Ohne Hand geboren: Mit Hightech-Prothese hat Fabian (9) alles im Griff

rnHochmoderne Technik

Wenn Thomas Bernstein sieht, wie Fabian mit dem Roller fährt, geht ihm das Herz auf. Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, dass die linke Hand am Lenker eine Prothese ist.

Lünen

, 20.03.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ohne Hand und Unterarm kam der heute neunjährige Fabian auf die Welt. Trotzdem hat er alles im Griff. Dabei hilft ihm eine hochmoderne Prothese, deren Finger er elektronisch bewegen kann. Die Prothese steckt in einem hautfarbenen Handschuh. Sie ist verbunden mit einem Schaft, den sich Fabian mit Figuren aus der Lego-Reihe „Ninjago“ verzieren ließ.

Thomas Bernstein verfolgt jede Bewegung von Fabians Kunsthand. Er ist Orthopädietechniker bei der Firma Ortho Form in Gahmen und kümmert sich um Fabian, seit der Junge drei ist.

Schwimmabzeichen und grüner Gürtel

Dysmelie heißt die angeborene Verkürzung von Gliedmaßen. Fabians Arm hört drei Zentimeter unter dem Ellenbogengelenk auf. Trotzdem lebt er so, wie andere Kinder auch. Der Neunjährige ist im Schwimmverein und legte das Bronze-Abzeichen ab. Er hat den grünen Gürtel in der japanischen Kampfkunst Taekwondo. Seine Prothese trägt er den ganzen Tag, für Sport hat er eine andere.

Dass er so groß wird wie andere Kinder auch, das wünschen sich seine Eltern. „Am Anfang war es schon schwer“, erzählt Nicole Bierfreund. Doch inzwischen sei die ganze Familie mit zwei jüngeren Geschwistern da hineingewachsen. Zumal sie miterleben, was Fabian alles kann.

Ohne Hand geboren: Mit Hightech-Prothese hat Fabian (9) alles im Griff

Bei Ortho Form in Gahmen bekommt Fabian einen größeren Schaft für seine Armprothese. Darum kümmern sich Die Orthopädietechniker Thomas Bernstein (v.l.) und Boris Tenzler sowie Ogün Zorlu, Orthopädiemeister und Geschäftsführer der Firma Ortho Form. © Magdalene Quiring-Lategahn

Das hat er auch seinen Klassenkameraden in der 3. Klasse der Schule am Heikenberg gezeigt. Für sie war es zunächst ungewohnt, dass jemand seine Finger elektronisch bewegt, angesteuert mit der Muskelkraft aus dem Armstumpf. Doch Fabian geht ganz offen damit um. Sogar den bei Grundschülern geübten „Schweigefuchs“ kriegt Fabian mit seiner Prothese hin. Inzwischen kann er mit seiner Kunsthand auch würfeln, wie sein Vater erzählt.

Mit drei Jahren bekam Fabian seine erste Prothese. Die nannte sich „Kinderhand 2000“ und konnte nur den Scherengriff, also drei Finger öffnen und schließen. „Die Prothese ist wichtig, damit man sich schon als Kind damit anfreundet“, sagt Thomas Bernstein. Den Schaft dazu baut der Orthopädietechniker genau nach Maß. Dazu nimmt er einen Gipsabdruck von Fabians Stumpf und vollendet ihn aus weichem Kunststoff. Am Ende wird nach Fabians Wünschen ein Dekor über den Schaft gegossen.So verbindet sich Hightech mit Handwerkskunst.

Ohne Hand geboren: Mit Hightech-Prothese hat Fabian (9) alles im Griff

Seinen Prothesen-Schaft hat sich Fabian mit Ninjago-Figuren gestalten lassen. © Magdalene Quiring-Lategahn

Prothesenschaft wird individuell angepasst

Da Fabian wächst, braucht er immer wieder neue Schäfte. Zurzeit wird einer angepasst, mit Batman-Motiv in schwarz-gelb. Der Schaft gehört zur Prothese „Vincent Young“. Die trägt Fabian, seit er sieben ist. „Vincent“ ist ein Hightech-Gerät, dessen Elektroden er durch Muskelbewegung ansteuert. So kann Fabian die einzelnen Finger bewegen, von denen jeder einen Motor hat. Scheckkarten- oder Pinzettengriff, alles ist kein Problem für Fabian. Die Griffe sind programmiert, auch Drehbewegungen sind möglich. 42.000 Euro kostet die Prothese. Sie wird von der Krankenkasse bezahlt.

Vor dem Wochenende muss „Vincent“ zum Durchchecken nach Karlsruhe, denn „der Daumen klappert ein bisschen“, wie Thomas Bernstein festgestellt hat. Aber auch sonst wäre jetzt eine Wartung vorgeschrieben. Fabian muss aber nicht auf eine Kunsthand verzichten: Er trägt dann seine nicht ganz so bewegliche Sportprothese. Und schon ist er wieder mit seinem Roller unterwegs. Ganz so, wie andere Kinder auch.

INFORMATION

KUNDEN KOMMEN SOGAR AUS HAMBURG

Die Firma Ortho Form mit Sitz in Gahmen, Zum Gewerbepark 9, hat sich auf Orthopädie-Technik und Reha-Sonderbau spezialisiert. Kunden kommen teilweise sogar aus Hamburg, Stuttgart und Aachen. Seit 2012 gibt es Ortho Form in Lünen, ein Jahr vorher hat Orthopädiemeister und Geschäftsführer Ogün Zorlu einen Betrieb bin Lennestadt übernommen. Etwa 50 Arm-und 150 Beinprothesen werden pro Jahr angepasst, dazu kommen 400 Reparaturen. In Gahmen arbeiten 19 Beschäftigte, darunter ein Auszubildender aus Syrien.
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