Einbruch, Vandalismus und Hakenkreuze: Junge Inhaberinnen von Physio Aktiv geben auf

rnPraxis-Einbruch

Ein Einbruch stellte das Leben der Inhaberinnen des Physio Aktiv auf den Kopf: Unbekannte drangen die Physiopraxis ein, schlugen alles kurz und klein und schmierten Hakenkreuze überall hin.

Lünen

, 04.10.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Diese Nacht werden die beiden jungen Frauen nicht mehr vergessen. Sie hat ihr Leben einmal komplett aus der Bahn geworfen. Unbekannte drangen in dieser Nacht in ihre Physiopraxis am Christinentor ein, schlugen vieles kurz und klein und schmierten und ritzten anschließend Hakenkreuze an Wände, Spiegel und Massageliegen.

Einbruch, Vandalismus und Hakenkreuze: Junge Inhaberinnen von Physio Aktiv geben auf

Die unbekannten Täter haben Hakenkreuze auch die Polster der Massageliegen geritzt. © Physiopraxis

Es war die Nacht vom 4. auf den 5. Februar. Jetzt im Oktober, acht Monate später, ist die Praxis noch immer geschlossen - und sie wird auch nicht mehr öffnen.

Es ist die Praxis von Yasmina Bajrami und Fatma Ibis. Ihre Botschaft an ihre Kunden: „Ihr braucht nicht mehr schauen, ob wir wieder da sind, wir kommen nicht mehr wieder“.

Einbruch, Vandalismus und Hakenkreuze: Junge Inhaberinnen von Physio Aktiv geben auf

So sah es nach dem Einbruch in den Praxisräumen aus. © Physiopraxis

Eine Botschaft, die sie ganz offensichtlich traurig macht. „Wir haben das Gefühl, unsere Patienten mitten in der Behandlung im Stich gelassen zu haben“, sagt Yasmina Bajrami. „Wir haben uns noch nicht einmal verabschieden können.“

Die Praxis sei gut gelaufen, hier sei immer viel los gewesen, hier hätten „Araber mit Russen getanzt, Menschen öfter Kuchen mitgebracht, sich Rentner ineinander verliebt und Patienten spontan ein kleines Konzert gegeben“.

Yasmina Bajrami und Fatma Ibis kennen sich schon viele Jahre. Haben zusammen Ausbildung und Examen gemacht. Die Praxis haben sie im November 2014 geöffnet.

Nach dem ersten Schock an diesem Februarmorgen stand für die beiden Frauen fest: Sie wollen so schnell wie möglich wieder loslegen. „Wir haben gedacht, okay, das ist passiert, wir lassen uns nicht unterkriegen, wir machen weiter.“, erinnert sich Bajrami.

Dass es ganz anders kam, ist eine längere Geschichte, die in dieser Februarnacht beginnt und nun im Oktober kurz vor ihrem vorläufigen Ende steht - entweder mit außergerichtlichem Vergleich oder einer Klage.

Die Polizei war schnell da am Morgen nach dem Einbruch

Es war der Hausmeister am Morgen des 5. Februar, der die beiden Frauen alarmierte. Sie sollten kommen, sofort. „Wir fangen immer um 9 Uhr an, die Bürokraft etwas eher. Der Zahnarzt nebenan noch früher. Und er hatte bemerkt, dass das Fenster offen stand und hat die Polizei alarmiert. Die war schnell da und alarmierte wiederum den Hausmeister.“

Die Bilder von damals haben Bajrami und Ibis von ihren Handys verbannt, aber in ihren Köpfen sind sie noch immer: Es ist alles verwüstet, die gesamte Technik mit Computer, Telefon und Kaffeemaschine zum Beispiel völlig zerstört, die Täter schmieren Hakenkreuze an die Wände, auf den großen Spiegel und ritzen das Nazi-Symbol und mit einem scharfen Gegenstand in die Behandlungsliegen.

