Das Geschäft der Familie Rose am Knappenweg 38. © Stadtarchiv Lünen
Verlegung am 17.11.

Neue Stolpersteine erinnern an grausames Schicksal zweier Lüner Familien

Die Erinnerung muss wachgehalten werden - an die Opfer der Nazis. Im November werden deshalb in Lünen zehn neue Stolpersteine verlegt. In Erinnerung an das Schicksal zweier jüdischer Familien.

Stolpersteine gibt es in vielen Ländern Europas. Die Gedenk-Aktion des Berliner Künstlers Gunter Demnig soll auf diese Weise an die Menschen erinnern, die durch den Terror des Nazi-Regimes gelitten haben oder sogar gestorben sind.

In Lünen kümmert sich der Arbeitskreis Stolpersteine um dieses besondere Gedenken. Anfang 2022 wird der Arbeitskreis dafür mit dem Heinrich-Bußmann-Preis der Lüner SPD ausgezeichnet. Am 17. November werden die nächsten zehn Stolpersteine in Lünen verlegt. Zur Erinnerung an die Familien Rose und Salomon.

Schüler gestalten Verlegung der Stolpersteine

Für den Arbeitskreis hat Katrin Rieckermann, unterstützt von weiteren Mitgliedern des Arbeitskreises, monatelang recherchiert. Sie führte zahlreiche Informationen über die Familien zusammen. Alles kam in Kurzform auf die 9,6 x 9,6 cm großen Gedenksteine als Inschriften.

Die Verlegungen beginnen am Mittwoch (17.11.) ab 11 Uhr am Knappenweg 38. Schülerinnen und Schüler des Freiherr vom Stein Gymnasiums umrahmen unter Leitung von Martin Hendler die Veranstaltung mit Texten und Musik. An dieser Stelle stand einst der Laden der Familie Rose. Fünf Mitglieder wurden durch die Nazis ermordet, nur zwei überlebten den braunen Terror.

Salomon Rose mit Auszeichnungen, die er als Soldat des deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg erhalten hatte.
Salomon Rose mit Auszeichnungen, die er als Soldat des deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg erhalten hatte. © Stadtarchiv Lünen © Stadtarchiv Lünen

In der Victoriasiedlung steht am Knappenweg 38 ein stattliches Eckgebäude. Hinter der Fassade verbirgt sich im Verbund mit der Adresse „Im Rechten Eck 1“ die alte Struktur mit Schaufenstern. Denn hier lebten und betrieben der am 20. November 1881 geborene Kaufmann Salomon Rose mit seiner am 10. April 1882 geborenen Frau Betty, geb. Grünewald, und ihren fünf Kindern Martha, Werner, Hildegard, Regina und Klara einen Kolonialwarenladen, in dem auch Arbeitertextilien und Lebensmittel verkauft wurden. Hier ließ man auch auf Kredit „anschreiben“.

Salomon Rose war Soldat im 1. Weltkrieg, liebte Motorradfahren und das Reparieren von Wasch- und Nähmaschinen seiner Kunden. 1933 verwehrten SA-Männer über eine Woche lang den Kunden den Zugang zum Geschäft. Einer von der SA kam ins Geschäft und sagte: „Jude Rose, mach´ Deinen Laden zu, sonst nagel ich ihn Dir zu!“. Personen, die einkauften, wurden fotografiert. Kunden von Rose sagte man, dass ihre Namen in den Zeitungen bekanntgegeben werden würden. Danach blieben immer mehr Kunden aus Angst vor der öffentlichen Denunzierung aus. Selbst Vertreter weigerten sich, an Rose zu verkaufen. Das Geschäft wurde am 1. April 1938 aufgegeben.

