Manche Kinder brauchen etwas mehr Zeit zum Lernen - und etwas Hilfestellung von Profis

rnInklusion in Lüner Schule

Das Thema Inklusion gestaltet sich nach wie vor schwierig. Es gibt sowohl Kritik dazu als auch Positiv-Beispiele. Eine Lüner Schülerin nutze die Chance einer dreijährigen Schuleingangsphase.

Lünen

, 09.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Seit zehn Jahren sollen Kinder mit einer Beeinträchtigung zusammen mit nicht beeinträchtigten Kindern in Schulen unterrichtet werden. Eine Viertklässlerin an der Osterfeldschule hat die dreijährige Schuleingangsphase genutzt. Nach eineinhalb Jahren ging sie zurück in die erste Klasse, da sie Schwierigkeiten hatte, Aufgaben selbstständig zu lösen. Besonders Mathe bereitete ihr Probleme. Mit der Unterstützung der Sonderpädagogischen Fachkraft und einer zusätzlichen Nachhilfe, bewältigte sie den geforderten Stoff.

„Mittlerweile hat unsere Tochter Spaß an den Übungsaufgaben, sodass wir sie manchmal daran erinnern müssen, dass wir noch etwas anderes vor haben“, erzählt ihre Mutter. Die baldige Hauptschülerin konnte sich früher nicht lange auf eine Aufgabe konzentrieren. Inzwischen fiele ihr dies deutlich leichter. Auch aus ihren Beurteilungszeugnissen gehe hervor, dass sich die Zehnjährige gemacht hat.

„Die Lernschwäche hat sich schon relativiert und irgendwann wird es niemanden mehr interessieren, ob unser Kind etwas länger gebraucht hat“, ist sich die 43-jährige Lünerin sicher. Die Familie wollte ihren Namen nicht veröffentlicht wissen.

Grundsätzlich ist Inklusion eine gute Idee

Iris Lüken, Schulleiterin der Lüner Osterfeld-Grundschule, hält Inklusion für eine grundsätzlich gute Idee. Leider hapere es an der Umsetzung.

Bis vor rund fünf Jahren gab es noch die Förderschulen für Lernen. Seit diese geschlossen wurde, sind diese Kinder auf die umliegenden Grundschulen verteilt worden. „Das bedeutet seitdem mehr Aufwand in Form von Personal und Zeit für die Schulen, da diese besonderen Kinder eine andere Art von Unterricht brauchen“, erklärt die Schulleiterin. Während die lernstarken Kinder eigenverantwortlich Aufgaben lösen, würden die lernschwachen Kinder permanente Anleitung benötigen.

Um diesen Kindern dauerhafte Hilfestellungen zu geben, müssten laut Schulleitung in einer Klasse zwei Erwachsene Personen anwesend sein. Das bedeute, zu der Lehrerin geselle sich momentan eine sozialpädagogische Fachkraft dazu. Außerdem seien die Klassenstärken auf 20 Kinder pro Klasse begrenzt worden. Eine weitere Maßnahme, die helfen soll leistungsschwache Kinder zu fördern, seien Sonderpädagogen. Sie erstellen Förderpläne mit angepassten Aufgaben.

Das Problem sei: je mehr lernschwache Kinder in einer Klasse sind, desto weniger könne einzelnen Kindern geholfen werden. „Momentan sind rund sechs lernbeeinträchtigte Kinder in jeder Klasse. Für diese Situation gibt es generell zu wenig Personal“, erzählt Iris Lüken.

Manche Kinder brauchen etwas mehr Zeit zum Lernen - und etwas Hilfestellung von Profis

Iris Lüken ist Schulleiterin an der Osterfeldschule. Sie findet Inklusion super, nur die Umsetzung noch nicht. © Schulz-Gahmen

Die Schulleiterin sieht jedoch noch eine weitere Schwierigkeit. Kinder mit Lernschwäche kämen mit Kindern, die emotionale und soziale Schwierigkeiten haben, zusammen. Dadurch würden die lernschwachen Kinder zusätzlich verunsichert.

Weitere Förderungsmaßnahmen sind das Drehtürmodell und die drei-jährige Schuleingangsphase. Bedeutet im Einzelnen: bei Überforderung durch den alltäglichen Schulstoff, kann dieser in mehr Zeit absolviert werden und bei Bedarf auch in einzelnen Fächern in einer niedrigeren Klassenstufe.

Iris Lüken ist Mutter einer mittlerweile 20-jährigen Tochter. Diese hat eine geistige Behinderung. Für die Schulleiterin kam es nicht in Frage, dass ihre Tochter auf eine reguläre Schule geht. „Meine persönliche Entscheidung war es, meine Tochter auf eine Förderschule zu geben. Dort war sie besser aufgehoben“, erzählt sie.

Wenn sie sich etwas wünschen dürfe, bezüglich der Inklusion, dann wären es noch kleinere Klassenstärken bei zeitgleich höheren personellen Ressourcen.

Präventive Förderung und attestierter Förderbedarf

Melina Heinze (33) ist Sonderpädagogische Fachkraft an der Osterfeldschule in Lünen. Sie betreut seit sieben Jahren Kinder am Standort Bismarkstraße. Die Grundschullehrerin habe damals die Zusatz-Qualifikation aufgrund von Lehrerüberschuss gemacht.

Im Grunde gebe es zwei Formen der Förderung. Präventiv würden lernschwache Kinder gefördert und im „normalen“ Unterricht durch Sonderpädagogische Fachkräfte unterstützt. Dies erfolgt in den Klassen eins und zwei. Wenn Kinder drei Jahre für die beiden ersten Schuljahre brauchen, folge meist ein Test. Wird ein Sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert, bekommen diese Kinder dann eigene Lernpläne mit individuellen Aufgaben.

„Das bedeutet, wenn ein Kind beispielsweise Probleme hat bis 1 Million zu rechnen, wird mit diesem Kind nur bis 100 gerechnet. Es lernt in seinem Tempo mit angepassten Aufgaben“, erklärt Melina Heinze.
Momentan seien noch zu wenige Kräfte im Einsatz. Lernschwache Kinder müssten noch immer häufig eigenständig lernen, obwohl sie es nicht könnten. Auch würden viele Schüler den Status des Förderbedarfs mit an die weiterführenden Schulen nehmen.

Manche Kinder brauchen etwas mehr Zeit zum Lernen - und etwas Hilfestellung von Profis

Melina Heinze ist Sonderpädagogische Fachkraft an der Osterfeldschule. Sie gibt lernschwachen Kindern Hilfestellung in den Klassen. © Schulz-Gahmen

Zur Zeit ist die 33-Jährige rund drei Stunden in jeder Klasse. In der vierten Klasse bestehe momentan ein Bedarf von sechs Stunden pro Woche. Dass nun viele Förderstunden aufgrund von Lehrermangel ausfallen, hätte die Sonderpädagogische Fachkraft vor rund sieben Jahren wohl nicht erwartet. Denn ironischerweise erwarb sie damals die Zusatz-Qualifikation, weil es zu viele Lehrer gab.

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