Die Täter hinterlassen Chaos, die 1800 Euro in der Kasse nehmen sie mit.

Die Polizei ist schnell vor Ort, die Kriminalpolizei - und der Staatsschutz. Die Hakenkreuze und die ausländischen Wurzeln der beiden jungen Frauen, die beide in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, geben dafür Anlass genug. Die beiden, 28 und 32 Jahre alt, lassen sich psychologisch betreuen. „Ich habe über so etwas immer ein bisschen gelacht“, sagt Yasmina Bajrami, deren Familie aus dem Kosovo stammt. „Jetzt nicht mehr“, sagt sie.

Längst aber fühlen sie sich so, dass sie wieder arbeiten könnten. Aber es fehlt an Geld, „und wir verschulden uns mit jedem Monat ein bisschen mehr“, sagen sie. Immer wieder habe auch die Familie ausgeholfen.

Streit über die Höhe der Schadensssumme

Zwar habe man eine Versicherung abgeschlossen, die im Fall des Falles sowohl Verdienstausfall als auch den materiellen Schaden hätte absichern sollen, aber man streitet sich nach ihren Aussagen um die Versicherungssumme.

Der Gutachter der Versicherung sei zwar auch schnell vor Ort gewesen, aber die Versicherung habe nur 3000 Euro überwiesen. Von diesem Geld habe man gerade mal die Liegen neu beziehen können. Seitdem, so sagen die Frauen, schreibt ihr Anwalt an die Versicherung. Sie gehen zur Bank, reden über einen Überbrückungskredit.

Die Bank verlangt eine Rentabilitätsvorschau. Doch auch so ein Konzept kostet Geld. Was sie nicht haben, es geht auch um Fristen, die es einzuhalten gilt. „Wir sind immer irgendwie gerannt, haben gedacht, wir machen das, dann geht‘s weiter.“ Aber es geht nicht weiter. Die Bank zahlt nicht, so erzählen die Frauen. Nun, im Oktober, ist klar, es geht nicht weiter.

Einbruch, Vandalismus und Hakenkreuze: Junge Inhaberinnen von Physio Aktiv geben auf

Auf dem Hinweisschild am Eingang des Gebäudes am Christinentor deutet nichts auf das Ereignis im Februar hin. © Britta Linnhoff

Zu Beginn des Jahres gab es noch Pläne, zu expandieren

Dabei waren die Pläne wenige Tage vor dem Einbruch noch ganz andere: „Wir haben überlegt, zu expandieren“, erinnern sich Ibis und Bajrami; aus und vorbei der Traum.

Und eine Prognose der Fachleute der Beratungseinrichtung „Back Up“, die Opfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt berät, bei der die Frauen Rat suchten, sei eingetreten: „Die haben uns damals gesagt: Viele werden versprechen, zu helfen, aber so einfach wird es nicht sein.“ Hilfe von der Bank und von der Versicherung habe es jedenfalls nicht gegeben, sagen die Frauen.

Die Opferberatung Back Up macht immer wieder die Erfahrung, dass Opfer im weiteren Verlauf eines solchen Vorfalls erneut zu Opfern werden.

Die Akten über den Einbruch liegen bei der Staatsanwaltschaft. Konkrete Hinweise auf die Täter gebe es bisher keine, sagt Staatsanwältin Sonja Frodermann. Derzeit werde aber noch eine Spur ausgewertet. Es gehe um einen Fingerabdruck. Weil das Ergebnis noch nicht vorliege, laufe das Verfahren noch. Würde es eingestellt, wäre auch juristisch der Schlussstrich gezogen, was Yasmina Bajrami und Fatma Ibis für sich persönlich nun schon getan haben.

Die Opferberatung „Back Up“ in Dortmund ist für ganz Westfalen-Lippe zuständig. Gefördert wird die Opferberatung durch das Land NRW und die Stadt Dortmund. Das Büro ist unter Tel. (0231) 956 524 82 erreichbar oder per Mail unter contact(@)backup-nrw.org
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