Polizei und Stadt sehen sich auf gutem Weg

rn„Angsträume in Lünen erfolgreich verhindert“

Es gibt öffentliche Orte, an denen sich Menschen unwohl fühlen. „Angsträume“, nennt man die häufig. Laut Landesregierung ist das ein zunehmendes Problem. In Lünen sieht die Sache anders aus, sagt der Polizeipräsident.

Lünen

, 09.03.2018, 18:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Münsterstraße im Norden der City kennt Helga Mendrina wie ihre Westentasche: Seit 31 Jahren lebt die 64-jährige Ratsfrau (SPD) und Initiatorin des „Runden Tisches Münsterstraße“ – einer Initiative zur Aufwertung der mit den Jahren herunter gekommenen Straße – in der angrenzenden Victoria-Siedlung. „Im Winter, wenn es deutlich früher dunkel ist, fahre ich nach der Ratssitzung am Abend nicht mehr mit dem Rad alleine nach Hause. Da beschleicht mich schon ein komisches Gefühl“, sagt sie.

Jeder empfindet es unterschiedlich stark

Mit diesem komischen Gefühl steht Mendrina nicht alleine da. „Wie mir, geht es hier vielen Menschen“, sagt die 64-Jährige – und: „Ja, man kann hier schon von einem Angstraum sprechen. Wobei das natürlich jeder unterschiedlich stark empfindet.“ Das größte Problem sei die schlechte Beleuchtung der Straße. Das werde vor allem in der dunklen Jahreszeit durch die vielen leer stehenden Ladenlokale und deren dunkle Schaufenster verstärkt.

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung ist, zeigt auch eine Umfrage, die wir auf Facebook gemacht haben. Gibt es Angsträume, wenn ja, wo?, haben wir dort gefragt.

Einige Antworten:

Andere sehen die Situation gelassener:

Für den nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Reul (CDU) ist die Sache klar: „Angsträume in unseren Städten beeinträchtigen das Sicherheitsgefühl der Menschen besonders stark.“ Steht die Debatte über sogenannte Angsträume zu Recht wieder auf der Tagesordnung? Oder ist das nur populistisches Polit-Geschäft?

Die schwarz-gelbe Landesregierung behauptet jedenfalls, dass es in NRW ein gewachsenes Problem mit No-Go-Areas gebe. Bei der Verwendung des Begriffs gehe man von der „Wahrnehmung der Menschen vor Ort“ aus. Eine No-Go-Area sei ein Ort, an dem Menschen entweder erhebliche Angst und Unsicherheit empfinden oder den Menschen aus Angst gar nicht mehr betreten. Dementsprechend sei jede No-Go-Area auch ein Angstraum.

Polizei und Stadt sind sich einig

Dazu heißt es bei der Stadt Lünen: „Der Begriff Angstraum ist ein sehr subjektiv besetzter Begriff, der immer ein persönliches Empfinden widerspiegelt. Aus Sicht der Stadt selbst gibt es – auf Basis der Erkenntnisse der Ordnungsbehörden und der Polizei – keine konkreten Angsträume. Aus der Bürgerschaft erhalten wir aber vereinzelt Rückmeldungen, dass zum Beispiel im Bereich der mittleren Münsterstraße Ängste und Unsicherheiten bestehen.“

Von dem Tobiaspark, dem Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) und dem Seepark Horstmar als vermeintliche Angsträume auf Lüner Stadtgebiet ist in dem Antwortschreiben der Stadt auf unsere Anfrage keine Rede.

Der Zentrale Omnibusbahnhof in der City: Manch einer hält ihn für einen „Angstraum“ – für die Polizei ist er keiner.

Der Zentrale Omnibusbahnhof in der City: Manch einer hält ihn für einen „Angstraum“ – für die Polizei ist er keiner.

