Sascha Gottwald will ins Rathaus: Wer ist der „extrovertierte Querdenker“?

rnBürgermeister-Kandidat der Freien Wähler

Auf dem Ticket der Freien Wähler will Sascha Gottwald als Bürgermeister ins Rathaus einziehen. Für ihn ist die Kandidatur „Herzensangelegenheit“. Im Wahlkampf setzt er auf den Schlussspurt.

Lünen

, 16.08.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sascha Gottwald ist von den Bürgermeisterkandidaten objektiv betrachtet sicher der, den man am ehesten als Außenseiter bezeichnen würde. Der 45-jährige selbstständige Versicherungsmakler tritt für die Freien Wähler an - und das aus guten Gründen.

Er wolle kein Steigbügelhalter für die anderen Kandidaten sein, kein Wasserträger, „es ist eine Herzensangelegenheit“, sagt Gottwald. Sollte der Außenseiter alle überraschen, gibt es am 13. September doppelt Grund zu feiern. An diesem Tag wird Gottwald 46.

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Aufgewachsen ist Gottwald in Hörde, ist später innerhalb Dortmunds umgezogen. Mit seiner Frau verschlug es ihn 2002 schließlich nach Lünen, genauer gesagt nach Niederaden - also ins Revier seines Konkurrenten Rainer Schmeltzer. Bei der letzten Bürgermeisterwahl, erinnert sich Gottwald, habe er noch als Wahlhelfer mit angepackt. Da habe er auch gemerkt, wie schnell sicher geglaubte Mehrheiten kippen können. In gut einem Monat steht jetzt sein eigener Name auf dem Zettel.

Viele Gründe für die Kandidatur

Warum? Da gebe es mehrere Gründe, sagt Gottwald. Zum einen das Unverständnis über viele Vorgänge in der Stadt. Die Feuerwehr sei in vielen Fällen nicht gut genug ausgestattet, um das zu leisten, was sie leisten soll, das müsse geändert werden. Dann setzte er sich für den Erhalt des Kleinbecker Parks ein. Hier habe die Verwaltung möglicherweise rechtlich richtig gehandelt - „aber menschlich kann es das nicht sein“. Vollkommen unverständlich sei ihm auch, dass im selben Zeitraum im Rat der Klimanotstand beschlossen worden sei.

Ernsthaft beschäftigt mit dem Gedanken habe er sich schon im Januar, nach einem längeren Gespräch in der Familie: „Da hat man mir gesagt ,Mach das doch! Du kannst das!‘ Das war der Meilenstein. Bis dahin hat mir ein bisschen die Traute gefehlt.“

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Engagiert hatte er sich schon vorher, als Mitglied im Ausschuss für Sicherheit und Ordnung, als stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Bildung und Sport sowie im Integrationsrat. Er gehörte erst den Piraten an, auch wegen deren Streben nach Transparenz, sei mittlerweile aber Mitglied der Freien Wähler.

Zuletzt sei ihm bei den Diskussionen um die mögliche Wiedereröffnung des Freibads Cappenberger See „die Hutschnur geplatzt“. Alle anderen Städte hätten es zu diesem Zeitpunkt schon geschafft, ihr Freibad wieder zu eröffnen. Lünen nicht. „Das habe ich als Ausrede empfunden.“ Ihm sei es wichtig, sich intensiv in Themen einzuarbeiten, bevor er darüber entscheidet.

Querdenker, aber auch konservativ

Als Bürgermeister möchte er sich nicht nur für die Feuerwehr einsetzen, er will auch das Thema Digitalisierung forcieren, gerade in den Schulen. „Wir müssen die IT-Abteilung aufstocken und auch dafür sorgen, dass die Hemmschwellen beim Lehrpersonal abgebaut werden.“

Die Integrationsbeauftragte Aysun Aydemir habe ihn mal als „extrovertierten Querdenker“ bezeichnet, sagt er. Er selbst habe sich nie so gesehen, aber es könne schon sein, dass das eine Seite von ihm sei. Er sei aber auch konservativ, habe beispielsweise wenig Verständnis für Radfahrer in der Fußgängerzone oder Wildpinkler im Seepark.

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Wenn in diesen Tagen das Wahlprogramm der Freien Wähler veröffentlicht wird, startet auch für ihn der Wahlkampf so richtig. Dabei setzt er ganz auf den persönlichen Kontakt auf der Straße. Plakate werden die Lüner von ihm nicht zu Gesicht bekommen. „Wir stellen infrage, ob das überhaupt noch zeitgemäß ist. Und wir wissen, dass das nicht umweltfreundlich ist.“ Das Material, das Herumfahren, die Kabelbinder, der Müll, wenn es zu Vandalismus kommt - das wollen er und die Freien Wähler nicht. Ganz verzichten auf Gedrucktes möchte er aber nicht - es werde wohl Flyer mit Aufdrucken auch in verschiedenen Sprachen geben. Sein Slogan: „Anpacken für Lünen.“ Die anderen haben längst angefangen, spät dran fühlt er sich aber nicht. „Die anderen können sich erst einmal abarbeiten, wir werden noch einen guten und geschickten Sprint hinlegen.“

Wohl nicht mit Pauken und Trompeten

Neben seiner Arbeit als Versicherungsmakler ist Gottwald auch bei der VHS in Lünen und Bergkamen aktiv, gibt Kurse im Bereich IT und EDV, das sei auch ein Hobby im privaten Bereich. Die Zeit der Corona-Krise habe er genutzt und sich fortgebildet. Genau das sei in vielen Situationen sein Ansatz: „Wie kann ich das Beste aus der Situation machen?“ Außerdem fährt Gottwald mittlerweile viel Rad, ist ein Fan von Ahnenforschung, kümmert sich um seinen Kater und die Tomaten und Gurken, die er auf seiner Terrasse anpflanzt.

Wie schätzt er seine Chancen für den 13. September denn ein? „Ich glaube nicht, dass ich mit Pauken und Trompeten ins Rathaus einziehen werde“, sagt Gottwald. „Aber man kann Alternativen aufzeigen.“ Er ist Bürgermeisterkandidat, steht bei den Freien Wählern aber auch auf Listenplatz 2 und will damit zumindest in den Rat einziehen.

Sollte er tatsächlich als Erster Bürger ins Rathaus kommen, will er sich „erstmal einen Überblick verschaffen“, wie er sagt: „Jürgen Kleine-Frauns hat ja damals sofort die Mauer auf der Viktoriastraße abreißen lassen. So einen Schnellschuss möchte ich erst einmal nicht machen.“

Sascha Gottwald ist verheiratet und hat keine Kinder. Am Freitag (21.8.) treffen wir uns mit ihm zum Videogespräch. Wenn Sie Fragen an Gottwald haben, schicken Sie die gerne bis zum Donnerstag, 20.8., per E-Mail an luenen@ruhrnachrichten.de.
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