Lüner Verein hilft Wohnungslosen seit 20 Jahren

"Dach über dem Kopf"

20 Jahre Unterstützung für wohnungslose Menschen in Lünen: Der Verein "Dach über dem Kopf" lädt für Samstag, 20. August, von 11 bis 15 Uhr zum Tag der offenen Tür in der Übernachtungsstelle, Auf dem Ringe 5, ein. Über die Geschichte, die Probleme und die Zukunft des Vereins sprachen wir mit dem Vorsitzenden Ulrich Klink.

LÜNEN

, 19.08.2016, 04:42 Uhr / Lesedauer: 3 min
Lüner Verein hilft Wohnungslosen seit 20 Jahren

Eines der Zimmer, in denen die Wohnungslosen übernachten.

Wie hat alles angefangen? Auslöser war, das 1995 ein wohnungsloser Mensch im Winter erfroren ist. Daraufhin hat die damalige Bürgermeisterin Christina Dörr-Schmidt einen runden Tisch mit vielen Akteuren organisiert. Darunter waren auch die Mitarbeiter der Beratungsstelle des Diakonischen Werks für Wohnungslose. Zusammen haben wir überlegt, was erforderlich ist – eine Wärmestube mit Suppenküche oder eine Übernachtungsstelle.

Gab es denn gar keine Aufenthaltsmöglichkeit für Wohnungslose in Lünen? Es gab auf dem Ringe eine Übernachtungsmöglichkeit für Wohnungslose, aber auf miserablem Niveau. Da wollte kaum jemand hin.

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Rundgang durch die Übernachtungsstelle für Obdachlose

Seit 20 Jahren unterstützt der Verein "Dach über dem Kopf" obdachlose Menschen in Lünen. Für Samstag (20. August) laden die Organisatoren zu einem Tag der Offenen Tür ein. Wir haben uns in der Einrichtung schon einmal umgeschaut.
18.08.2016
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Vorsitzender Ulrich Klink vor dem Eingang zur Übernachtungsstelle für Wohnungslose. Er hält das neue Spendenhaus in Händen, das im Harz gebaut wurde.© Foto: Beate Rottgardt
Ulrich Klink im Aufenthaltsraum für die Hausmeister der Übernachtungsstelle. Die Sessel und Tische sind eine Sachspende des Hotels am Stadtpark.© Foto: Beate Rottgardt
Die Küche der Hausmeister in der Übernachtungsstelle.© Foto: Beate Rottgardt
Ulrich Klink in der Küche für die wohnungslosen Übernachtungsgäste.© Foto: Beate Rottgardt
So sieht der Gemeinschaftsraum für die wohnungslosen Übernachtungsgäste aus.© Foto: Beate Rottgardt
Eines der Zimmer, in denen die Wohnungslosen übernachten.© Foto: Beate Rottgardt
Natürlich gibt es in dem Haus einige Regeln, die eingehalten werden müssen.© Foto: Beate Rottgardt
Vorstand und engagierte Mitglieder von "Dach über dem Kopf" bereiten den "Tag der offenen Tür" vor.© Foto: Beate Rottgardt
Vier der Gründungsmitglieder: Christina Dörr-Schmidt, Heinz Zitas, Marianne Strauch und Ulrich Klink.© Foto: Beate Rottgardt
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Wie ging es dann weiter? Wir entschieden uns für eine vernünftige Übernachtungsstelle und informierten uns, welche Standards sie haben sollte. Die Leute von der Beratungsstelle machten uns klar, dass eine Unterbringung mehrerer Männer in einem Zimmer Konflikte schaffen würde, deshalb sollten es Zimmer für jeweils eine Person sein. Gut wäre ein Aufenthaltsraum und eine kleine Kochgelegenheit – die Männer sollten nicht versorgt werden, aber die Möglichkeit haben, sich selbst was zu kochen. Wir haben uns verschiedene Einrichtungen in Köln, Münster und Essen angesehen und so unser eigenes Konzept für Lünen entwickelt. Das einzige Kriterium, das wir bis heute nicht geschafft haben, ist die Citynähe.

Warum wurde nicht an ein Wohnheim gedacht? Den Betroffenen sollte bewusst sein, dass sie wohnungslos sind, auch um einen Antrieb zu erhalten, sich um eine eigene Wohnung zu bemühen. Deshalb wird die Übernachtungsstelle um 19 Uhr geöffnet und die Männer müssen am anderen Morgen um 9 Uhr wieder gehen. Sie sind hier nicht gemeldet, weil es keine Unterkunft ist.

Warum entschied sich der runde Tisch dann für die Vereinsgründung? Wir haben überlegt, wie die Trägerschaft aussehen soll und in welcher Rechtsform, da wurde schnell klar, dass wir einen Verein gründen und haben das auch im April 1996 getan. Und schon im Dezember 1996 haben wir die Übernachtungsstelle auf dem Ringe 5 eröffnet. Es ist ein Haus des Bauvereins, das von der Stadt gemietet und dem Verein kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.