Am Tag der Reichspogromnacht, am 9. November 1938, wurde seine Haustür aufgebrochen. Nazis jagten Salomon Rose ins Haus, stießen seine Frau zu Boden und stahlen Arbeitskleidung. Mit Fußtritten und Schlägen wurde Salomon Rose zur 1,5 Kilometer weit entfernten Lippe getrieben und musste sich auf das Geländer der Brücke setzen. Man schrie ihn an: „So Jude, jetzt ins Wasser mit Dir!“ Arbeiter der Zeche Victoria schrien voller Empörung der SA ein „Pfui!“ entgegen.“

Werner Rose auf dem Foto der jüdischen Schule, das für den Film
Werner Rose auf dem Foto der jüdischen Schule, das für den Film „Kinder der Turnstunde“ die Vorlage war. © Stadtarchiv Lünen © Stadtarchiv Lünen

Das rettete wahrscheinlich Roses Leben. Denn er wurde nicht ins kalte Wasser gestoßen, sondern, kaum fähig zu gehen, unter weiteren Schlägen und Fußtritten ins Stadthaus gebracht. Dort sperrte man ihn, zusammen mit seinem Sohn Werner und anderen jüdischen Männern, acht Tage lang ein. Salomon Rose arbeitete anschließend im Stuckgeschäft Vollmer und später bis 1943 im Beckinghausener Sägewerk Kipper. Vorher musste die Familie ab 1941 den Judenstern tragen. 1942 wurde Tochter Martha im Alter von 30 Jahren ins besetzte Polen deportiert und ermordet.

Am 27. Februar 1943 mussten Vater und Sohn sich in der Dortmunder Steinwache melden. Betty Rose einen Tag später. Das Ehepaar wurde 1943 ins KZ Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Werner kam als „politischer Jude“ ab Juni 1944 nach Auschwitz. Am 22. Januar 1945 wurde er, fünf Tage vor der Befreiung, in einer langen Fahrt als Häftling mit der Nummer 117904 ins KZ Buchenwald transportiert und dort im Alter von 24 Jahren ermordet. Die Rettung der noch überlebenden Häftlinge aus dem KZ Buchenwald am 11. April 1945 kam für ihn zu spät. Die 1908 geborene Schwester Regina heiratete einen Bergmann, überlebte den 2. Weltkrieg und wohnte später im Ruhrgebiet.

Sieben Stolpersteine werden im November zur Erinnerung an die Familie Rose verlegt.
Sieben Stolpersteine werden im November zur Erinnerung an die Familie Rose verlegt. © Günter Blaszczyk © Günter Blaszczyk

Ihre Schwester Hildegard, geboren 1910, arbeitete als selbstständige Schneiderin. Sie wurde von Paul Hannemann, einem Polizeibeamten und SS-Angehörigen geschieden, am 23. September 1943 von der Gestapo nach einer Denunziation unter dem Vorwurf der „Rassenschande“ verhaftet und fünf Tage später für rund sieben Monate in die Dortmunder Steinwache inhaftiert. Anschließend wurde sie nach Auschwitz deportiert, mit der Häftlingsnummer 76375 registriert und hier ermordet.

Klara Rose musste in einer Dortmunder Sackfabrik Zwangsarbeit leisten. Von September 1944 bis Kriegsende war sie im Arbeitslager Kassel-Bettenhausen (Henschel-Werke) inhaftiert. Sie lebte danach noch kurz in Lünen, wanderte aber anschließend nach Vancouver (Kanada) aus. Sie bekam zwei Kinder und adoptierte mit ihrem Mann als verheiratete Klara Hermann, Brigitte, das Kind ihrer ermordeten Schwester Hildegard.

Familie Salomons führte Geschäft an Münsterstraße

Drei weitere Stolpersteine werden an der Münsterstraße an die Familie Salomons erinnern. Irma Salomons kam am 15. Januar 1921 als Tochter des damals 32-jährigen Kaufmanns Paul Friedrich Salomons und seiner 29-jährigen Frau Grete, geb. Judenberg, zur Welt. Sie wohnten in der Münsterstraße 101 in Lünen. Hier war auch der Sitz ihres Geschäftes, in dem Manufakturwaren, Weiß-, Woll- Kurzwaren und später auch Tabak verkauft wurde.

