Bundestagswahl 2021

Martin Kesztyüs (Grüne) wird für seine politischen Ziele zur Rampensau

Im Wahlkreis Unna II bewerben sich für die Bundestagswahl am 26. September sechs Kandidaten für das Direktmandat. Wir porträtieren sie. Heute: Martin Kesztyüs (Bündnis 90/ Die Grünen).

„Hier habe ich letztens einen Hasen vorm Ertrinken gerettet!“, sagt er ganz beiläufig, mitten im Gespräch. „Wenn man in den Kanal fällt, kommt man nicht so schnell wieder raus. Erst recht nicht als Hase.“ Dann macht er vor, wie er sich an den Rand des Kanals auf den Bauch gelegt hat, um das Tier im Wasser zu erreichen. Er setzt ein breites Lächeln auf.

Freizeit, Alltag, politische Ziele: Schwerpunkt ist Natur und Klima

Martin Kesztyüs schlendert an diesem Nachmittag ganz entspannt über den Schotterweg zwischen Lippe und Kanal in Hamm. Nicht in Anzug, Hemd und Krawatte, wie man es von einem Politiker erwarten könnte, der als Direktkandidat für die Grünen in den Bundestag einziehen will, sondern in Jeans, Poloshirt und Sneakern.

Es ist seine Joggingstrecke und sein Lieblingsplatz, um in der Freizeit Fotos zu machen. Erst kürzlich habe er sich eine neue Kamera zugelegt, verrät er. Wie viel er dafür ausgegeben hat? „Zu viel. Obwohl das schon ein Schnäppchen war.“ Er lacht.

Am Lippeufer muss er einen Slalom zwischen Schwanenkot absolvieren, wo er sich eigentlich zum Interview hinsetzen wollte: „Das hab ich beim Fotografieren der Schwäne im Wasser natürlich nicht gesehen.“ Er lacht wieder. Ein paar Meter setzt er sich dann ins Gras – ohne Kot, aber mit Ameisen. Egal.

Die Natur ist nicht nur ein Kernpunkt in der Freizeitgestaltung des gebürtigen Göttingers, sondern bestimmt auch seinen Alltag und seine politischen Ziele: „Ich habe kein Auto, bin ziemlich lange nicht geflogen, versuche weniger Fleisch zu essen und bin eigentlich immer im Austausch und auf der Suche nach Dingen, die man für mehr Klimaschutz umsetzen kann.“

In die Politik so „reingerutscht“

Für mehr Klimaschutz will der 41-Jährige nach Berlin. Sein absolutes Hauptziel ist, die Klimakrise zu begrenzen: „Das ist einfach unserer Aufgabe unserer Zeit. Wenn wir das nicht tun, werden wir eine andere Welt vor uns haben und unsere Kinder werden eine andere Welt vor sich haben.“

In die Politik zu gehen, war aber nicht geplant. Er ist da so „reingerutscht“ und hat nie mehr aufgehört. „Das zieht sich durch mein Leben: Ich lasse alles auf mich zukommen und dann ziehe ich es auch durch. Ein spontaner Typ bin ich aber auch nicht. Ich überlege genau, was ich tue.“

2010 war der Startschuss für die politische Karriere: Er nahm 2010 an einer Massenverfassungsbeschwerde gegen die EU-Vorratsdatenspeicherung teil und trat in die Piratenpartei ein. „Trotz aller Kritik, dass es verfassungswidrig ist, haben sie die Vorratsdatenspeicherung durchgesetzt. Das hat mich so geärgert.“ Der Schutz von Persönlichkeitsrechten und Datenschutz in der digitalen Welt ist für Martin Kesztyüs besonders wichtig.

2012 trat Kesztyüs für die Piraten als Direktkandidat für den Landtag an und wurde 2014 in den Hammer Stadtrat gewählt. 2017 trat er bei der Bundestagswahl als Direktkandidat für die Piraten an und holte 1.871 Stimmen (1,1%). Ein Jahr später wechselte er zu den Grünen: „Ich will etwas bewirken. Mit den Piraten hat das so nicht geklappt.“

Engagement für Flüchtlingshilfe: „Gerade jetzt ist es hart“

Sozial- und Flüchtlingspolitik ist für den stellvertetenden Bezirksbürgermeister und Bezirksfraktionsvorsitzenden der Grünen in Herringen ebenfalls eine Herzensangelegenheit, nicht zuletzt wegen seiner eigenen Biografie: Sein Vater floh wegen der Revolution im Jahr 1956 von Ungarn nach Deutschland. Beruflich engagiert sich der Diplomjurist seit 2015 für die Flüchtlingshilfe in Hamm, bis 2020 als Vorsitzender, jetzt als Projektleiter.

Im Zuge dessen hat er Kontakt zu Afghanen, die noch Verwandte dort haben, wo nun die Taliban an der Macht sind – wo die Nachrichten und Bilder herkommen, die die ganze Welt erschüttern „Gerade jetzt ist es hart. Man versucht zu helfen. Fühlt sich unzureichend. Hat das Gefühl, nicht genug zu tun.“

Dann kehrt sein Lächeln zögerlich zurück: „Die Kraft für die Flüchtlingshilfe ziehe ich aus super schönen Erlebnissen, der Energie aus der Gemeinschaft.“ Ein Sommerfest ist ihm dabei besonders im Gedächtnis geblieben: „Zu arabischer, kurdischer und syrischer Musik wurden die Leute in die Luft geschmissen beim Tanzen. Eine Energie, die ich nie vergessen werde.“ Wenn er ein Lebensmotto hätte, dann wohl „Das Glas ist halbvoll“, sagt er. Positiv zu denken, sei seine Grundeinstellung.

„Wie gerne stehen Sie eigentlich im Mittelpunkt?“

Ob er derjenige ist, der dann auch gerne im Mittelpunkt steht? „Nein, eigentlich nicht.“ Auf die Frage, ob es sich nicht widerspricht, wenn man als Direktkandidat in den Bundestag will, schüttelt er den Kopf: „Bei einer Podiumsdiskussion macht mir das schon Spaß unter Spannung zu stehen und zu diskutieren – dann kann ich auch zur Rampensau werden.“

Großformatige Wahlplakate gehören zum Wahlkampf auch dazu, die die Straßen im Wahlkreis Unna II zieren. Wie viel Rampensau steckt dann noch in dem Kommunalpolitiker, wenn er dort seinem Gesicht entgegenblickt? „Es ist ein bisschen surreal, ein bisschen seltsam.“ Und wie findet seine Freundin das, ihn in der Stadt auf Plakaten zu sehen? Er zuckt mit den Schultern. „Das war bei uns noch gar nicht Thema.“ So viele seien es aber auch gar nicht – zum Glück. Denn sie seien alles andere als klimafreundlich.

Über die Autorin
Volontärin
Ist am Niederrhein geboren und aufgewachsen. Hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert und lebt seitdem in ihrer Wahlheimat Bochum. Liebt das Ruhrgebiet und all seine spannenden Menschen und Geschichten.
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Irina Höfken