Eine Seniorin aus Lünen erhielt nun einen Betrugsanruf, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. © picture alliance/dpa
Betrugswelle

Lünerin (89) erhielt Schockanruf: „Ich habe nur noch laut geschrien“

Es ist eine ganz miese Masche: Die Polizei warnt aktuell vor Betrugsanrufen im Raum Dortmund und Lünen. Die Täter spielen dabei skrupellos mit den Urängsten der Opfer. Eine Frau berichtet.

Gertrud D.* (*Name von der Redaktion geändert) ist noch immer geschockt. Denn vor einer Woche klingelte ihr Telefon. Und was die 89-jährige Dame aus Lünen-Süd am anderen Ende der Leitung zu hören bekam, war ein absoluter Albtraum. Auch mit einer Woche Abstand wühlt das Erlebte sie auf. Wenn das Telefon klingelt, ist ihr mulmig. Um in den Schlaf zu finden, nimmt sie derzeit leichte Medikamente ein. Und alles nur, weil skrupellose Menschen eine schnelle Mark machen wollten. Aber der Reihe nach.

Als wir mit Gertrud D. telefonieren ist schnell klar: Die Dame ist absolut fit. Geistig, wie technisch. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters besitzt sie ein iPhone, liest die Tageszeitung auf ihrem iPad, ist überaus höflich, aufgeschlossen, eloquent, gedanklich blitzschnell – alles in allem also eine rundum angenehme Gesprächspartnerin. Und Gertrud D. ist gewieft. Oder sie hat schlicht dazu gelernt.

Jedenfalls fragt sie am Telefon nach einem gemeinsamen Bekannten, der ebenfalls für dieses Medienhaus arbeitet. Erst als wir ihr den Namen nennen, weiß sie zweifelsfrei: Der Anrufer ist wirklich Journalist. Also nimmt sie sich gerne Zeit und erzählt uns ihre gruselige Geschichte.

Junge Frau meldet sich mit unterdrückter Rufnummer

Es ist ein Donnerstag, als plötzlich das Telefon klingelt. Im Display erscheint nichts, die Rufnummer ist unterdrückt. Gertrud D. geht ran. Am anderen Ende der Leitung spricht eine junge Frau. Gertrud D. schätzt ihre Stimme auf 30 bis 35 Jahre. Und was die Senioren dann von der Frau erzählt bekommt, lässt ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Die Frau behauptet, sie sei von der Polizei. Ihre Tochter habe einen schweren Autounfall gehabt. Gertrud D. ist perplex, entgegnet aber, dass das nicht sein könne. Ihre Tochter sei schließlich in der Nähe. Die Anruferin korrigiert sich: „Entschuldigung, ich habe ihre Schwiegertochter gemeint.“ Aber die lebe doch mit Gertrud D.‘s Sohn in der Schweiz, entgegnet die Seniorin. „Ja, genau“, sagt die Anruferin – und springt auf die Aussage der Seniorin an. „An der Stelle habe ich mich verraten“, ist Gertrud D. heute klar.

Die Anruferin fährt fort: D.‘s Schwiegertochter habe einen schweren Autounfall verursacht. Ein anderer Verkehrsteilnehmer sei gestorben. Eine Horror-Nachricht. „Ich konnte überhaupt nicht mehr denken. Ich habe nur noch laut geschrien“, erinnert sich Gertrud D.

Als sie sich wieder halbwegs gesammelt hat, stellt D. die entscheidende Frage: „Sind meine Schwiegertochter und mein Sohn verletzt?“ Nein, ihnen gehe es gut, versichert die Anruferin. Doch plötzlich reicht die vermeintliche Polizistin den Hörer weiter, Gertrud D. spricht nun mit einer angeblichen Kollegin. Und plötzlich heißt es doch, dass Gertrud D.‘s Sohn verletzt im Krankenhaus liege.

„Wie kann das sein? Sie haben doch gerade gesagt, es gehe ihm gut“, sagt D. ob dieser Ungereimtheit. Und dann kommt Polizistin Nummer zwei zu dem eigentlichen Grund ihres Anrufes: Wenn nicht jemand schnell eine nicht unerhebliche Kautionssumme bezahle, müsse die Schwiegertochter für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Dieser Jemand soll Gertrud D. sein.

„Plötzlich hat mein Gehirn wieder gearbeitet“

Es ist dieser Moment, in dem Gertrud D. zum Glück realisiert, dass etwas faul ist. Schließlich habe sie schon oft von solchen Maschen in der Zeitung gelesen, erklärt D. im Gespräch mit dieser Redaktion: „Plötzlich hat mein Gehirn wieder gearbeitet.“

Gertrud D. sagt, dass sie das Geld beschaffen wolle und bittet die anonyme Anruferin um eine Nummer, unter der sie zurückrufen kann. Die vermeintliche Polizistin nennt ihr eine Nummer. „Da habe ich gleich gesehen, dass das keine Schweizer Vorwahl ist“, so. D. Also greift die Seniorin wieder zum Hörer, doch sie wählt nur drei Ziffern: 110.

Noch immer aufgelöst berichtet D. nun einer echten Polizistin von der Geschichte. „Die Dame wahr so liebenswürdig. Sie hat sofort zu mir gesagt: ,Machen Sie sich keine Sorgen, ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter geht es gut‘“, schildert Gertrud D. Es sind Worte, die wie eine Erlösung geklungen haben müssen.

Gertrud D. ist kein Einzelfall. Derzeit mehren sich solche Betrugsversuche in Dortmund und Lünen. Und nicht immer gehen sie so glimpflich aus. Die Polizei warnt deshalb aktuell eindringlich vor solchen Betrugsmaschen und versucht, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren.

Noch am Morgen mit dem Sohn geschrieben

Besonders perfide: Noch am Morgen des Anrufs hatte Gertrud P. mit ihrem Sohn über den Messaging-Dienst Telegram geschrieben. In dem Chat erklärte ihr Sohn, dass er und seine Frau sich heute mit dem Auto auf den Weg nach München machen, um ihre Söhne zu besuchen. Ein Zufall?

Gertrud D. glaubt nicht daran. „Irgendwie wurde ich wahrscheinlich ausspioniert“, so die 89-Jährige. Und noch etwas macht der Senioren zu schaffen: „Die Anruferinnen waren zwei junge Frauen – und nicht etwa Jugendliche, die sich einen schlechten Scherz erlauben.“

Zum Glück haben sie sich an Gertrud D. die Zähne ausgebissen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch zukünftige Opfer so geistesgegenwärtig sind. Und, dass Gertrud D. bald wieder ruhig in den Schlaf findet. Und zwar ganz ohne Medikamente.

Über den Autor
2014 als Praktikant in der Sportredaktion erstmals für Lensing Media aufgelaufen – und als Redaktionsassistent Spielpraxis gesammelt. Im Oktober 2017 ablösefrei ins Volontariat gewechselt und im Anschluss als Stammspieler in die Mantel-Redaktion transferiert. 2021 dann das Comeback im Sport, bespielt hauptsächlich den Kreis Unna.
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Marc-André Landsiedel

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