Nervenkrieg vorm Borkum-Urlaub: Ehepaar aus Lünen kann aufatmen

rnBeherbergungsverbot

Eine Woche Erholung auf Borkum: Darauf hatte sich Ehepaar Bahr aus Lünen schon lange gefreut. Die Zeit vor Reiseantritt glich aber einem Nervenkrieg. Dabei ging es auch um viel Geld.

Lünen

, 17.10.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Freitagmorgen (16.10.) lächeln Hans-Peter und Elfria Bahr. Sie freuen sich auf ihren bevorstehenden Urlaub: eine Woche Borkum im schönen Hotel mit Halbpension. 24 Stunden vorher war noch nicht daran zu denken: weder ans Lächeln noch an Borkum. Die Bahrs haben das Hin und Her in Sachen Corona-Regeln hautnah miterlebt. Ein Wechselbad der Gefühle für die beiden Lünener.

Beherbergungsverbot. Inzwischen geht Hans-Peter Bahr das Wort ganz leicht über die Lippen. Im September war es dagegen noch ein Fremdwort. Und inzwischen ist es ein Reizwort, nicht nur für Beherbergungsbetriebe und Urlauber, sondern auch für Politik und Rechtsprechung. Innerhalb nur eines Tages haben sich die Dinge grundlegend geändert - zum Vorteil der Bahrs.

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„Wir wollten am 18. nach Borkum“, hatte Elfria Bahr am Donnerstag (15. 10.) an die Redaktion geschrieben - vier Tage vor dem geplanten Reiseantritt. „Da wir keinen 48-Stunden-Test nachweisen können, dürfen wir nicht fahren.“ Schließlich wohnen die Bahrs in einem Risikogebiet: Der Kreis Unna hat mehr als 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner - Alarmstufe Rot. Und für Reisende aus solchen Gebieten hatte das Land Niedersachsen - wie andere Länder auch -ab Oktober entsprechende Auflagen gemacht: nur mit aktuellem negativem Coronatest rein, sonst gilt das Beherbergungsverbot im Land. „Wir haben die Reise stornieren müssen“, heißt es in Eflira Bahrs Mail: „Jetzt sollen wir aber Stornogebühren zahlen. Ist dies rechtens?“

Sind Stornogebühren von bis zu 90 Prozent rechtens?

Eine klare Frage, auf die es allerdings keine klare Antwort gibt. Bis heute nicht, Das Reiseunternehmen, bei dem die Bahrs gebucht hatten, wollte sich öffentlich nicht äußern. Aber unter der Hand teilt es mit, dass es auch nur die Kosten weiter geben will, die das Hotel in Borkum ihm berechnet. Und die sind happig.

Mit den Stornogebühren in Hotels verhält es sich ähnlich wie mit denen einer Pauschalreise, wie die Dehoga, der Deutsche Hotel-und Gaststättenverband, mitteilt. Die Höhe der Gebühren seien abhängig von den gebuchten Leistungen und vom Zeitpunkt der Stornierung. Storniert man rechtzeitig und das Zimmer kann anderweitig vermietet werden, entstehen entsprechend geringere Kosten. Bei Ehepaar Bahr eben entsprechend höhere.

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Unter „Reisebedingungen“ hat der Veranstalter ihrer gebuchten Busreise nach Eemshaven und von dort weiter zur Insel Borkum klar die Höhe der Stornokosten festgelegt. Erfolgt die Absage „ab 14. bis 4. Tag vor Reiseantritt: 75 Prozent, bei späterem Rücktritt oder Nichtanreise 90 Prozent“ - in jedem Fall ein Batzen Geld angesichts des Reisepreises von rund 1700 Euro im Fall von Ehepaar Bahr.

Die Rechtslage ist unklar

Eine Sprecherin des Deutschen Reiseverbands (DRV) in Berlin, also der führenden Vertretung der deutschen Reisewirtschaft, räumte ein, gerade eine Vielzahl solcher Anfragen zu erhalten. Eindeutige Antworten habe sie aber bislang nicht parat. Vielleicht die Verbraucherschützer?

Die gemeinnützige Organisation Stiftung Warentest verweist ebenfalls auf eine unklare Rechtslage. „Sofern Gäste aus Risiko­gebieten nicht beher­bergt werden dürfen, ist die Durch­führung der Reise nach Ansicht der Rechts­experten der Stiftung Warentest nicht wie geplant möglich. Die Folge ist, dass der Vertrag von beiden Seiten nicht erfüllt werden kann.“ Insofern müsse der Betreiber der Unterkunft bereits bezahlte Über­nachtungs­kosten zurück­erstatten. Jetzt kommt der Haken: „Wie die Möglich­keit, mithilfe eines aktuellen negativen Corona-Tests doch reisen zu können, juristisch zu bewerten ist, ist umstritten.“

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Es müsse „zumut­bar und realisier­bar“ sein, 48 Stunden vor Reiseantritt einen Corona-Test zu besorgen. Wenn das so sei, habe der Gast keinen Anspruch, die Buchung kostenlos zu stornieren.

Für die Bahrs war es das nicht. Ihr Hausarzt hatte sie abgewiesen. Nur Patientinnen und Patienten, die sich krank fühlten, würden getestet. Aber niemand, der einen Unbedenklichkeitsnachweis brauche. Andere Ärzte in Lünen sahen das auh so. Ein öffentliches Testzentrum gibt es nicht in Lünen - aber in Dortmund. Darauf hatte der Reiseveranstalter am Donnerstag das Paar hingewiesen. Dass das Testergebnis dort auch tatsächlich zum gewünschten Termin vorliegen würde - also am Freitag oder Samstag vor der Abreise am Sonntag - galt dort aber als unsicher.

Gerichte kippen Beherbergungsverbot, Länder ziehen hinterher

Vielleicht ein Kulanzantrag, damit die Bahrs zumindest einen Hotel-Gutschein bekämen: Darauf hatte der Reiseveranstalter seine ganze Hoffnung gesetzt. Nach Wochen, in denen Hotels komplett geschlossen waren, ist das mit der Kulanz so eine Sache. Zum Glück für die Bahrs kam es anders.

Am Donnerstagnachmittag hatte nach dem Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg auch das niedersächsische Oberverwaltungsgericht das Beherbergungsverbot des Landes für Reisende aus deutschen Corona-Hotspots in einem Eilverfahren für rechtswidrig erklärt. Sachsen, Bayern und das Saarland haben das Verbot von sich aus zurückgenommen.

Für Schleswig-Holstein bleibt das Beherbergungsverbot

„Wir sind erleichtert“, sagt Eflira Bahr aus Lünen. Die eine Woche Erholungsurlaub auf der Nordseeinsel mit Hochseeklima hätten sie und ihr Mann auch nötig - nach der ganzen Aufregung über das Hin und Her noch mehr als ohnehin. Gut, dass ihre Reise nicht nach Sylt geht. In Schleswig-Holstein hat das Beherbergungsverbot nach wie vor Bestand.

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