Patient klagt über Tortur im Klinikum Lünen

Acht Stunden bis zur Aufnahme

Er spricht von unzumutbaren Zuständen. Thomas Oesmann ist empört. Am Montag hatte er seinen Vater ins Krankenhaus bringen müssen. Um 18.30 Uhr kam er dort an. Erst um 2.30 Uhr endete eine „Tortur“, wie er sagt. Das Krankenhaus total überlastet? Ein Normalfall? Ein Protokoll - und die Aussagen der Klinik.

SELM/LÜNEN

, 07.05.2015, 07:02 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zur Vorgeschichte: Thomas Oesmanns Vater ist 77 Jahre alt und am Herz erkrankt. „Er kann sich mit seinem Rollator nur tippelnd bewegen“, berichtet Oesmann, der wie sein Vater in Selm lebt. In die Notaufnahme des Krankenhauses in Lünen hatte die Hausärztin Angela Schulze Lutum aus Bork die beiden verwiesen: Herzinsuffizienz, so lautete ihre Diagnose am frühen Montagabend – gehen Sie direkt ins Krankenhaus!

So ging der Abend dann laut der Schilderung von Thomas Oesmann weiter: „Wir kamen um 18.30 Uhr an“, sagt er. Die Anmeldung sei recht zügig gegangen, aber dann... Ankunft in der Notaufnahme um 19.30 Uhr, Blutabnahme und EKG. Um 20 Uhr habe es geheißen: Gleich geht es weiter. „Danach ging aber nichts mehr“, klagt Oesmann. Um 23.30 Uhr sei man ins Aufnahmezimmer geführt worden.

Nach Gesprächen mit anderen schon länger wartenden Patienten. „Vier Leute haben mit uns gewartet“, erzählt Oesmann. „Einer hatte sogar einen Termin für eine Einweisung. Bei ihm sollte ein Herzkatheter gelegt werden. Aber auch er musste sieben Stunden warten.“ Um 0.25 Uhr, also weitere 55 Minuten später, sei ein Arzt gekommen.

Seine Frage: „Sind Sie schon geröngt?“ Nein, war er nicht. „Wir sind dann in die Radiologie, dort war niemand. Wir meldeten uns um 0.45 Uhr in der Notaufnahme zurück – denn es passierte nichts.“ Um 1.15 Uhr habe der Arzt einige Untersuchungen gemacht, das Aufnahmeprotokoll ausgefüllt. Um 1.40 Uhr habe dann eine Schwester versucht, ein Zimmer zu organisieren. „Um 2.30 Uhr hatte mein Vater nach acht Stunden endlich total übermüdet ein Bett“, so Oesmann.

Oesmanns Frage: „Wie kann man alten und kranken Menschen so eine Tortur zumuten?“

Das fragten wir die Klinik.

Die Klinik äußerte durchaus Verständnis für den Ärger, schilderte aber die Problemlage. Der Ärztliche Leiter der Notaufnahme, Dr. Arne Krüger, sagte: „Die Versorgung dieses Patienten hat in der Tat recht lange gedauert. Wir standen Montag gerade ab 15 Uhr in einer für einen Montagnachmittag enormen Belastungssituation.“ Binnen acht Stunden habe es von 16 bis 24 Uhr 50 Patientenkontakte gegeben. „Dann müssen wir entsprechend der Notwendigkeiten handeln“, so Krüger.

Wie bewertet die Klinik die Prioritäten? Wer in Lebensgefahr ist, wird zuerst behandelt. Ankommende Patienten werden von Pflegekräften eingeschätzt und überwacht. „Auch dieser Patient war binnen 30 Minuten in einer Erstversorgungssituation“, so Krüger. „Danach hat es dann wirklich sehr lange gedauert, bis ärztliches Personal frei war, das sich weiter um ihn kümmern konnte.“

Eine akut lebensgefährliche Situation sei bei Herrn Oesmann nicht festzustellen gewesen. „Es gibt bei uns so eine Abstufung von Rot, das heißt sofort zu handeln, bis Blau, was mit ‚Kann warten‘ klassifiziert ist.“ Dieser Patient sei als weniger dringlich in die zweitunterste Stufe geraten.

Wo lag das zentrale Problem? 

Die Behandlungsspitzen lägen erfahrungsgemäß eher im Vor- und frühen Nachmittagsbereich. „Aber das war am Montag anders.“ Von jetzt auf gleich könne er als Leiter dann niemanden vom Ärztepersonal einschieben. Krüger erklärte: „Der Berg an Patienten war erst um 3 Uhr einigermaßen abgetragen. Der Rettungsdienst brachte immer wieder neue Patienten.“

Sowohl für die Information der Patienten, warum sich gerade niemand kümmern kann, und schon gar nicht für Belustigung könne Personal zur Verfügung gestellt werden. „Wenn es geht, bieten wir Liegen an – aber auch da ist irgendwann Mangelverwaltung angesagt.“

Krüger sagte: „Ich hätte diesen Herrn lieber schneller durch die Ambulanz geschleust.“ In dieser Nacht sei es nicht möglich gewesen.

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