Dr. Christian Lüdke (61) sagt: „Irgendwann haben Diskussionen mit Impfgegnern keinen Sinn mehr.“ © Lüdke
Corona-Virus

Psychologe zur Impf-Debatte: „Die Leute werden immer aggressiver“

Die Stimmung im Land wird immer schlechter. Geimpfte und Ungeimpfte stehen sich aggressiv gegenüber. Mit einer Frage versucht Psychologe Dr. Christian Lüdke Ungeimpfte aufzurütteln.

Viele Anfragen erreichen in diesen Tagen den bekannten Lüner Psychologen Dr. Christian Lüdke. Vor allem Radiosender aus Bundesländern mit besonders hohen Corona-Inzidenzen wie Bayern oder Thüringen wollen wissen, wie er die Stimmung zwischen Ungeimpften und Geimpften einschätzt.

„Die Leute werden immer aggressiver, auch in Geschäften. Leidtragende sind die Mitarbeiter, die nur ihrer Arbeit nachgehen und zugleich auf die Einhaltung der Regeln achten müssen“, so der Lüner. Auch eine seiner Töchter, die als Studentenjob in einem Discounter an der Kasse arbeitet, musste schon schlechte Erfahrungen machen. „Sie hat einen Kunden angesprochen, der ohne Maske in den Laden kam, daraufhin hat der aggressiv reagiert und ihr eine Packung Mehl entgegengeschleudert.“

Auf solche Erlebnisse reagiert jetzt auch eine große Supermarktkette, für die Lüdke schon länger arbeitet. Normalerweise kümmert er sich um Mitarbeiter, die Opfer von Überfällen geworden sind. Jetzt geht es um „herausfordernde Kunden“, die in immer mehr Supermärkten auffallen. Lüdke: „Vor Corona gab es nur ein paar Problemmärkte in Großstädten, wo trotz Hausverbots ein bestimmtes Klientel immer wieder aggressiv auffiel. Heute ist es flächendeckend so, dass die Mitarbeiter vor hochaggressiven Kunden geschützt werden müssen.“

Patienten gebeten, zu gehen

Es sind Leute, die weder Abstand halten, noch Masken tragen und auch eine Impfung ablehnen. „Ich habe auch schon Patienten gebeten, zu gehen, weil sie ohne Maske, ohne Test und Impfung kamen und behaupteten, noch nie was von 3G gehört zu haben.“ Für den 61-jährigen Familienvater ist die Impfung „ein Akt der Solidarität für unsere ganze Gesellschaft.“

Er behandelt auch Sportler, die sich jede Woche Schmerzmittel verabreichen lassen, um am Training teilzunehmen. „Wenn man dann fragt, was sie sich da spritzen lassen, wissen sie es nicht, weigern sich aber, sich gegen Corona impfen zu lassen, weil sie angeblich nicht wissen, was sie da gespritzt bekommen.“ Diese Protesthaltung ohne sich richtig zu informieren, macht Lüdke fassungslos.

In Gesprächen mit Impfverweigerern stellt er diesen eine Frage: „Schnallen Sie sich auch nicht an, wenn Sie mit dem Auto fahren? Dann sagen die Leute immer, natürlich, das ist ja eine Vorsichtsmaßnahme.“ Lüdkes Antwort: „Nichts anderes ist das Impfen, eine solidarische Vorsichtsmaßnahme gegenüber einer lebensgefährlichen Krankheit.“ Er will, das sagt er klar, „niemanden bekehren oder missionieren“ und ist die Diskussion mit falschen Fakten leid.

Lüdke ist bereits geboostert, versucht Abstand zu halten und große Menschenmengen zu meiden. „Meine Frau ist Kölnerin und war das erste Mal, seit wir uns kennen, nicht beim Karnevalsauftakt.“ Verständnis fehlt ihm, wenn er an die vollen Fußballstadien denkt. Am Wochenende war ein großer medizinischer Kongress mit 1000 Teilnehmern: „Ich habe mich für die Online-Variante entschieden und bin froh darüber.“

Nichts aus 2020 gelernt

Beim Blick auf immer noch unterschiedliche Regeln in den Bundesländern sagt Lüdke: „Aus der Situation im letzten Jahr hat man offenbar nichts gelernt. Das Krisenmanagement ist nicht gut.“ Im vergangenen Jahr habe er einen Artikel darüber geschrieben, warum sich Menschen so gern übers Wetter unterhalten: „Weil wir da alle irgendwie kompetent sind. Bei Corona sind wir das aber nicht, da sollte man auf die Mediziner hören.“

Irgendwann sei man mit Diskussionen am Ende, spätestens, wenn das Gegenüber unsachlich wird. „Dann sollte man einsehen, dass es nichts bringt, weiter zu reden.“ Und die Beziehung klären. „Corona ist eindeutig Belastungsstress für Beziehungen und Freundschaften.“ Wie für ein junges Paar aus seiner Bekanntschaft. Er ist geimpft, sie weigert sich. Er ist verzweifelt, hat Angst um das gemeinsame Kind.

Über die Autorin
Redaktion Lünen
Beate Rottgardt, 1963 in Frankfurt am Main geboren, ist seit 1972 Lünerin. Nach dem Volontariat wurde sie 1987 Redakteurin in Lünen. Schule, Senioren, Kultur sind die Themen, die ihr am Herzen liegen. Genauso wie Begegnungen mit Menschen.
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Beate Rottgardt