Ins gleiche Horn wie die Verwaltung stößt Polizeipräsident Gregor Lange. Über einen Sprecher lässt er uns Donnerstag mitteilen: „Der deutliche Rückgang der Kriminalitätszahlen in Lünen darf als Beleg dafür gelten, dass wir konsequent und erfolgreich Angsträume in Lünen verhindert haben. Um dies auch nachhaltig für die Zukunft zu verhindern, stehen wir für die Ordnungspartnerschaft gemeinsam mit der Stadt Lünen in den Startlöchern.“

Erfolgreiche Polizeiarbeit und ein gesteigertes Sicherheitsgefühl der Menschen sei ein wichtiger Baustein gegen populistische Meinungsmache auch in Lünen. Zu Drogendelikten im Bereich der Münsterstraße oder dem Tobiaspark sagt ein Polizeisprecher am Donnerstag: „Im Tobiaspark herrscht derzeit Ruhe.“

Wie es bei der Stadt heißt, soll die Ordnungspartnerschaft im Mai oder Juni an den Start gehen. Die Partnerschaft soll sich über das ganze Stadtgebiet erstrecken, wobei Einsatzschwerpunkte noch mit der Polizei abzustimmen seien. Damit ist ein eigener Sicherheitsdienst für den Tobiaspark kein Thema: „Einen Sicherheitsdienst gab es im Tobiaspark als punktuelle Aktion im Rahmen der Einführung des Wasserspiels.“

Kein dauerhafter Sicherheitsdienst im Tobiaspark

„Seine vorrangige Aufgabe lag dabei eher in der Einhaltung der Regeln beim Umgang mit dem Wasserspiel selbst“, sagt eine Stadtsprecherin am Donnerstag: „Für dieses Jahr ist es, ebenso wie im letzten Jahr nicht geplant, einen dauerhaften Sicherheitsdienst im Tobiaspark einzusetzen.“ Gleichwohl verfüge die verantwortliche Abteilung über die Flexibilität, bei Bedarf auch kurzfristig Sicherheitsdienste im Tobiaspark oder anderen Grünanlagen einzusetzen, erklärt die Sprecherin weiter. Anders als im Tobiaspark sieht es im Seepark Horstmar aus.

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Zur Erinnerung: Nach dem brutalen Überfall einer Jugendgruppe auf zwei Männer im Seepark im August 2017 hatte sich die Stadt von dem dort in ihrem Auftrag tätigen Sicherheitsdienst getrennt. Die Suche nach einem neuen Sicherheitsdienst läuft seit Anfang dieser Woche per Ausschreibung. Nach Angaben der Stadt sollen die neuen Sicherheitskräfte im April die Arbeit aufnehmen.

Für Ottonormalverbraucher nur schwer nachzuvollziehen

Das Polizeigesetz kennt keine Angsträume, auch dort will man Stigmatisierung vermeiden. Die Behörden kennen aber „kriminogene Orte“, man könnte auch vereinfacht Brennpunkte sagen. Definiert die Polizei einen Ort aufgrund statistischer Auffälligkeiten als solchen, darf sie dort auch ohne Verdacht auf eine Straftat Personen kontrollieren. In Dortmund ist das der Bereich der erweiterten Innenstadt und Nordstadt. Weitere Konzepte greifen in Bussen und Bahnen im Stadtgebiet.

„Die Polizei geht in Dortmund entschlossen und erfolgreich gegen Angsträume vor, in denen sich Menschen unwohl oder unsicher fühlen“, sagt Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange. Das zeigt, wie schwer der Umgang mit Angsträumen ist. In Dortmund gibt es welche, in Lünen nicht. Für Ottonormalverbraucher ist das nur schwer nachzuvollziehen.

Viele Hintergrund-Informationen

Das Thema Angsträume bewegt die Menschen. Deswegen haben wir auch mit weiteren Experten gesprochen. Was sagen Psychiater, was Kriminologen und Stadtplaner? Wir zeigen außerdem anhand von fünf Beispielen, wie andere Städte mit dem Thema Angsträume umgegangen sind. In einer Stadt sind sogenannte Nachtwanderer unterwegs. Die aufpassen - aber keine Bürgerwehr sein wollen.

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