Diese Stolpersteine werden zur Erinnerung an die Familie Salomons verlegt.
Diese Stolpersteine werden zur Erinnerung an die Familie Salomons verlegt. © Günter Blaszczyk © Günter Blaszczyk

Wie alle jüdischen Geschäftsinhaber wurde auch Salomons und seine Familie schon seit 1933 von den Nazis mit der Forderung „Kauf nicht beim Juden“ schikaniert. Er floh in die Niederlande, Tochter und Frau folgten im Januar bzw. Dezember 1940. Grete und Irma lebten in Utrecht, hier wohnte bereits seit dem 16.11.1938 die aus Dortmund umgezogene Schwester von Grete, Ella Edelstein.

Ins KZ Theresienstadt deportiert

Während Paul schon im April 1940 in das Durchgangslager Westerbork verschleppt wurde, bevor die Wehrmacht im Mai im Rahmen des Angriffsplans gegen Frankreich völkerrechtswidrig auch die Beneluxstaaten überfallen hatte, wurden Grete und Irma 1942 ebenfalls nach Westerbork entführt. Am 18. Januar 1944 wurden alle Familienmitglieder von den Niederlanden aus ins Konzentrationslager nach Theresienstadt in der damaligen Tschechoslowakei deportiert.

Die Karteikarte für Grete Salomons aus den Niederlanden.
Die Karteikarte für Grete Salomons aus den Niederlanden. © AK Stolpersteine © AK Stolpersteine

Paul und Grete Salomons wurden rund zehn Monate später von Theresienstadt aus am 1. Oktober 1944 getrennt auf verschiedenen Transporten in das KZ Auschwitz verbracht und dort zwei Tage später am 3. Oktober 1944 ermordet. Paul wurde 55 und Grete 52 Jahre alt.

Irma kam bereits vorher am 18. Mai 1944 von Theresienstadt mit dem Transport Em Nr. 160 nach Auschwitz. Ihre Irrfahrt führte sie später von Polen aus in das rund 900 Kilometer entfernte KZ Bergen-Belsen im Kreis Celle. Rund 2500 Kilometer dauerte ihre abscheuliche und menschenverachtende Odyssee quer durch Europa mitten im Krieg. In primitivsten Transportmitteln, zusammengepfercht mit anderen NS-Opfern unter unmenschlichen Bedingungen. Kurz nachdem das KZ Bergen-Belsen durch die Alliierten befreit wurde, starb Irma am 25. Mai 1945 an den Folgen der Haft im Alter von nur 24 Jahren.

Irma Salomons auf dem Bild, das die Grundlage des Films
Irma Salomons auf dem Bild, das die Grundlage des Films „Die Kinder der Turnstunde“ bildete. © Stadtarchiv Lünen © Stadtarchiv Lünen

Udo Kath vom Arbeitskreis Lüner Stolpersteine: „Unter den Sponsoren befinden sich unter anderem mit Barbara Bergmann aus Lünen-Horstmar und Margret Vietz aus Neuenrade die Cousinen von Klara Rose. Abike Ullrich kommt aus Hamburg. Ihre Großtante Lieselotte Sirp wurde nicht nur im gleichen Jahr und gleichen Tag wie Irma Salomons geboren, sie befand sich auch zur gleichen Zeit 1944/45 als Lehrerin in Bergen-Belsen.“

SponsorenUnterstützung für Gedenk-Aktion
  • Sponsoren der sieben Stolpersteine für die Familie Rose, Knappenweg 38: Barbara Bergmann und Margret Vietz (Cousinen von Klara Rose), IGBCE-Ortsgruppe Victoria Lünen, Siedlerverein Barbara, SPD-Ortsverein Lünen-Nord, Katrin Rieckermann, Simone Pawlowsli, Anette und Norbert Janßen.
  • Sponsoren der Stolpersteine für die Familie Salomons, Münsterstraße 101: Abike Ullrich (Hamburg), Stefan Salzmann und Hartmut Wagner, Elisabeth Exner Stöcklein und Bodo Stöcklein.
Über die Autorin
Redaktion Lünen
Beate Rottgardt, 1963 in Frankfurt am Main geboren, ist seit 1972 Lünerin. Nach dem Volontariat wurde sie 1987 Redakteurin in Lünen. Schule, Senioren, Kultur sind die Themen, die ihr am Herzen liegen. Genauso wie Begegnungen mit Menschen.
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Beate Rottgardt