Im vergangenen Jahr gab es mehr Fälle von Kindeswohlgefährdung als ein Jahr zuvor. Das zeigen die Zahlen der Stadt. Die Daten zu körperlicher Gefährdung und sexuellem Missbrauch überraschen.

Lünen

, 12.09.2020, 11:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Zahl gefährdeter Kinder in Lünen ist gestiegen. Das Jugendamt gab nun Zahlen dazu bekannt. Die zeigen, welchen Arten von Gefährdung die Kinder besonders häufig ausgesetzt sind. Bei körperlicher Gefährdung und sexuellem Missbrauch gibt es deutliche Veränderungen.

231 Verdachtsfälle von Kindeswohlgefährdungen

Im Jahr 2019 wurden dem Lüner Jugendamt 231 Verdachtsfälle von Kindeswohlgefährdungen bekannt. Bei der Einschätzung, wann eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, orientiert sich die Behörde an der Rechtssprechung.

„Der Gesetzgeber nennt als Anhaltspunkte das körperliche, geistige und das seelische Wohl des Kindes“, erklärt Thomas Stroscher, Leiter der Abteilung „Jugend.Hilfen und Förderung“ bei der Stadt Lünen.

„Für das Kindeswohl ist als entscheidendes Kriterium zudem die Erziehung anzusehen. Durch sie wird das Kind in seiner Persönlichkeitsentwicklung geformt und lernt, wie man sich in der Gesellschaft richtig zu verhalten hat. Es geht also um einen umfassenden Schutz des sich in der Entwicklung befindlichen Kindes.“

Jetzt lesen

Prüfung im Vier-Augen-Prinzip

Bei Kenntnisnahme von potentiellen Gefährdungsaspekten werde ein standardisiertes Bewertungsverfahren durchgeführt. „Jede eingehende Meldung wird umgehend mindestens im Vier-Augen-Prinzip vom Fachdienst bewertet“, sagt Stroscher. Das Ergebnis werde mit der Leitung abgesprochen und das weitere Vorgehen festgelegt.

„Hierbei kann es zur sofortigen und unangemeldeten Überprüfung vor Ort kommen, aber auch ein angemeldeter Besuch der Familie innerhalb einer Woche ist möglich. Die Überprüfung wird ebenfalls immer von zwei Fachkräften durchgeführt“, verrät Stroscher.

Dabei sei unwesentlich, ob die Informationen per Mail, Telefon oder im direkten Gespräch ermittelt werden.

Schmaler Grat bei Beurteilung

„Wichtig ist, dass jede Meldung bis zur Abwendung der Gefährdung bearbeitet wird. Grundlage der alltäglichen Arbeit im Jugendamt ist es, Familien darin zu unterstützen, den Kindern und Jugendlichen dieses Umfeld zu bieten.“

Stroscher weist darauf hin, dass es viel mehr Kindeswohlgefährdungen gibt, als die in den Medien oft aufgegriffenen dramatischen Fälle von sexuellem Missbrauch oder massiven körperlichen Misshandlungen.

Auch sei die Bewertung der Verhältnisse nicht immer leicht: „Es gibt nur einen schmalen Grat zwischen noch akzeptabel und keinesfalls tolerierbar. Besonders schwierig ist die Beurteilung bei Situationen, die schwer beweisbar sind, wie seelische Verwahrlosung, oder wo Rahmenbedingungen auf eine potentielle Gefährdung in naher oder weiter Zukunft deuten.“

Fast jeder dritte Fall bestätigte sich als Gefährdung

Von den 231 Verdachtsfällen im vergangenen Jahr bestätigte sich nach Prüfung des Jugendamtes fast jeder dritte Fall (72) als tatsächliche Gefährdung des Kindes.

„Für alle diese Fälle wird ein Schutzkonzept mit den Beteiligten erstellt. Dazu gehört auch die Inobhutnahme oder Fremdunterbringung, falls der Schutz der Kinder vor Ort nicht ausreichend sichergestellt werden kann“, führt Stroscher aus.

Sollten die betroffenen Eltern dem nicht zustimmen, muss darüber dann ein Familiengericht entscheiden.

20 Kinder hat das Jugendamt im Jahr 2019 in Obhut genommen. Damit sind es weniger Fälle als noch 2018, als 28 Kinder zu ihrem Schutz anderweitig untergebracht wurden.

Jetzt lesen

Weniger körperliche Gefährdung, mehr sexueller Missbrauch

„Ziel ist es, möglichst das gewohnte Umfeld für die Kinder und Jugendlichen zu erhalten“, erklärt Stroscher. Aus diesem Grund kämen Freunde und Verwandte ebenso für eine Unterbringung in Frage, wie Pflegefamilien und Kinderschutzstellen.

Da der Schutz der Kinder oberste Priorität habe, „kann es vorkommen, dass die Maßnahmen nach kurzer Zeit verändert und den individuellen Bedürfnissen angepasst werden“, weiß Thomas Stroscher.

Besonders häufig stellte das Jugendamt seelische Gefährdungen bei den Kindern fest. Diese lagen 2019 in 31 Fällen vor (2018: 28 Fälle). Zwar gab es im vergangenen Jahr auch einige Fälle von körperlicher Gefährdung (12 Fälle), diese haben sich aber im Vergleich zu 2018 halbiert.

Am dritthäufigsten wurden dem Jugendamt Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt. Waren es 2018 lediglich 3 Fälle, stieg diese Zahl ein Jahr später auf 8.

Mehr Mädchen als Jungen betroffen

Bei Kindern im Alter von 0 bis 7 Jahren wurden am häufigsten Gefährdungen des Kindeswohls festgestellt. In 19 der 72 Gefährdungsfälle nahmen die Betroffenen bereits Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Anspruch. Mädchen sind mit 39 Fällen in geringem Maße mehr von einer Kindeswohlgefährdung betroffen, als Jungen (33 Fälle).

Eine Prognose der Entwicklungen des laufenden Jahres können Thomas Stroscher und das Jugendamt noch nicht abgeben. Bis August wurden zwar bereits 169 Verdachtsfälle von Kindeswohlgefährdung gemeldet.

Aber: „Wenn man sich die aktuellen Zahlen anschaut und hochrechnet sieht man, dass wir uns in diesem Jahr wohl in einem üblichen Korridor bewegen. Verlässlich beurteilen können wir das aber erst im Rückblick.“

Dann wird sich auch zeigen, ob die Corona-Pandemie Einfluss auf das körperliche, geistige oder das seelische Wohl der Kinder genommen hat.

Lesen Sie jetzt