit Herzunterstützung leben kann. Das Problem sei einerseits die Infektionsgefahr an der Stelle, an der das Kabel aus dem Körper tritt. Es könne aber auch zu Komplikationen durch die Blutverdünnung kommen. Ein Spenderherz würde die Lebensqualität deutlich erhöhen. „Man kann wieder normal leben“. Im Durchschnitt steige die Lebenserwartung durch ein neues Herz um 15 Jahre.

Es gibt eine Warteliste

Während Rolf W. seit Jahren schon auf der Warteliste der Stiftung Eurotransplant steht, will Christine Schugat diesen Schritt noch gehen. Denn dann muss sie zur Voruntersuchung wieder in die Klinik. „Letztes Jahr habe ich so viel verpasst, Hochzeit und Geburtstage, da habe ich den Krankenhausaufenthalt noch hinausgeschoben.“

Inzwischen hat die 58-Jährige einen Mischlingshund aus dem Tierheim. „Der tut mir gut. Dreimal am Tag gehe ich mit ihm spazieren.“ Sie weiß aber auch: Wenn sie ein Spenderherz bekommt, muss sie den Hund abgeben. Er bleibt dann aber in der weiteren Familie.

Der Hund bedeutet ein Risiko

Für Christine Schugat wäre das Tier nach einer Transplantation zu risikoreich. Denn dann wird ihr Immunsystem mit Medikamenten heruntergefahren, weil sich der Körper gegen ein fremdes Organ wehrt. Deshalb muss sie auf alles verzichten, was Krankheiten auslösen kann.

Christine Schugat und Rolf W. haben sich durch eine Berichterstattung in den Ruhr Nachrichten kennengelernt. Vorher hatten sie nicht gewusst, dass sie mit den gleichen Unterstützungssystemen in derselben Stadt leben. „Wir haben die gleichen Sorgen, aber andere Vorgeschichten“, sagt Rolf W.

Betroffene bauen sich gegenseitig auf

Der Austausch tut ihm gut. Es gebe doch Dinge, die man mit Betroffenen besser besprechen könne. „Wir bauen uns gegenseitig auf.“ Manchmal allerdings, müssten sie kurzfristig Treffen absagen. Herzkranke könnten nie vorhersagen, wie es ihnen geht. Es sei ein ständiges Auf und Ab.

Kreuzfahrt nach Norwegen

Die Familie ist für Rolf W. das Wichtigste. Seine Frau und seine Tochter haben eigens einen Lehrgang zum Umgang mit Herzunterstützungssystemen absolviert. Erst kürzlich hat der 63-Jährige mit Frau und Enkeltochter eine Kreuzfahrt nach Norwegen unternommen. „Ich möchte noch sehen, wie meine Enklein groß wird“, hat er sich vorgenommen.

Immer mit Herzunterunterstützung

In den Urlaub hat sich Christine Schugat mit ihrem Herzunterstützungssystem noch nicht getraut. Sie will es erstmal mit einem langen Wochenende auf Juist versuchen. „Raus aus dem Alltag. Mal abschalten.“ Das Herzunterstützungssystem allerdings muss sie immer dabei haben. Tag und Nacht.

Das Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen, ist nach eigenen Angaben das größte Herztransplantationszentrum in Europa. im vergangegen Jahr wurden dort 81 Herztransplantationen durchgeführt. Über 100 Herzunterstützungssysteme wurden implantiert.
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