Dirk Sommer steht auf der Lippebrücke und zieht. Was es bedeutet, einen Schatz zu heben, spürt er in jedem Muskel. Passanten schauen zu. Und Behörden fragen sich, was sie davon halten sollen.

Lünen

, 25.05.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Samstags sind auf der Fußgängerbrücke in Lünen immer viele Menschen unterwegs. Dieses Mal besonders viele. Denn wer erst einmal da ist, geht nicht so schnell weiter, sondern bleibt erst einmal neugierig stehen. Alle wollen wissen, was der Mann vorhat, der mit beiden Händen ein grünes, 30 Meter langes Seil umklammert und kräftig zieht.

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Neuer Trend in Zeiten von Corona? Magnetangeln in Lünen

Keine zehn Zentimeter Durchmesser hat das runde, silbrig glänzende Etwas, das unten am Seil hängt. Es ist extrem anziehend - zumindest für Metalle. „Ein Magnet“, sagt Dirk Sommer in einer kurzen Verschnaufpause. Einer, der etwa 40 Euro teuer ist und bis zu 500 Kilogramm halten kann. So schwer ist das Fundstück allerdings nicht, das sich vom Grund der Lippe baumelnd in die Höhe hebt.

Der Enterhaken fehlt noch

Der Enterhaken fehlt noch. Dirk Sommer hat ihn im Internet bestellt. Dass das eine gute Entscheidung war, stellt er jetzt fest: Denn das Fahrrad, das er gerade aus der Lippe geangelt und hinauf gezogen hat, hängt zwar nur knapp unter ihm , ist aber dennoch unerreichbar ohne das passende Gerät. Es gibt nur eine Richtung: Platsch! Das gerade noch zum Greifen nahe Fundstück versinkt wieder im Wasser. Ein „Ohhh!“ geht durch die Menge, bevor sie sich langsam auflöst. Dirk Sommer wird es nicht dabei belassen.

Auf der Lippebrücke in Lünen: Sophie (9) hat ein eigenes Kinder-Magnet-Angel-Set. Sie ist gerne mit ihrem Papa unterwegs.

Sophie (9) hat ein eigenes Kinder-Magnet-Angel-Set. Sie ist gerne mit ihrem Papa unterwegs. © Sylvia vom Hofe

Magnetangeln. „Bitte was?“ Anne Kathrin Lappe, Sprecherin des Lippeverbandes, räumt ein, dass das Thema für sie neu ist. „Grundsätzlich freuen wir uns als Lippeverband , wenn Gewässer frei von Müll sind.“ Regelmäßig fahren deshalb Mitarbeiter bei Niedrigwasser mit Booten raus, um Unrat aus dem Fluss zu fischen. Hilfe wie die durch Dirk Sommer und seinem Magneten müsste daher willkommen sein. Es gebe aber bestimmt auch Nachteile, vermutet Lappe zu Beginn ihrer Recherche. Am Ende mehr als Vorteile.

Tochter unterstützt den Papa beim neuen Hobby

Dirk Sommer wird an diesem Samstag acht Fahrräder aus der Lippe ziehen. Auch das widerspenstige Zweirad, das im letzten Moment wieder zurück ins Wasser fiel, ist dabei. Der Mittvierziger hat es - unterstützt von seiner Tochter Sophie (9), die eine eigene kleine Magnetangel besitzt - vom Ufer aus ins Trockene gebracht. Am nächsten Tag wird die von Sommer benachrichtigte Polizei alle Fundstücke unter der Brücke in Augenschein nehmen. „Es könnte sich ja schließlich um Diebesgut handeln.“

So klein ist der Magnet, der 500 Kilo halten kann.

So klein ist der Magnet, der 500 Kilo halten kann. © Sylvia vom Hofe

Vorbildlich findet Lappe dieses Vorgehen. Aber es könne ja auch anders kommen, befürchtet sie. Wenn nicht harmlose Abfälle wie Räder oder Gerüststangen gefischt würden, sondern Munition oder Waffen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. „Durch Rost oder Verschmutzungen sind diese häufig nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar.“ Der Magnet könne verrostete Granaten bewegen und detonieren lassen: lebensgefährlich.

Gefahren für Menschen, Tiere und Pflanzen

Max Rolke, Sprecher des Kreises Unna, rückt die Gefahren für Fauna und Flora in den Blick. Wenn Magnetangeln tatsächlich zum Trendsport werde, drohten geschützte Uferbereiche zu Anlaufstellen von immer mehr Menschen zu werden. Tiere würden aufgeschreckt, Pflanzen zertreten und der Unter-Wasser-Lebensraum in Mitleidenschaft gezogen.

Unter der Lippebrücke in Lünen: Vom Ufer aus lässt sich das Fahrrad ans Land ziehen.

Vom Ufer aus lässt sich das Fahrrad ans Land ziehen. © Sylvia vom Hofe

Dirk Sommer fischt nicht im Trüben. Er und seine Tochter haben ihre Angeln bislang nur da ausgeworfen, wo sie zuvor auch etwas mit bloßem Auge entdeckt hatten. Seit vier Wochen machen sie das: eine neue Freizeit-Aktivität für Vater und Kind in Zeiten von Corona, die viel frische Luft und wenig nahen Kontakt zu anderen Menschen ermöglicht.

Magnetangeln ist ohne Angelschein möglich

Angler benötigen einen Fischereischein, um ihrem Hobby nachzugehen. Den können sie nach erfolgreicher Prüfung des nötigen Fachwissens erwerben beim Kreis. Für Magnetangler gebe es so etwas nicht, sagt Max Rolke vom Kreis. Dass Dirk Sommer und offenbar manche andere - „einige Stellen sind schon erkennbar leer geangelt“, sagt Sommer - ihrem neuen Hobby nachgehen, sei also rechtlich nicht zu beanstanden - vorausgesetzt, sie respektieren die Vorgaben des Natur-und Umweltschutzes. Der Lippeverband sieht das etwas anders.

Ob es in Ordnung ist, ohne wasserrechtliche Erlaubnis mit Magneten zu fischen, stellt die Behörde in Frage: Diese Erlaubnis sei nach Paragraf 8 Absatz 1 im Gesetz zur Ordnung des Wasserhaushalts (WHG) dann einzuholen, wenn es sich um eine Benutzung eines Gewässers handele. Das bayerische Innenministerium bestätige, dass Städte und Gemeinden Magnetfischen untersagen könnten. Das sei in Bayern auch schon erfolgt, nachdem an den Magneten Granaten baumelten.

Lippeverband empfiehlt, sich zu melden

Für Dirk Sommer und alle anderen Magnetangler der Region, die sich inzwischen in einer Facebook-Gruppe zusammengeschlossen haben, hat der Lippeverband einen Rat: Sie sollten dem Lippeverband zumindest melden, dass sie ihrem Hobby in dem Gewässer nachgehen.

Am Sonntag in Nordkirchen: Spaziergänger vorm Schloss bleiben stehen und beobachten den Mann, der sich an der Gräfte müht. Mit beiden Händen zieht der Lagerist Stück für Stück einen Gullideckel aus dem Wasser. Dirk Sommer lächelt traurig. Einen solchen Schatz hatte er nicht im Sinn, als er sich bei die Genehmigung für das Magnetfischen vorm Westfälischen Versailles geholt hatte. Die anfängliche Begeisterung ist etwas abgekühlt. Weitermachen will er aber trotzdem, „auch weil man schnell ins Gespräch kommt mit Leuten“.

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