Gab es denn mal eine Suppenküche? Die Gründungs- und Beratungsphase lief natürlich nicht konfliktfrei, es gab die Diskussion, ob wir eine Suppenküche einrichten. Wir haben es in St. Marien und im Paul-Gerhardt-Haus Lünen-Süd versucht. Das hat sich aber nicht bewährt, weil Leute kamen, die nicht mehr zu unserer Zielgruppe gehörten. Es gab auch viele Diskussionen um die sozial-pädagogische Grundhaltung, einmal von der katholischen Caritas geprägt, die die Betroffenen betreuen und versorgen wollte. Und dann die eher protestantische Grundhaltung, die auch die Eigenverantwortung der Betroffenen fördern wollte.

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Die Wohnungslosen werden ja in der Übernachtungsstelle nicht sich selbst überlassen? Nein, wir haben immer Hausmeister gehabt. Am Anfang hatten wir drei ABM-Kräfte der Arbeiterwohlfahrt, deshalb klappte es auch so schnell. Heute haben wir zwei Hausmeister in Vollzeitbeschäftigung, eine Hilfskraft und eine geringfügig beschäftigte Verwaltungskraft.

Musste am Gebäude viel gemacht werden? Ja, der damalige Erste Beigeordnete Reinhard Rethmann zeigte sich kooperativ bei der Suche nach geeignetem Wohnraum. Auf dem Ringe gab es Leerstand, da musste aber einiges gemacht werden. Die Heizung, die Fußböden, Anstrich, Sanitäranlagen. Es sollte ein schlichtes, aber funktionierendes Niveau haben. Das klappte in Zusammenarbeit von Bauverein und Stadt in einem sagenhaft kurzen Zeitraum.

Haben sich die Wohnungslosen im Laufe der 20 Jahren verändert? Den klassischen Tippelbruder gibt es nicht mehr. Im Durchschnitt sind die Betroffenen auch viel jünger als früher und auch die Zahl der Betroffenen mit osteuropäischem Migrationshintergrund ist deutlich gestiegen. Es gibt eine Dunkelziffer und zur Beratungsstelle kommen auch viel mehr Leute als zu uns. Einige schlüpfen auch bei Verwandten und Freunden unter, andere bleiben lieber auf der Straße. Je kleiner die Kommune ist, desto weniger Wohnungslose gibt es, weil sie da weniger in die Anonymität rutschen können.

Wie wichtig ist bei „Dach über dem Kopf“ die Mitgliederzahl? Die Handlungsfähigkeit des Vereins ist nicht durch eine große Mitgliederzahl sondern durch das hohe Engagement des erweiterten Vorstands und die hohe Akzeptanz des Vereins in der Stadt geprägt. Letzteres wird durch das hohe Spendenaufkommen dokumentiert. Und da gibt es viele fantasievolle Ideen. So kamen bei einem Casino-Abend der Rotarier 9000 Euro für uns zusammen, andere Leute wünschen sich zu runden Geburtstagen Spenden für den Verein oder auch bei Firmenjubiläen oder Beerdigungen kommen Spenden für „Dach über dem Kopf“ zusammen.

Aber der Verein ist auch selbst kreativ? Allerdings, so gab es dieses Jahr „Lyrik und Linsensuppe“ zum 10. Mal, wir organisieren Waffelstände und haben immer wieder Aktionen, mit denen wir auf uns aufmerksam machen. Es ist vorzeigbar, was der Verein auf die Beine stellt.

Glauben Sie, dass der Verein irgendwann überflüssig wird? Ich schreibe jedes Jahr in meinen Jahresbericht, der schönste Erfolg wäre, wenn sich der Verein auflösen könnte. Aber das ist nicht zu erwarten. Es sei denn, die Stadt Lünen sagt – aus welchem Grunde auch immer – dass sie diese Aufgabe wieder selbst übernehmen will.

Der Gründungsvorstand bestand aus Pfarrer Klaus Hageböck (1. Vorsitzender), Pfarrer Ulrich Klink (2. Vorsitzender), Christina Dörr-Schmidt (Schriftführerin), Peter Reßler (1. Kassierer) und Dieter God (2. Kassierer).
Ulrich Klink übernahm nach dem Wegzug von Pfarrer Hageböck das Amt des 1. Vorsitzenden, das er bis heute inne hat. Der Verein hat derzeit 45 Mitglieder.
Nach einigen Satzungsänderungen ist der Vorstand heute größer. Neben Klink gehören dazu: 2. Vorsitzender Günter Klencz, Schriftführerin Isabell Schneider, 2. Schriftführerin Daniela Blome, 1. Kassiererin Christa Stich und 2. Kassiererin Anja Berchem.
Die Übernachtungsstelle hat zehn Zimmer. Als viele syrische Flüchtlinge wohnungslos waren, rückte man enger zusammen, sodass bis zu 20 Männer übernachten konnten.
Der Verein ist für seine Arbeit auf Spenden angewiesen. Spendenkonto bei der Sparkasse Lünen:
IBAN DE 19 4415 2370 0002 2000 20

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